Langfristige Unabhängigkeit für Unternehmen Neue Formen von Eigentum fördern

von Silke Biester
Freitag, 23. Februar 2018
Visionär: Armin Steuernagel und Achim Hensen (r.) wollen die Wirtschaft verändern.
Visionär: Armin Steuernagel und Achim Hensen (r.) wollen die Wirtschaft verändern.
Alternative Eigentumsstrukturen sollen das langfristige Überleben von Unternehmen sichern. Das Startup Purpose hilft, geeignete Lösungen zu finden und engagiert sich für die Entwicklung einer neuen Gesellschaftsform.

Darf der Inhaber mit einem Unternehmen machen, was er will? Im Grunde schon: Er kann es führen – zum Erfolg oder in die Insolvenz. Er darf es verkaufen, vererben, verschenken oder zerschlagen. Er kann die Gewinne reinvestieren, die Gehälter erhöhen oder teure Autos sammeln. Ist das richtig und gerecht? Geht es auch anders? Mit solchen Fragen begann Armin Steuernagel sich zu beschäftigen, als eine Mitarbeiterin ihn fragte, ob sie wirklich für das Ideal arbeite, mit phantasievollem Spielzeug Kinder glücklich zu machen. Oder ob sie sich doch nur für ihn persönlich anstrenge, den Eigentümer. Steuernagel konnte dem zunächst nicht viel entgegen setzen. "Die Mitarbeiter einer GmbH arbeiten für den Eigentümer, in einer AG für die Shareholder", beschreibt er die Basis, die ihn grübeln ließ.

Schon als 16-Jähriger hat er sein erstes Unternehmen gegründet: den Online-Versand Waldorfshop. Später kam ein zweites für Bio-Lebensmittel der Marke Mogli hinzu. Die dritte Gründung ist quasi die Antwort auf all die Fragen, die besagte Mitarbeiterin ausgelöst hat: Purpose, eine Stiftung, die das Prinzip "Steward Ownership" verbreitet – "Verantwortungseigentum". Es versteht sich von selbst, dass der Waldorfshop eines der ersten Unternehmen ist, in dem die Idee angewendet wird. Auch den ehemaligen Inhaber des Bio-Versandhauses Waschbär, Ernst Schütz, hat Purpose dabei unterstützt, eine neue Eigentümerstruktur zu entwickeln.

Zusammen mit Achim Hensen und einigen weiteren Purpose-Partnern trägt Steuernagel die Idee nun in die Wirtschaft. Wichtig ist ihnen einerseits die Verknüpfung von Unternehmerschaft und Eigentum. Andererseits werden Stimmrechte von den Gewinnrechten getrennt. Kurz gesagt: Das Unternehmen gehört sich selbst und wird treuhänderisch geführt. Diesem Grundgedanken folgend würden nicht Blutsverwandte eine Firma erben, sondern Werteverwandte werden eingesetzt und marktüblich bezahlt, um das Unternehmen zu behüten. Scheiden sie aus, verlieren sie auch das Sagen.

Im Detail gebe es allerdings verschiedene Lösungsansätze. "Wir unterstützen Unternehmen, die Gesellschaftsform zu finden, die den Fortbestand sichert", sagt Hensen. "Ziel ist es, langfristig, unabhängig und sinnorientiert zu arbeiten." Purpose versteht sich als "Denkpartner in Eigentumsfragen" und verspricht, praktikable Konzepte parat zu haben, ohne dass jahrelang Rechtsanwälte beschäftigt werden. "Eine GmbH könnten wir theoretisch binnen einer Woche umstellen", sagt Hensen. Die Anforderungen eines Startups mit großem Kapitalbedarf für die Expansion würden sich zwar von denen eines Familienunternehmens mit 100-jähriger Tradition unterscheiden. Letztlich gehe es aber immer darum, ob die Entscheider im Sinne des Unternehmens, des Kapitals oder im eigenen Interesse handeln.

Die beiden Gründer verweisen auf die Vielzahl mittelständischer Unternehmen, die Probleme haben, die Nachfolge zu regeln. Wenn sich in der Familie kein geeigneter Nachfolger findet, der den Betrieb wie gehabt weiter führen will, kommen oftmals Investoren zum Zuge. Für die Beschäftigten ist ein solcher Verkauf zumeist frustrierend, denn Restrukturierung, Druck auf Mitarbeiter und Lieferanten sowie Einschränkung von Qualität und Kundenservice stehen erfahrungsgemäß auf der Tagesordnung. Schließlich wollen kapitalorientierte Investoren den Kaufpreis plus Rendite wieder erwirtschaften.

Firma gehört sich selbst

•Purpose sieht den Sinn von Unternehmen nicht in der Gewinnmaximierung, sondern darin, was es für Kunden, Mitarbeiter und die Gesellschaft leistet.
•Das Unternehmen ist keine verkäufliche Ware, sondern gehört sich selbst.
•Stimmrechte können nicht vererbt oder verkauft werden. Sie sind von den Gewinnrechten entkoppelt, damit ökonomische Individualinteressen Entscheidungen nicht beeinflussen.
•"Verantwortungseigentümer" können nur solche Personen werden, die entsprechende Werte und Fähigkeiten mitbringen.
•Gewinne sind Mittel zum
Zweck und nicht Selbstzweck.
Sie werden hauptsächlich reinvestiert.

Die Konzentration der Wirtschaft und die wachsende Bedeutung gewinnorientierter Kapitalgesellschaften führe in eine Sackgasse. "Die Fokussierung auf den Shareholder Value schadet dem wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen", stellt Steuernagel entschieden fest. Er ist überzeugt, dass Unternehmen, die sich selbst gehören, erfolgreicher sind. Er verweist auf Dänemark, wo es rund 1 000 Unternehmen gibt, die gemeinnützigen Stiftungen gehören. Eine Studie der Copenhagen Business School habe ergeben, dass diese auf lange Sicht profitabler arbeiten, eine mehrfach höhere Überlebenswahrscheinlichkeit vorweisen, ihre Mitarbeiter besser bezahlen und länger an sich binden können.

Auch hierzulande belege die steigende Zahl von Stiftungs-Unternehmen die Relevanz des Themas. An dem Diskurs des Purpose-Netzwerks beteiligen sich beispielsweise Branchenpersönlichkeiten wie Thomas Bruch von Globus, Ex-Tegut-Inhaber Wolfgang Gutberlet und Alnatura-Chef Götz Rehn. Als Beirat des Startups engagiert sich der ehemalige Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger.

Die von vielen Unternehmen eingesetzten Stiftungskonstruktionen betrachten Steuernagel und Hensen eher als Notlösung. Sie wünschen sich eine eigenständige alternative Eigentumsform. Dafür fehle bis dato aber die rechtliche Grundlage. Den Austausch mit der Politik haben sie bereits angestoßen. Eine Arbeitsgruppe mit verschiedenen Verbänden, arbeitet an Lösungen, berichten sie. Ein erster Gesetzentwurf könnte voraussichtlich im Oktober vorgestellt werden. Die Purpose-Gründer wollen die Gesellschaft verändern: "Damit die Wirtschaft wieder den Menschen dient und nicht umgekehrt."

Händler reduzieren Übernahmerisiko

Um langfristige Unabhängigkeit abzusichern, schaffen Handelsunternehmen neue Eigentumsstrukturen. Beispielsweise hat Globus-Chef Thomas Bruch vor zehn Jahren die rechtliche Basis geändert. Die Stimmrechte an der Holding können nicht vererbt werden. Sie gehen über eine Stiftungsstruktur an diejenigen, die Werte und Fähigkeiten mitbringen, das Unternehmen zu führen. Zudem sind 10000 Mitarbeiter als stille Gesellschafter beteiligt.

Das Öko-Versandhaus Waschbär (Triaz GmbH) hat mit Purpose-Unterstützung eine individuelle Struktur geschaffen: Gesellschafter von Triaz ist die Artiz GmhH. 99 Prozent der Stimmrechte halten Treuhand-Unternehmer (Geschäftsführer). 1 Prozent hält die Purpose-Stiftung, in deren Satzung festgelegt ist, dass sie immer ihr Veto-Recht gegen einen Verkauf geltend machen wird.

Auch dm-Gründer Götz Werner hat seine Anteile in eine Stiftung eingebracht, damit „unabhängig von der Blutsverwandschaft“ die fähigsten Personen den Drogeriefilialisten leiten. Zwei Gremien vertreten die Stiftung: Der operative Vorstand hält die Stimmrechte, während ein gemeinnütziges Gremium über jene Gewinnanteile entscheidet, die nicht ins Unternehmen reinvestiert werden. Die Stiftung hält allerdings nur 50 Prozent der dm-Anteile, da die Familie des langjährigen Mitgesellschafters Günther Lehmann ihre Anteile behalten hat. 

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