Karriereplanung Durchstarten im Foodsektor

von Julia Wittenhagen
Freitag, 04. Dezember 2020
Handel oder Industrie? Keine Frage fürs Leben mehr. Die Sektoren sind durchlässiger für Wechselwillige geworden.
Smederevac/iStock
Handel oder Industrie? Keine Frage fürs Leben mehr. Die Sektoren sind durchlässiger für Wechselwillige geworden.
Karriereplanung
Durchstarten im Foodsektor
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Heute im Vertrieb einer Molkerei, morgen Mopro-Einkäufer im Handel: Die Wechselmöglichkeiten zwischen Agrarwirtschaft, Lebensmittelindustrie und -handel steigen und damit die Optionen für die Laufbahn.

"Je komplexer die Wertschöpfungskette von Nahrungsmitteln wird, desto mehr ist interdisziplinärer Austausch gefragt", stellt Anselm Elles fest. Er ist Vorstand der auf Food spezialisierten AFC Consulting Group. "Deshalb sind die Sektoren für Fachkräfte in den letzten sechs bis sieben Jahren viel durchlässiger geworden." Als Beispiel nennt er Expertise in einer Warenguppe: "Wenn ich mich mit den Inhaltsstoffen von Brot und Backwaren aus dem Vertrieb für einen Hersteller gut auskenne, kann ich die gleiche Warengruppe auch für einen großen Händler einkaufen." Oder Einkauf: Wo Rohstoffe herkommen, wie sie verarbeitet werden und unter welchen Arbeitsbedingungen, wo die besten Preise und die beste Ware zu bekommen sind – dieser globale Blick auf das Vertragswesen sei von zunehmender Bedeutung. "Hier kann es sich für einen Gewürzanbieter ebenso wie für einen Retailer lohnen, den Agraringenieur einzustellen, der den Impact der Anbaubedingungen auf die Ware kennt."

Ausdrücklich lobt er, dass die Bologna-Reform bereits im Studium neue Spezialisierungsmöglichkeiten geschaffen hat, so dass man den Bachelor BWL mit einem Master im Food-Sektor verknüpfen und umgekehrt den Agraringenieur mit Marketing- und Vertriebswissen aufladen kann.

"Viele Absolventen beginnen erst mit Mitte 40 zu überlegen, wohin ihre Karriere sie führen soll, und dann ist es zu spät!", sagt der Personalberater, der auch an Hochschulen gern Vorträge zum Thema hält. "Wir appellieren daher an Personalabteilungen, auf die Wünsche junger Leute einzugehen und ihnen bereits zum Karrierestart Perspektiven, Qualifikationen und Weiterbildungen anzubieten, die man ja an eine bestimmte Laufzeit des Arbeitsvertrags koppeln kann."

Doch wie sieht der optimale Start in den Foodsektor aus? "Auf alle Fälle sollte man das machen, wofür man brennt", ist Elles überzeugt. Eine Ausbildung reiche heute nicht mehr unbedingt, um CEO zu werden, "auch wenn sie in Deutschland immer noch ein absolutes Asset ist." Aber über Fachabitur und FH könne er sich Prozesse vorstellen, bei denen aus dem Fleischer ein Lebensmittelingenieur, Produktionsleiter und vielleicht auch CEO wird.

Duale Studiengänge findet Elles fantastisch. Wer die höheren Freiheitsgrade einer Hochschule schätzt, dem rät er zu Praktika, "aber nur bis zum Abschluss. Danach bieten korrekte Unternehmen reguläre Arbeitsverträge an."

Anselm Elles, Vorstand AFC Consulting Group
AFC Consulting
Anselm Elles, Vorstand AFC Consulting Group

Ob man als Bachelor oder besser Master ins Berufsleben startet, das sei die Millionen-Dollarfrage. "In einigen Studien wurde versucht, die Verzinsung eines Masterstudiums zu errechnen. Das ist die falsche Herangehensweise." Wichtiger sei die Breite der Interessen: "Wenn ich eher in die Produktionstechnik gehen will, kann ein Bachelor reichen. Interessieren mich verschiedene Funktionen wie Einkauf oder Category Management, bietet ein Master sicherlich eine breitere Orientierung." Dies auch vor dem Hintergrund, dass mit der zunehmenden Bedeutung interdisziplinärer Teams immer mehr Fachkräfte Führungsfunktionen übernehmen. "Ein Master unterstreicht Seniorität."

Bei der Arbeitgeberwahl rät er jungen Talenten, " nicht nur an die ‚Big Five‘ in dem Bereich zu denken, sondern offen zu sein für die ‚Sleeping Beauties‘." Wenn es nicht unbedingt Berlin oder Hamburg sein muss, helfe ein Blick in die Mitgliederliste der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE). Beim Arbeitgeberwechsel rät er dazu, Maß zu halten. Die Fluktuation junger Mitarbeiter nehme deutlich zu, aber wer alle zwei bis drei Jahre hüpfe, signalisiere wenig Durchhaltevermögen und Probleme, in einer Organisation richtig anzukommen. "Stimmt der Job, aber die Rahmenbedingungen nicht, sollte man sich zuerst fragen, ob es an einem selbst oder dem Unternehmen liegt, und gegebenenfalls in Verhandlung gehen."

Konzern oder Mittelstand, das sei Geschmackssache. Ein Konzern bietet vielfältigere Entwicklungsmöglichkeiten, aber auch Hierarchien. "Hinzu kommt, dass viele Konzerne, auch Lidl und Aldi, ihren Leuten eine Prägung geben. Das macht den Wechsel schwer." Im Mittelstand entstehe Loyalität eher über Produkte und Arbeitsumfeld als über internationale Karrierewege. Dafür würde Mitarbeitern früher Entscheidungskompetenz übertragen.

"Wir merken, dass junge Leute sehr hart arbeiten müssen. Trotzdem hilft es, sich ein breites Blickfeld für die persönliche Perspektive zu bewahren. Und Unternehmen sind gut beraten, wenn sie dabei unterstützen." Corona erschwere gerade vielen den Berufseinstieg. Doch die Food-Industrie habe ihr Recruiting schnell wieder hochgefahren.

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