Hochschulkooperation der LZ Künstliche Intelligenz zum Anfassen

von Redaktion LZ
Mittwoch, 25. September 2019
Spezialisten der Metro Group: Janina Klein und Ehler Lange
Jan Voth
Spezialisten der Metro Group: Janina Klein und Ehler Lange
Die Metro Group setzt Künstliche Intelligenz zur Optimierung verschiedener Geschäftsprozesse ein. Im Interview mit einer Nachwuchsjournalistin sprechen Ehler Lange, Spezialist für Data Science und Business Intelligence und Janina Klein, Product Owner bei der IT-Gesellschaft Metronom über Abverkaufprognosen, Kaufempfehlung und Preisoptimierung durch KI.

Was sind die typischen Anwendungsbeispiele von Künstlicher Intelligenz bei Metro?

Ehler Lange:Künstliche Intelligenz unterstützt uns in verschiedenen Bereichen zum Beispiel beim Analysieren des Kaufverhaltens unserer Kunden oder bei der Preisoptimierung.

Inwiefern analysiert KI das Kaufverhalten der Kunden?

Ehler Lange: Künstliche Intelligenz hilft uns beispielsweise, das sogenannte "Churn Risk" – also das Abwanderungsrisiko – zu erkennen und im Idealfall natürlich zu verhindern. Dabei unterstützen uns Algorithmen in zweierlei Hinsicht. Einerseits erkennen sie Muster, wie sich Kunden, die in der Vergangenheit abgewandert sind, verhalten haben. Andererseits füttern wir die Algorithmen mit "Features", also Eigenschaften über die Kunden und ihr Kaufverhalten. Dazu gehören zum Beispiel Fragen wie: Wann haben sie zuletzt eingekauft? In welcher Menge? In welchem Abstand kaufen sie für gewöhnlich ein? Der Algorithmus wählt dann automatisch aus, welche Eigenschaften entscheidend dafür sein könnten, ob ein Kunde sein Kaufverhalten abbricht oder nicht.

Welches Ziel verfolgen Sie damit?

Janina Klein: Wir wollen den Einkauf für unsere Kunden so angenehm wie möglich gestalten und das gelingt umso mehr, je besser wir sie kennen. Also fragen wir uns: Wovon könnte der Kunde noch ein bisschen mehr benötigen, was er vorher vielleicht gar nicht auf dem Schirm hatte? Welche Artikel kauft er noch offline, also im Markt? Könnten wir ihm diese auch online anbieten? Was kaufen andere Kunden aus dieser Kundenkategorie? Wäre das auch was für unseren Kunden? Was für Preisvorschläge und -anpassungen wären sinnvoll? Bei der Beantwortung all dieser Fragen unterstützen uns Algorithmen.

Förderprojekt

Journalismus-Studierende der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Frankfurt haben Experten unterschiedlicher Branchen zum Thema Künstliche Intelligenz (KI) interviewt:
Wo kommt sie bereits zum Einsatz? Welche Chancen und Risiken gibt es? Wird sie den Markt verändern?
Das von der Lebensmittel Zeitung unterstützte Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2019 gefördert. Die Nachwuchsjournalisten besuchten Börse, Banken und Versicherungen,
die Deutsche Bahn und Continental, aber auch Startups wie zum Beispiel "Whats Safe". Aus dem Handel haben Ehler
Lange und Janina Klein von der Metro Group einen Einblick gegeben.

Wie funktioniert die Preisoptimierung und wie hilft KI dabei?

Ehler Lange: Den idealen Preis für ein Produkt zu bestimmen ist schwierig und hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel von der Preisgestaltung und dem Angebot der Wettbewerber oder der Relation zu anderen Produkten. Es gibt beispielsweise Substitutionsprodukte, das sind Produkte, die sich sehr ähnlich sind und bei denen der Preis für die Kaufentscheidung ausschlaggebend ist. Oder Komplementärprodukte, bei denen das eine häufig in Kombination mit dem anderen benötigt wird, zum Beispiel Pommes und Ketchup. Der Algorithmus erkennt auch hier wie Muster, wie Preis und Nachfrage zusammenhängen und ermöglicht es uns so, den Preis anzupassen. Die Kunden erhalten einen idealen Preis, der ihr individuelles Kaufverhalten berücksichtigt.

Dann hilft KI bei der Individualisierung des Angebots?

Janina Klein: Ja, wir verhandeln mit den Kunden individuelle Preise. Jeder Kunde, der ein bestimmtes Abnahmevolumen erfüllt, bekommt einen personalisierten Preis. Dies ist im Großhandel so üblich. Wenn wir beispielsweise wissen, dass ein italienisches Restaurant immer Olivenöl von einer bestimmten Marke kauft, bekommt es dafür einen speziellen Preis und ist von jeglicher Werbung ausgeschlossen. Er weiß dann einfach, dass er hier den besten Preis erhält.

Und wie hilft die Technologie dabei, Regallücken zu schließen?

Ehler Lange: Regallücken entstehen immer dann, wenn die Nachfrage nach einem Produkt nicht gedeckt werden kann. Algorithmen helfen uns beim sogenannten "Demand-Forcasting", also der vorhersehbaren Bestellung. Dabei berücksichtigen sie, welche "Nachfrage-Peaks" bevorstehen: Wenn es heute besonders heiß werden sollte, könnte beispielsweise die Nachfrage nach Eis und Grillgut steigen.



Die Bevorratung kann also insgesamt besser kalkuliert werden?

Janina Klein: Grundsätzlich ist für uns die bessere Planbarkeit durch die Vorhersagen ein großer Vorteil. Ich kann nicht einfach auf gut Glück 500 Kilogramm Lachs bestellen und hoffen, das geht dann schon weg. Wenn wir wissen, was der Kunde wann in welcher Menge braucht, können wir die Artikel passgenau bestellen und lagern. Das reduziert Abfall. Außerdem können wir unsere LKWs bestmöglich auslasten und Routen maximal sinnvoll planen. So stoßen sie nicht unnötig CO2 aus und der Kunde bekommt seine Ware schneller.

Herr Lange, was ist Ihre persönliche Meinung zu KI?

Ehler Lange: Jede Technologie hat auch Schattenseiten. Grundsätzlich bin ich aber ein großer Fan von KI und begeistert, wie viel Datensätze und Algorithmen im öffentlichen Raum zum Trainieren bereits verfügbar sind. Von "Künstlicher Intelligenz" im eigentlichen Sinne sind wir aber noch weit entfernt: Die Algorithmen, mit denen wir heute arbeiten, sind eine "Inselbegabung"; sie können punktgenau eine Aufgabe lösen, aber ein grundsätzliches Verständnis von der Gesamtheit der Sache fehlt ihnen. Bei uns Menschen ist es umgekehrt; wir verfügen über "Weltwissen". Wir müssen uns demgegenüber in spezifische Aufgaben aber erst gründlich einarbeiten.

Das Gespräch führte Regina Wall, verschriftlicht wurde es von Lynn Söder

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