Karstadt/Kaufhof "Fusion geht nur mit Blick nach vorn"

von Julia Wittenhagen
Freitag, 28. September 2018
Neues Spiel, neues Glück: Daniel Tasch, Partner und Vorstand der Promerit Management Consulting AG, zur Neuorganisation der letzten beiden Kaufhaus-Player.
Fotos: C. Lattmann, Promerit
Neues Spiel, neues Glück: Daniel Tasch, Partner und Vorstand der Promerit Management Consulting AG, zur Neuorganisation der letzten beiden Kaufhaus-Player.
32 000 Mitarbeiter sind involviert in die anstehende Fusion der beiden Kaufhaus-Ikonen Kaufhof und Karstadt. Fallen sie ein halbes Jahr in Schockstarre, verliert dieser Handelstyp noch mehr Kunden. Organisationsberater Daniel Tasch erklärt, worauf es bei Zusammenschlüssen ankommt.

Herr Dr. Tasch, angenommen, Sie würden als Change-Management-Experte zur Fusion von Kaufhof und Karstadt hinzugezogen, was würden Sie als erstes tun?

Ich würde durch wirksame Dialoge mit Führungskräften und Mitarbeitern von Karstadt und Kaufhof das einende, verbindende Element herausarbeiten. Das braucht man, um darauf später eine gemeinsame Identität aufzubauen. Jahrzehntelang haben die beiden Wettbewerber das Differenzierende, Trennende betont. Aber beide sind im stationären Einzelhandel unterwegs, der heftig unter Druck geraten ist. Wie kann nun die gemeinsame Vision, die Daseinsberechtigung aussehen? "Wir treten als die letzten erfolgreichen Warenhäuser auch in Zukunft dafür an, dem Kunden vor Ort hervorragende Produkte anzubieten. Also lasst uns den Einzelhandel neu erfinden", wäre ein Beispiel. Auch ein gemeinsames Zielbild erzeugt Zusammenhalt. Motto: "Wir wollen es Amazon zeigen."

Wie sollen die Führungskräfte mit den Mitarbeitern kommunizieren, so lange die Umsetzung der Fusion noch in der Schwebe ist?

Ehrlich und transparent. Auch wenn es zu Beginn einer Fusion viele formale Dinge zu klären gilt: Die Kür in Form von guter Mitarbeiterkommunikation muss sauber mitlaufen, um eine Schockstarre zu vermeiden. Es hilft schon, wenn der Vorstand sich hinstellt und sagt, was er weiß und was nicht. Die Nachrichten können wenige sein, aber sie sollten aufrichtig sein.

Beide Belegschaften haben in den letzten Jahren von Eigentümerwechsel bis Sanierungskurs viel erlebt. Wie motiviert man sie nicht nur zum Weitermachen, sondern sogar zum Noch-besser-werden in dem neuen Konstrukt?

Die Mitarbeiter begreifen, dass niemand zaubern kann, was die Beliebtheit der Warenhäuser beim Kunden angeht. Man kann sie also ruhig als mündige Erwachsene behandeln. Es nützt nichts, eine rosarote Brille über den Zusammenschluss zu legen und von neuem Zauber zu sprechen. Vor der Führung von Kaufhof und Karstadt liegt harte Arbeit. Es geht darum, Prozesse effizienter zu gestalten und auf Basis dessen beim Kunden eine höhere Wirkung zu erzielen.

Promerit

Sollte man in der Kommunikation unterscheiden zwischen Fach- und Führungskräften sowie Verkaufspersonal?

Nein, höchstens in der zeitlichen Abfolge: Denn Führungskräfte sollten schnell in die Lage versetzt werden, Fragen ihrer Mitarbeiter zu beantworten. Es geht um zentrale Fragen: Wo wollen wir lang, wer sind wir? Was ist unser Selbstzweck, warum sind wir hier? Und: Wie wollen wir hier führen und zusammenarbeiten? Die Antworten darauf sollten möglichst früh stehen. Ansonsten gilt der Grundsatz der Gleichbehandlung.

Wie schnell wird gleiche Bezahlung zum Thema?

In jedem Fall empfehle ich, Unterschiede zu erklären, wenn es dafür Gründe gibt wie Tarifverträge. Gibt es keine Gründe, muss man da schnell ran.

Eine Fusion mit dem direkten Wettbewerber ist immer ein schwer verdaulicher Brocken. Was hilft Mitarbeitern?

Hier ist meine Erwartung an das Personalmanagement als oberster Hüter der Unternehmenskultur, dass auf allen Ebenen darauf geachtet wird, lang gepflegte Vorurteile und Stereotypen hinter sich zu lassen. Nur dann gelingt der Blick nach vorn.

Würden Sie ein Austauschprogramm unter Karstadt- und Kaufhof-Mitarbeitern aufsetzen, um die Kulturen zusammenzuführen?

Firmen-, funktions- und standortübergreifend zusammenzuarbeiten, das ist etwas, was wir in solchen Situationen auf jeden Fall fördern. Was nämlich dabei passiert ist, dass der Kaufhof-Mitarbeiter merkt, dass der Karstadt-Kollege auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut ist. Und eh man sich’s versieht, sind Vorurteile überwunden.

Hätten Sie Interesse, diese Fusion zu begleiten?

Schwierige Mandate reizen mich immer und dies ist definitiv eins. Letztendlich geht es darum, der neuen Organisation ein FC Bayern-Gen mitzugeben. Zur Entwicklung dieses Selbstbewusstseins muss eine gute Change-Management-Beratung die richtigen Formate finden.

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