Interview mit Alnatura-Geschäftsführern "Wir müssen als Gesellschaft neu denken"

von Annette C. Müller
Mittwoch, 08. April 2020
Alnatura erwirtschaftete 901 Mio. Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr.
imago images / STPP
Alnatura erwirtschaftete 901 Mio. Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr.
Interview mit Alnatura-Geschäftsführern
"Wir müssen als Gesellschaft neu denken"
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Die LZ sprach mit den beiden Alnatura-Geschäftsführern Kristina Büttner (Produktmanagement/Digital) und Rüdiger Kasch (Vertrieb) über die Entwicklung im Bio-Geschäft, den unangebrachten Druck von Händlern auf die Industrie und die Lehren aus der Corona-Krise.

Kunden greifen in Corona-Zeiten verstärkt zu Bio-Ware. Auch im Falle einer Rezession, auf die Deutschland zusteuert, gehen Händler, Lieferanten und Verbände im Bio-Segment von einem anhaltenden Trend zur ökologischen Ernährung aus. "Wir müssen als Gesellschaft neu denken - stärker in Richtung Klimaschutz, ökologischen Landbau und dass nicht Profit an erster Stelle steht", mahnen Büttner und Kasch.

Selbst Bioläden verzeichnen in Corona-Zeiten krasse Leerstände. Funktioniert die Warenversorgung noch nicht?

Kristina Büttner: Die Nachfrage hat sich auch bei Bioprodukten vor allem bei Nudeln, Mehl, Konserven, Obst und Gemüse stark nach oben geschraubt. Das führt dazu, dass Regale noch ab und zu leer sind.
Wir haben zweistellige Umsatzzuwächse in den letzten Wochen verzeichnet, nun flacht sich nach den vielen Bevorratungskäufen auch bei uns die Frequenz ab.

Ostern steht vor der Tür. Haben Sie Sorge, dass Sie nicht genügend Ware vorrätig haben?

Rüdiger Kasch: Nein.. Viele Kunden sind schon jetzt Zuhause und kochen jeden Tag. Alnatura unternimmt seit Wochen hohe Anstrengungen im Vertrieb und in der Logistik, um diese Situation zu bewältigen.

Welche?

Kasch: Wir haben unsere Logistik stark hochgefahren, ein zusätzliches Außenlager angemietet und die Zahl der Mitarbeiter in den Lagern fast verdoppelt. Damit werden wir bald eine deutliche Verbesserung bei den out-of-stocks hinbekommen.


 Alnatura-Geschäftsführer Kristina Büttner (Produktmanagement/Digital) und Rüdiger Kasch (Vertrieb)
Alnatura
Alnatura-Geschäftsführer Kristina Büttner (Produktmanagement/Digital) und Rüdiger Kasch (Vertrieb)
Experten erwarten bereits eine Rezession. Wird das den Bio-Boom bremsen?

Büttner: Es ist absehbar, dass Corona gesamtwirtschaftliche Folgen haben wird.
Dennoch sind wir überzeugt, dass Bio auch in unsicheren Zeiten wie diesen einen hohen Stellenwert hat. Immer mehr Menschen kaufen Bio-Produkte, das ist bei allen Händlern der Fall. Der Trend wird auch nach Corona anhalten, denn Bio ist eine wichtige Antwort auf die Frage, wie wir nachhaltiger leben und Umwelt und Klima schützen können

Kasch: Wir sollten uns als Lehre aus dieser Situation auf andere Inhalte fokussieren.

Welche wären das?

Kasch: Wir haben gelernt, wie angreifbar die Gesellschaft weltweit ist. Darum müssen wir als Gesellschaft neu denken – stärker in Richtung Klimaschutz, ökologischen Landbau und dass nicht der Profit an erster Stelle steht. Es gibt immer mehr junge Menschen, die aus dieser Überzeugung heraus handeln. Das ist der einzig vernünftige Weg.

Büttner: Die Frage muss sein: wie kann jeder einzelne durch die einfache Entscheidung, was er auf seinen Teller legt, einen Unterschied machen. Macht es zum Beispiel Sinn, weiter so ungehemmt Antibiotika in der Tierhaltung einzusetzen und unser Wasser mit Überdüngung zu belasten? Nein. Bio hat klare Antworten und eine klare Zukunft.

Wird gleichzeitig der Bio-Preis in den Fokus rutschen?

Kasch: Der Preis ist schon sehr im Fokus. Die Alnatura Bio-Spaghetti kosten 75 Cent. Wir wollen, dass unsere Bio-Bauern und Verarbeiter faire Preise erhalten. Man kann schließlich einer Kuh nicht die Hälfte Futter geben und dann eine Milchproduktion zu 100 Prozent verlangen.

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Einige Händler haben Aktionen ausgesetzt. Alnatura aber nicht, warum?

Kasch: Wir fahren in unseren Bio-Supermärkten Aktionen nur bei bestimmten Produkten, dort wo wir ausreichende Mengen anbieten können. In dieser Zeit, in der einigen Familien die Gehälter wegbrechen, ist es sinnvoll, Probierpreise weiterhin anzubieten.

Händler beschwören derzeit die Partnerschaft mit der Industrie. Doch hat mancher auf bevorzugte Belieferung gepocht. Wie halten Sie es damit?

Kasch: In so einer Situation ist es nicht angebracht, Druck auszuüben, sondern wir sollten gemeinsam nach Lösungen suchen. Schuldzuweisungen und bevorzugtes Behandeln sind nicht im Sinne unseres gemeinsamen gesellschaftlichen Auftrages. Wir bevorzugen auch auf der Seite unserer Handels-Kooperationspartner niemanden. Alnatura arbeitet mit sehr langjährigen Partnern zusammen, und das tun wir auch in dieser Situation partnerschaftlich.

Mitarbeiter auf der Fläche sind sehr gefordert. Kann der Handel das überhaupt ausreichend entgelten?

Büttner: Die Leistung, die unsere Mitarbeiter derzeit erbringen, ist riesig. Alnatura unterstützt alle Mitarbeiter im Vertrieb, der Logistik und auch unsere Dienstleister der Logistik mit einer zusätzlichen Zahlung. Wir wollen etwas zurückgeben und bieten in unseren Märkten mittags kostenlos Snacks und Getränke an, und haben schnell in Sicherheitsmaßnahmen wie Plexiglaswände an den Kassen für alle Märkte investiert.

Kasch: Es ist bemerkenswert, mit welcher Energie und Kreativität unsere Mitarbeiter mit der Corona-Herausforderung umgehen.

Kunden bestellen mehr online. Alnatura hat neulich seinen Onlineshop eingestellt. Ist das nun ein Nachteil für Sie?

Büttner: Nein. Wir sind wie bisher auch über Online-Kanäle wie Bringmeister.de erhältlich. Es kann sein, dass der Onlinehandel stärker im Fokus bleiben wird. Aber nichtsdestotrotz glauben wir, dass Alnatura sich im stationären Geschäft genauso weiter entwickeln wird wie bisher.

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