Werner Tewes

Kommentar Krise zur Unzeit

Montag, 30. März 2020
Die Corona-Pandemie trifft den stationären Nonfood-Handel mit voller Wucht. Vor allem die Unternehmen, die ohnehin über eine knappe Kapitaldecke verfügen, sind angesichts geschlossener Läden und fehlender Umsätze durchaus in ihrer Existenz bedroht. Kein Wunder, dass nun in einigen Konzernzentralen der Ruf nach staatlichen Hilfen laut wird.
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Krise zur Unzeit
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Dass sich in Teilen der Öffentlichkeit Widerstand regt, wenn vermeintlich schon zuvor schwächelnde Unternehmen den Staat um Unterstützung bitten, mag verständlich sein. Doch es lohnt sich, jeden Fall für sich zu betrachten. Das zeigt das Beispiel Galeria Karstadt Kaufhof.

Kaufhof
imago images / Revierfoto

Die Warenhausgruppe zieht nach LZ-Informationen alle Register, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern: Es geht um Kurzarbeitergeld für nahezu alle Filialbeschäftigten, zudem sollen KfW-gestützte Kredite in Höhe von 700 Mio. Euro und Bundesbürgschaften im Gespräch sein. Die Situation ist heikel. Angesichts von knapp 80 Mio. Euro fehlendem Umsatz pro Woche bedarf es einer schnellen Lösung. Dass René Benko, Kopf des Eigentümers Signa, signalisiert haben soll, ebenfalls Geld nachzuschießen, zeigt, dass er Verantwortung übernehmen und seinen Teil dazu beitragen will, das Unternehmen zu stützen. Gänzlich ohne staatliche Hilfe wird es am Ende aber wohl nicht gehen.

Denn das Unternehmen befindet sich mitten in einem schwierigen, langwierigen Transformationsprozess. Im vergangenen Jahr hat Galeria Karstadt Kaufhof dreistellige Millionenverluste verzeichnen müssen. Zwar ist aus der Zentrale zu hören, dass die Sanierung inzwischen „eigentlich abgeschlossen“ sei. Auch hat Benko erst kürzlich bei einem Wirtschaftstreffen in Düsseldorf kundgetan, dass das Thema Stellenabbau „praktisch“ beendet sei. Das Management soll zudem, vor der Coronavirus-Krise, für dieses Jahr ein positives Ergebnis von rund 100 Mio. Euro einkalkuliert haben. Doch erstens ist diese Zahl wegen der Pandemie Makulatur. Zweitens wissen Firmenkenner, dass das Eis, auf dem das Unternehmen wandelt, ohnehin sehr dünn ist.

Die Lage ist kritisch. Aussichtslos ist sie aber nicht. Schließlich hat das Management etliche Ideen in Petto, wie die Warenhausgruppe wieder langfristig auf Kurs gebracht werden kann. Einiges davon ist schon auf den Weg gebracht, etwa die Neuaufstellung der Logistik, die sich als Dienstleister für Dritte aufstellt. Gewiss zahlt nicht alles, was die Firma plant, darauf ein, primär das eigene Handelsgeschäft zu stärken. Manches wirkt auch noch unausgegoren. Aber es sind Ansätze, die zumindest auf den ersten Blick dabei helfen könnten, ein tragfähiges Geschäftsmodell zu etablieren.

Fakt ist: Mit den Arbeitnehmervertretern wurde erst Ende 2019 nach langwierigen Verhandlungen ein Sanierungstarifvertrag mit fünf Jahren Laufzeit abgeschlossen. Tatsächlich erwartete man also schon vorher erst zum Jahreswechsel 2024/25 eine endgültige Gesundung der Warenhausgruppe. Teil des Abkommens mit den Arbeitnehmervertretern war zudem die Einrichtung gemeinsamer Arbeitsgruppen, die strategische Konzepte in Feldern wie Omnichannel, Drittvermietung und Filialsortimente erarbeiten sollten. Zusammengesetzt haben sich diese Gremien informierten Kreisen zufolge noch nicht. Auch die erst im März begonnen Verhandlungen um einen Tarifvertrag bei der Tochter Karstadt Feinkost sind angesichts von Versammlungsverboten in Corona-Zeiten offenbar erstmal on hold. Das Virus hat das Timing für den Turnaround zerschossen.

War Galeria Karstadt Kaufhof schon vor Corona in einer schwierigen Lage? Ja. Wäre das Unternehmen ohne die Pandemie wieder in Schwierigkeiten geraten? Vielleicht, sicherlich aber nicht so bald. Hat der Konzern eine positive Fortführungsperspektive? Zumindest die Wahrscheinlichkeit ist vorhanden. Kein Zweifel besteht darin, dass die Corona-Krise das Unternehmen in eine Situation stürzt, in die es ohne das Virus nicht gekommen wäre. Und: Wird nichts unternommen, stünden rund 30.000 Mitarbeiter und etwa 170 Standorte in besten Lagen, die als Fixpunkte der City dienen können, vor einer ungewissen Zukunft. Eine Perspektive, die sich niemand ernsthaft wünschen kann.

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