Interview Fachkräftemangel "Aus der Not eine Tugend machen"

von Silke Biester
Freitag, 22. November 2019
Stefanie Sabet, ANG.
Stefanie Sabet, ANG.
Die Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG) will die Branche bei der Personalgewinnung unterstützen. Aktuelle Herausforderungen beschreibt die Studie HR Trends. Eine Kampagne soll die Attraktivität der Berufe kommunizieren.

Was sind die Problemfelder der Personalsituation?

Stefanie Sabet: Es besteht nach wie vor ein sehr hoher Fachkräftebedarf. Offene Stellen bleiben lange unbesetzt. Diese Situation manifestiert sich, obwohl die Unternehmen sehr aktiv sind und viel ausprobieren: Employer Branding, flexible Arbeitszeiten, Qualifizierung der Mitarbeiter. Viele Mittelständler sind auf gutem Weg, doch die Problematik bleibt bestehen. Das belegt unsere Studie, die wir zusammen mit der Personalberatung AFC gemacht haben.

Wo brennt es am meisten?

Sabet: In strukturschwachen Regionen – in denen viele Betriebe der Branche beheimatet sind – ist die Rekrutierung extrem schwierig. Insbesondere bei ernährungstypischen und technologischen Berufen, in der Produktion sowie Forschung und Entwicklung sind Mitarbeiter gesucht. Die findet man kaum in anderen Branchen, sodass sie entweder beim Mitbewerber abgeworben oder selbst ausgebildet werden. Wenn dann bald eine sehr große Gruppe von Spezialisten in Rente geht, spitzt sich die Situation weiter zu.

Anselm Elles, AFC.
Fotos: ANG, AFC
Anselm Elles, AFC.

Erkennen Sie Veränderung?

Anselm Elles: Seit wir 2012 die erste Studie dazu gemacht haben, versuchen wir, vor allem Mittelständler und Familienunternehmen für das Thema zu sensibilieren. Inzwischen sind Personalabteilungen in der Verantwortung, längerfristige Maßnahmen aktiv anzustoßen, die mancher Inhaber nicht im Fokus hat. Bis vor kurzem zielten diese in erster Linie darauf ab, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Inzwischen konzentrieren sich viele darauf, die Beschäftigten ans Unternehmen zu binden. Manche machen aus der Not eine Tugend.

Das müssen Sie erklären.

Elles: Es wird mehr in die Personalentwicklung investiert. Wir beobachten, dass zunehmend Fachkräfte Führungspositionen einnehmen. Dafür müssen sie vorbereitet werden. Auch Geringqualifizierte werden durch Weiterbildung an komplexere Aufgaben herangeführt. Außerdem stellen sich Arbeitgeber stärker auf die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter ein. Denn deren Ansprüche sind gestiegen. Es geht nicht mehr nur um Gehalt, sondern auch um das Arbeitsumfeld, Führungskultur oder Nachhaltigkeit.



Wie unterstützen Sie?

Sabet: Ab Frühsommer 2020 werden wir eine Profession-Branding-Kampagne starten. Über Social-Media-Kanäle wie Youtube und Instagram werden Berufe mit ihren vielfältigen Aufgaben und Karrierechancen vorgestellt. Wir wollen die Aufmerksamkeit potenzieller Auszubildender wecken und die Attraktivität hervorheben. Die Branche bietet super Perspektiven und ist ausgesprochen zukunftssicher, aber das ist bisher in den Köpfen der Jugend nicht platziert.

Können Sie noch mehr tun?

Sabet: Um die jungen Talente praxisnah an die Digitalisierung heranzuführen, sollten Unternehmen und Berufsschulen enger zusammenarbeiten. Hierfür müssen auch die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Dafür setzt sich die ANG ein.

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