Karriere contra Lebensplanung Lust auf Leben neben der Arbeit

von Silke Biester
Freitag, 21. Februar 2020
Mitarbeiter fordern selbstbewusst Flexibilität für private Interessen.
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Mitarbeiter fordern selbstbewusst Flexibilität für private Interessen.
Karriere contra Lebensplanung
Lust auf Leben neben der Arbeit
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Vereinbarkeit von Beruf und Privatem ist nicht nur für Eltern ein Thema bei der Arbeitgeberwahl. Die Bereitschaft sinkt allgemein, für Karriere und Gehalt die Lebensplanung zu opfern. Das zeigt eine aktuelle Studie. Unternehmen individualisieren Arbeitszeiten, um Mitarbeiter zu finden und zu binden.

Traditionell stehen junge Mütter im Fokus, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder flexible Arbeitszeitmodelle geht. Doch: "Die Vereinbarkeitsbedarfe sind unabhängig von Alter, Familienstand und Elternschaft sehr hoch", so das Fazit einer repräsentativen Umfrage der Berufundfamilie Service GmbH unter Erwerbstätigen. Zwar geben mehr Frauen (81 Prozent) an, dass das Thema ihre Arbeitgeberwahl beeinflusst, doch auch bei Männern sind es fast drei Viertel (72,2 Prozent). Vergleichbar ausgeprägt ist das Bedürfnis sowohl bei Verheirateten oder Verwitweten (78,3 Prozent) als auch bei Ledigen (73,7 Prozent) sowie Geschiedenen (70,2 Prozent).

Ein Branchen-Rundruf der LZ zeigt, dass Unternehmen es sich nicht mehr leisten können, die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu ignorieren. Die Rewe Group lässt sich deshalb bereits seit 2009 von Berufundfamilie auditieren. "Wir haben das Thema in unsere Führungskräfteprogramme aufgenommen", erklärt HR-Bereichsvorstand Daniela Büchel. "Das verdeutlicht den Stellenwert, die Tragweite und das Selbstverständnis, das Vereinbarkeit bei der Rewe Group einnimmt. Wir möchten ein Arbeitgeber für alle Lebensphasen sein." Auch aus der Zentrale von Aldi Nord heißt es: "Eine ausgewogene Work-Life-Balance der Mitarbeiter ist bei uns von oberster Priorität." In regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen werde geprüft, wie man die Vereinbarkeit weiter verbessern könne, da man "das Thema in Zukunft verstärkt angehen" will. Wettbewerber Lidl betont ebenfalls den Anspruch, sich als attraktiver Arbeitgeber weiter zu entwickeln. Angebote von flexiblen Arbeitszeitmodellen bis hin zu einem dreimonatigen Sabbatical werden individuell abgesprochen und gelten unabhängig von Alter, Geschlecht oder anderen persönlichen Merkmalen.

"Das Thema wird immer relevanter und beschäftigt uns sehr", verweist Boris Stojevic, Head of Recruiting & Talent Management bei Nestlé, auf vielfältige Initiativen des Konzerns von Home-Office bis zu fünf Tagen unbezahltem Urlaub, die jeder Mitarbeiter nehmen kann. Hinzu kommt ein Fitness-Studio am Konzernsitz. Vor einigen Wochen wurde zudem bekanntgegeben, dass das Angebot für junge Eltern weiter verbessert wird durch bezahlte Elternzeit, neue Betreuungsangebote sowie einen Familienservice, der individuell unterstützt.

Die Molkerei Gropper versucht "höchst individuelle Modelle" bedarfsgerecht an die persönliche Situation anzupassen: Gleitzeit, Job-Sharing sowie Teilzeit auch in Führungspositionen. Aktuell beschäftige man sich damit, mehr "Flexibilität im Dreischichtbetrieb" zu ermöglichen. Die Mitarbeiter äußerten zudem häufiger den Wunsch nach mobilem Arbeiten. Auch in Vorstellungsgesprächen sei die Frage, ob man von zuhause arbeiten kann, keine Seltenheit mehr. "Weil es immer schwieriger wird, motivierte Fach- und Nachwuchskräfte zu gewinnen und zu binden, nehmen wir Themen wie diese sehr ernst", sagt Bianca Brandt, Senior Personalreferentin bei Gropper.

Der gute Arbeitsmarkt steigert das Selbstbewusstsein, Wunscharbeitszeiten oder -pausen aktiv einzufordern. Die Gründe dafür sind denkbar vielfältig: Von Freizeit mit Familie und Freunden, Hobbys, Sport oder Urlaub über die Pflege von Kindern oder anderen Angehörigen bis hin zu berufsbegleitender Weiterbildung. Wer es sich leisten kann, zieht klare Konsequenzen, wenn die privaten Bedürfnisse nicht ausgelebt werden können und wechselt den Job. Dabei beobachten die Studienmacher von Berufundfamilie einen Trend: Je jünger die Beschäftigten, desto entschlossener wird gekündigt. 77 Prozent der 18- bis 29-Jährigen betonen ihren Wechselwillen bei schlechter Vereinbarkeit, bei den 50- bis 64-Jährigen sind es noch 57,5 Prozent. Wer mit Kindern zusammenlebt, ist bei schwierigen Rahmenbedingungen zu 74,1 Prozent auf der Suche nach Alternativen. Bei Kinderlosen sind es aber auch noch 61,7 Prozent.

"Das klassische Rollenbild hat lange ausgedient", bringt die Gropper-Personalerin Brandt den Wandel auf den Punkt, "auch die Annahme, dass alle jungen Menschen karriereorientiert sind und zu Gunsten beruflicher Erfolge im Privatleben zurückstecken, ist aus unserer Sicht nicht mehr zeitgemäß."

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