Integration durch Arbeit Unterstützung für den Berufseinstieg

von Silke Biester
Donnerstag, 01. März 2018
Beispielhaft: Ismail Hassan-Ismail macht bald den Abschluss als Verkäufer. Unterstützt wurde er von Holger Wenzl (l.), Joblinge, und Christine Ludwig, Nestlé.
Beispielhaft: Ismail Hassan-Ismail macht bald den Abschluss als Verkäufer. Unterstützt wurde er von Holger Wenzl (l.), Joblinge, und Christine Ludwig, Nestlé.
Der Food-Konzern Nestlé engagiert sich gemeinsam mit der Initiative Joblinge für die Integration geflüchteter Jugendlicher in den Arbeitsmarkt. Für direkte Kontakte sorgte vergangene Woche eine Ausbildungsmesse.

Der Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland hat nachgelassen und die Zahl jener, die einer Beschäftigung nachgehen, steigt. Doch sie ist nach wie vor gering. Von der Bewerbungspraxis bis zum Berufsalltag gilt es einige Hürden zu nehmen. Eine Herausforderung ist die Situation nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Unternehmen.

Der Nestlé-Konzern hat vor drei Jahren die Initiaive "Nestlé hilft" ins Leben gerufen, um gezielt jungen Flüchtlingen eine Zukunftsperspektive zu bieten. Im Rahmen der "Youth Emloyment Initiative" soll zudem der Jugendarbeitslosigkeit entgegengewirkt werden. Vergangene Woche war der Konzern erstmals Gastgeber der Ausbildungsbörse "After School Talk" in Kooperation mit der Organisation Joblinge. Die gemeinnützige AG engagiert sich, Jugendliche für den Berufseinstieg vorzubereiten, die sich schwertun, einen Ausbildungsplatz zu finden. Die Herkunft spielt dabei eine untergeordnete Rolle.

Rund 120 Kandidaten kamen zusammen mit Holger Wenzl, Unternehmenskoordinator für Joblinge, zum "Slow-Dating" mit ihren potenziellen Arbeitgebern ins Nestlé Competence Center in Niederrad. "Das ist die erste Ausbildungsmesse, die fast ausschließlich Joblinge vermittelt", freut sich Wenzl. Neben dem Gastgeber Nestlé präsentierten sich dort eine Reihe regionaler Arbeitgeber unterschiedlichster Branchen aus dem Rhein-Main-Gebiet, mit dabei auch Aldi Süd. Die Recruiterin des Discounters berichtet bereits von guten Erfahrungen bei der Beschäftigung von Flüchtlingen.

Kooperativ zum Ausbildungserfolg

Die gemeinnützige AG Joblinge kämpft gegen Jugendarbeitslosigkeit, indem sie jungen Menschen, die den Übergang von der Schule ins Berufsleben nicht allein schaffen, hilft, "sich einen Ausbildungsplatz zu erarbeiten". Das können Flüchtlinge sein, aber auch Deutsche. 68 Prozent haben einen Migrationshintergrund. In dem sechsmonatigen Programm setzen sich die Kandidaten zunächst mit sich selbst, ihren Stärken, Schwächen und Zielen auseinander. Soziale Kompetenzen, Motivation, Bewerbungstraining, gezielte Förderung der Eigeninitiative und Praktika in Unternehmen sollen den Weg in die Ausbildung ebnen. Bundesweit gibt es 28 Standorte in Ballungsgebieten. Die langfristige Kooperation mit unterschiedlichsten Unternehmen stellt die Praxisrelevanz sicher. Sie sind offen für Praktikanten und Auszubildende und stellen oftmals auch Mentoren, mit deren Unterstützung eine 1:1-Betreuung der Joblinge gewährleistet wird.

Zwölf zusätzliche Ausbildungs- und 30 Praktikumsplätze hat Nestlé in Deutschland bisher speziell für Geflüchtete geschaffen, um ihren Einstieg in den Arbeitsmarkt zu unterstützen. In wenigen Wochen wird Ismail Hassan-Ismail, der alleine aus Somalia gekommen ist, als erster seinen Abschluss machen. Anders als bei den rund 200 bisherigen Plätzen des Konzerns, wird das Angebot für Flüchtlinge etwas individueller gestaltet, berichtet Ausbildungskoordinatorin Christine Ludwig: "Wir passen die Ausbildung gegebenenfalls so an, dass sie gut zu dem Kandidaten passt." So konnte Hassan-Ismail beispielsweise im Nestlé-Marktplatzshop am Frankfurter Hauptsitz den Beruf des Verkäufers erlernen – eine berufliche Perspektive, die der Konzern zuvor nicht angeboten hatte. Besondere Unterstützung bekommt der Somali zudem für die Prüfungsvorbereitung. Obwohl er motiviert und engagiert arbeitet und inzwischen gut Deutsch spricht, stelle die Prüfungssituation eine besondere sprachliche Herausforderung dar, die sich vom Alltag deutlich unterscheide. Ludwig hat für ihren Schützling deshalb zusätzlichen Einzelunterricht organisiert, für den ein Lehrer einmal pro Woche ins Unternehmen kommt.

Obwohl sich die bei Nestlé ausgebildeten Flüchtlinge im Alltag ganz normal in die Gruppe aller Azubis integrieren, sei es wichtig, sich etwas intensiver für diese Nachwuchskräfte zu engagieren. Denn gelegentlich sei zusätzliche Betreuung notwendig, manchmal auch Unterstützung im Umgang mit Behörden oder ähnlich komplexen Anforderungen des täglichen Lebens.

Förderkurse für Flüchtlinge

•Flüchtlinge mit Aufenthaltserlaubnis dürfen grundsätzlich eine staatlich anerkannte Berufsausbildung in einem Unternehmen aufnehmen. Bei Geduldeten und Asylbewerbern muss die Ausländerbehörde zustimmen. Formale Qualifikationen wie ein Schulabschluss sind nicht notwendig, aber hilfreich.


•Voraussetzung für die Ausbildungsfähigkeit sind Sprachkenntnisse. Die Basis wird oft in allgemeinen Integrationskursen gelegt. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich im beruflichen Alltag und bei Prüfungen trotz erfolgreich abgeschlossenen "Deutsch-Tests für Zuwanderer" Verständnisschwierigkeiten ergeben.


•Zur Förderung der Sprache, Bildung und Fachtheorie finanziert die Agentur für Arbeit bei Bedarf "ausbildungsbegleitende Hilfen" oder eine "assistierte Ausbildung" mit noch intensiverer Unterstützung. Der Unterricht zielt darauf ab, eine erfolgreiche betriebliche Ausbildung zu ermöglichen.


•Das Bundesministerium für Bildung nennt fünf Gründe, warum es sich lohnt, Geflüchtete auszubilden: Sie sind Fachkräfte von morgen, häufig sehr motiviert, sorgen für Diversität, neue Blickwinkel und Imagegewinn.

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