Interview mit Dirk Roßmann "Das ist eine andere Welt"

von Redaktion LZ
Donnerstag, 02. April 2020
Unternehmer Dirk Roßmann über seine Mitarbeiter: "Ich sehe pflichtbewusst und konzentriert arbeitende Menschen, die endlich jene Wertschätzung erhalten, die sie verdienen".
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Unternehmer Dirk Roßmann über seine Mitarbeiter: "Ich sehe pflichtbewusst und konzentriert arbeitende Menschen, die endlich jene Wertschätzung erhalten, die sie verdienen".
Interview mit Dirk Roßmann
"Das ist eine andere Welt"
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Der Unternehmer Dirk Roßmann spricht über die wachsende Wertschätzung für Mitarbeiter des Handels, die finanzielle Absicherung bei Rossmann und Chancen, die sich aus der Corona-Krise ergeben könnten.
Herr Roßmann, wie geht es Ihnen?

Gesundheitlich geht es mir sehr gut, vielen Dank. Aber ich mache mir natürlich Sorgen darüber, was in Deutschland und der Welt los ist.

In den Rossmann-Filialen sind die Folgen dieser Corona-Krise in Form von Hamsterkäufen, Regallücken und hohen Belastungen für die Mitarbeiter deutlich zu spüren. Gehen Sie selbst jetzt noch viel in die Läden?

Ich halte mich überwiegend zu Hause auf. Ich werde ja in diesem Jahr 74 Jahre alt, gehöre also zur höchsten Corona-Risikogruppe. Aber ja, ich besuche noch Filialen, allerdings mit dem gebotenen Abstand zu den Menschen.

Was nehmen Sie bei Ihren Besuchen wahr?

Es ist in kurzer Zeit eine andere Welt geworden. Die Innenstädte sind wie leergefegt, vor wenigen Tagen war ich beispielsweise mit meiner Frau in Lüneburg. Ich nehme Häuser und auch Kirchen jetzt mit ganz anderen Augen wahr. Und ich sehe die Situation in unseren Läden und in den Filialen der Wettbewerber.

Wie stellt sich diese Situation für Sie dar?

Ich sehe pflichtbewusst und konzentriert arbeitende Menschen, die endlich jene Wertschätzung erhalten, die sie verdienen. Dass wir, der Lebensmitteleinzelhandel und die Drogerien, als systemrelevant angesehen werden, das ist eine gute Seite dieser Krise. Die Solidarität mit den Menschen, die in den Filialen arbeiten, wächst. Diese gehen mit viel mehr Selbstgewissheit zur Arbeit, weil sie auch dank der Rede der Kanzlerin wissen, dass sie auch wichtig sind für andere Menschen. Sie sind sich jetzt ihrer eigenen Bedeutung bewusst, das spüre ich deutlich.

„Wir machen schon heute in einem Viertel der Filialen signifikant weniger Umsatz als im Vorjahr“
Dirk Roßmann
Wie groß sind die Sorgen der Mitarbeiter vor einer Ansteckung?

Natürlich gibt es diese Sorgen, aber wir tun alles, um unsere Mitarbeiter zu schützen. Wir haben vor fünf Wochen auf Alarm umgestellt. In der Verwaltung ist weit mehr als die Hälfte der Mitarbeiter zu Hause, wir achten auf Abstand und Hygiene. Aber auch wir können dieses Virus nicht ganz aufhalten. In unserem gesamten Unternehmen sind leider trotz der umfassenden Schutzmaßnahmen zwölf Mitarbeiter positiv getestet worden, etwa 200 befinden sich in häuslicher Quarantäne. In allen Bereichen gilt: Safety first.

Haben Sie auch mit Blick auf die Unternehmensfinanzen Vorsorge getroffen?

Wir stehen sehr gut da, erwirtschaften seit vielen Jahren gut auskömmliche Erträge, verfügen über eine Eigenkapitalquote von 60 Prozent, 470 Millionen. Euro an liquiden Mitteln und haben praktisch keine Bankschulden. Aber es ist wichtig, vorbereitet zu sein. Deshalb haben wir sehr zügig Verhandlungen mit unseren Banken geführt und unsere Kreditrahmen verdoppelt. Denn die Einschnitte dieser Krise für die Wirtschaft werden tief sein. Wie unser gesamtes westliches Wirtschaftssystem leben auch wir davon, dass konsumiert wird. Wir haben das Haus jetzt noch wetterfester gemacht.

Drogerien und der Lebensmitteleinzelhandel gehören bislang aber doch zu den Gewinnern der Krise.

Das ist richtig, bis Samstag lagen wir noch über Vorjahr. Aber diesen kleinen Boom vergessen wir mal. Ab dieser Woche sinken die Erlöse spürbar unter Vorjahr. In unseren Filialen im Ausland beobachten wird das verstärkt seit zwei Wochen.

Welche Ursachen hat das?

Die Menschen haben sich bevorratet, ihr Bedarf ist nun erstmal gedeckt. Partiell sind wir zwar mit Toilettenpapier und Hygieneartikeln unterversorgt, aber das gibt sich von Tag zu Tag mehr. Dafür entstehen Engpässe an anderen Stellen: Beim Parfum haben wir aus hygienischen Gründen die Tester entfernen lassen, das wirkt sich auf den Verkauf aus. Und die Fotodrucker werden unter den derzeitigen Umständen ebenfalls nicht mehr betrieben. Wir merken auch, dass wir die Prospektwerbung mit dem Aktionsgeschäft stark eingeschränkt haben. Die Tatsache, dass nicht mehr gereist wird und die Grenzkontrollen verschärft wurden, führte zu deutlichen Rückgängen in unseren Filialen in Grenznähe sowie auf den Ost- und Nordseeinseln. Die Phase, in der die Bäume in den Himmel wuchsen, ist definitiv vorbei.

Was bedeutet das für Ihre Jahresplanung – prognostizieren Sie für Rossmann noch immer Umsatzwachstum für das Jahr 2020?

Nein, denn der Gegenwind ist bereits zu spüren. Wir machen schon heute in einem Viertel der Filialen signifikant weniger Umsatz als im Vorjahr. Der Ertrag wird in diesem Jahr voraussichtlich geringer ausfallen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt um 20 Prozent sinken könnte. Das bedeutet, dass man das Jahr 2020 für die Wirtschaft abhaken kann. Und das wirkt sich selbstverständlich auch auf das Einkaufsverhalten unserer Kunden aus.

Welche Folgen wird das haben?

Für uns ist das zu verkraften, da bin ich entspannt. Wie gesagt: Wir haben keine Bankschulden und hohe Reserven. Andere Unternehmen stehen jetzt extrem unter Druck. Denken Sie an die Reisebranche oder an Mode- und Elektronikhändler. Denen sind die Einnahmen komplett weggebrochen.

Wird diese Krise noch schlimmer als die Finanzkrise im Jahre 2008?

Das ist überhaupt nicht vergleichbar. Denn im Gegensatz zu damals haben wir zusätzlich zur Finanzkrise jetzt auch noch eine Gesundheitskrise, in Teilen sogar eine Versorgungskrise. So etwas haben wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt.

Wie sollte die Politik darauf reagieren?

Die reagiert richtig gut, finde ich. Politiker wie Markus Söder, Jens Spahn oder die Kanzlerin treten in dieser Krise entschlossen und selbstbewusst auf. Das sind tolle Auftritte. Ich erlebe eine Klarheit in der Politik, wie sie mir in den vergangenen Jahren in diesem Lande oft gefehlt hat. Die Hilfspakete zur Unterstützung der Menschen und der Wirtschaft sind richtig und wichtig.

Was ist für den Handel entscheidend?

Liquidität, Liquidität, Liquidität, das predige ich meinen Söhnen immer. Die brauche ich als Händler. Gleichzeitig muss ich die Kosten im Blick haben. Die größten Kostenblöcke sind die Personalkosten und die Mieten. Insofern sind die Regelungen der Bundesregierung zur Beantragung von Kurzarbeitergeld enorm hilfreich. Von großer Bedeutung ist darüber hinaus, dass Unternehmen in dieser Phase Kredite erhalten können. Es ist deshalb ein guter Schritt, den Geschäftsbanken für diese Zwecke KfW-Mittel bereitzustellen. Die werden von vielen nach zwei, drei Monaten Krise dringend benötigt.

Kann das eine Pleitewelle verhindern?

In den meisten Fällen, ja.

Wie wird die Krise die Wirtschaft und das Land verändern?

Wie gesagt, einige Unternehmen und viele Menschen werden erheblich unter Druck geraten. Aber vielleicht wird das uns alle auch zum Nachdenken bringen, über die Oberflächlichkeit und Sorglosigkeit, die wir in vielen Dingen an den Tag gelegt haben. So wie wir wirtschaften und leben, auf Kosten des Klimas, der Umwelt, der Artenvielfalt, konnte es nicht weitergehen. Vielleicht trägt diese Krise ja dazu bei, dass sich die Menschen grundsätzlich mehr Gedanken machen und neu ausrichten.

Das Gespräch führte Jan Mende

Der Gründer

Dirk Roßmann geht auf Abstand in diesen turbulenten Corona-Zeiten. Er konzentriert sich auf das Geschäft, Anfragen für Talkshows hat er abgesagt. Dabei ist er einer der wenigen deutschen Handelsunternehmer, die in der Öffentlichkeit Farbe bekennen. In normalen Zeiten. Der 73-Jährige ist der Gründer des Drogeriekonzerns Rossmann, der 2019 europaweit 10 Milliarden Euro (brutto) umsetzte.


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