Kundenservice in der Krise Erste Händler öffnen speziell für Risikogruppen

von Britta Rosbach
Mittwoch, 25. März 2020
Einige Lebensmittelhändler bieten nun auch hierzulande in der Corona-Krise besondere Einkaufszeiten für Senioren an.
Martin Egbert
Einige Lebensmittelhändler bieten nun auch hierzulande in der Corona-Krise besondere Einkaufszeiten für Senioren an.
Kundenservice in der Krise
Erste Händler öffnen speziell für Risikogruppen
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Um Senioren und Menschen mit Vorerkrankung besser vor Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, bieten einzelne Lebensmittelhändler in Deutschland spezielle Öffnungszeiten an. Doch der Service ist unter Händlern umstritten.

Food-Filialisten im Ausland machten es vor, jetzt ziehen vereinzelte deutsche Supermarktbetreiber nach und bieten exklusive Einkaufszeiten für Corona-Risikogruppen an. Denn ältere Mitbürger wie Menschen mit Vorerkrankungen sind besonders gefährdet, wenn sie sich mit dem Virus anstecken.

Einige selbständige Kaufleute haben entsprechend reagiert. So bietet Edeka Hetzenegger aus Bergisch Gladbach seit vergangener Woche in seinen Frischemärkten für Kunden ab 65 Jahren extra Einkaufszeiten zwischen 8 und 9:30 Uhr an. Den Aufwand stemmt er auch mit freiwilligen Helfern, die an den Eingängen den Senioren helfen. Sein hessischer Edeka-Kollege Ludwig Boßler aus Nauheim hat für Ältere sowie Menschen mit Vorerkrankungen von 7 bis 8 Uhr auf. "Das haben wir kurzfristig und auf Wunsch der Kunden gemacht", erzählt Boßler. Der Service komme bislang sehr gut an. "Die Menschen freuen und bedanken sich. Die Frequenz ist gut, zwischen 100 und 150 Kunden nutzen das Angebot pro Tag." 

Hinter der neuen Dienstleistung steckt einiger Organisations- und Arbeitsaufwand. Zum Beispiel verteilt Boßler Handschuhe und Desinfektionsmittel an die Frühkunden. Ein Security-Mitarbeiter steht an der Tür und schaut, dass alles geordnet läuft. Spezielle Einlasskontrollen gibt es zwar nicht, aber jeder Kunde muss einen Einkaufswagen nehmen. "Das hilft, die Kontaktabstände im Markt besser einzuhalten", so Boßler. 
Nicht zuletzt müssen sein Marktleiter und die Beschäftigten in der Frischeabteilung durch den neuen Service jetzt noch früher aufstehen, um ab 7 Uhr für die vielen Kunden alles bereit zu haben. 

LEH-Filialisten reagieren verhalten

Doch die Serviceidee ist nicht nur für selbständige Lebensmittelhändler ein Thema. Auch erste Handelszentralen beschäftigen sich damit. So bietet Rewe Austria derzeit in allen Filialen von Billa, Merkur, Penny und Adeg für Risikogruppen und systemrelevante Beschäftigte extra Einkaufszeitfenster von 8 bis 9 Uhr an. "Dort testen wir das jetzt, wie die Kunden reagieren, und ob es tatsächlich ein Vorteil für die älteren Leute ist", berichtet Rewe-Chef Lionel Souque gegenüber der "Bild Zeitung" vergangene Woche. Falls ja, gebe es Überlegungen, den Extra-Einlass auch hierzulande einzuführen.

Aktuell ist das aber noch nicht spruchreif, so die Rewe-Pressestelle auf LZ-Nachfrage. "Wir stehen in Deutschland hinsichtlich möglicher Maßnahmen im engen Austausch mit den Behörden. In Anbetracht der stabilen Versorgungslage und der unverändert kundenfreundlichen Öffnungszeiten sehen wir derzeit keine Notwendigkeit für Sonderzugangsregelungen."

Die Wettbewerber Aldi und Lidl, die Edeka Zentrale sowie Tegut halten sich in puncto Sonderöffnungszeiten ebenfalls noch zurück. "Wir beobachten die aktuelle Diskussion um dieses Thema und bewerten regelmäßig neu, ob so eine Regelung erforderlich ist", heißt es etwa aus der Tegut-Zentrale in Fulda gegenüber der LZ. Aktuell gebe es noch keine konkreten Planungen für eine kurzfristige Umsetzung in den Märkten. 

Neben rechtlichen Erwägungen – der Service könnte gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verstoßen – dürfte ein wesentliches Gegenargument der erhebliche Mehraufwand in den Filialen sein. Schon jetzt arbeiten dort die Beschäftigten an der Belastungsgrenze. Zudem muss vielfach der Filialeinlass begrenzt werden, damit nicht zu viele Kunden gleichzeitig in den Märkten einkaufen.

Lidl-Deutschlandchef Oppitz appelliert daher im LZ-Interview auch an die verstärkte Solidarität unter den Verbrauchern: "Unser oberstes Ziel in den letzten Tagen ist es gewesen, ein einheitliches Hygiene- und Schutzmaßnahmenkonzept in unseren Filialen umzusetzen, um unsere Mitarbeiter bestmöglich zu schützen und den Kunden weiterhin einen unbesorgten Einkauf zu ermöglichen." Um Kunden und das Filial-Team auf der Fläche besser zu schützen, hat der Discounter ähnlich wie seine Wettbewerber inzwischen recht umfassend vorgesorgt – etwa mit Plexiglasschutz an den Kassen, Desinfektionsmitteln,  Bodenaufkleber als Abstandshaltern und Wachpersonal am Eingang. 

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