Lippenbekenntnis Chancengleichheit Weniger Frauen in Führung

von Silke Biester
Donnerstag, 28. November 2019
Ideale Kandidatin: Bei Führungspositionen weichen Arbeitgeber ungern vom Optimum ab.
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Ideale Kandidatin: Bei Führungspositionen weichen Arbeitgeber ungern vom Optimum ab.
Von gezieltem Recruiting von Frauen für Führungspositionen kann in der Nahrungsmittelwirtschaft nicht die Rede sein. Eine aktuelle Studie von Topos und der Fachhochschule Erfurt belegt sogar einen Rückgang.

Die Zielsetzung, mehr Frauen ins Top-Management zu bringen, ist in der Wirtschaft allgegenwärtig – zumindest in der Theorie. In der Praxis hat sich in der Nahrungs- und Genussmittelindustrie dagegen nichts bewegt: "Es ist ernüchternd, dass der Anteil sogar eher sinkt, anstatt zu steigen", stellt Carl Christian Müller von der Personalberatung Topos fest. Zum zehnten Mal hat er in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Erfurt eine Studie durchgeführt, die die Personalsituation der Branche beleuchtet. Die Wiederholung des Schwerpunktthemas "Rekrutierung weiblicher Führungskräfte" macht einen Vergleich im Zeitverlauf möglich.

Demnach sind 2019 im Schnitt 20,8 Prozent der Führungspositionen weiblich besetzt. Das ist ein Rückgang um 2,8 Prozent gegenüber 2016. Bei 8,75 Prozent der Unternehmen gibt es ein Ziel, den Anteil zu erhöhen. Doch von dieser Minderheit geben nur 14,3 Prozent an, gezielte Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf umzusetzen. Knapp ein Drittel aller Befragten steht dazu, "nichts" zu unternehmen, um den Anteil von Managerinnen zu erhöhen: "Alle werden gleich behandelt", heißt es. Etwa ebenso viele geben aber an, dass flexiblere Arbeitszeiten, Teilzeit und Jobsharing das Gleichgewicht der Geschlechter verbessern könnten.

"Angesichts des derzeitigen Fachkräftemangels, der wie fast alle Branchen auch die Nahrungs- und Genussmittelindustrie betrifft, sollten Unternehmen das Potenzial weiblicher Fach- und Führungskräfte eigentlich als große Chance begreifen", betont der Studieninitiator Müller. Die Analyse belegt jedoch eine große Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Zwar nannten die meisten befragten Unternehmen das Angebot flexibler Arbeitszeiten sowie weiterer Rahmenbedingungen als wichtigste und erfolgversprechendste Maßnahme, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Gleichzeitig legt jedoch der Großteil der Betriebe großen Wert darauf, dass Führungskräfte Vollzeit arbeiten. Längere Auszeiten – zum Beispiel Elternzeit – werden als eines der größten Hindernisse auf dem Weg in die Führungsetage gesehen.

Dennoch sehen lediglich 20 Prozent der Betriebe die Notwendigkeit für ein gesellschaftliches Umdenken. "Auch die Tatsache, dass nur 60 Prozent der Befragten eine finanzielle Gleichstellung zu männlichen Kollegen bieten, zeigt deutlich, dass das Mindset sich hier kaum weiterentwickelt hat", findet Prof. Steffen Schwarz von der FH Erfurt, der die Studie wissenschaftlich begleitet hat.

„Es sind zwar zunehmend sehr qualifizierte Frauen am Markt. Doch diesefordern oftmalsflexiblere Rahmenbedingungen“
Carl Christian Müller, Topos

"Viele Frauen brauchen mehr Flexibilität, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen", weiß Müller. In der Realität wird ihnen diese allerdings seltener geboten, als man der allgemeinen Diskussion nach meinen könnte. Viele Unternehmen zeigten sich nur dann zu Kompromissen bereit, wenn sie eine sehr gute Mitarbeiterin unbedingt halten wollen. Bei Neueinstellungen dagegen sind sie nicht flexibel. Diese Haltung bremst weibliche Karrieren zusätzlich, weil ein Jobwechsel – der oftmals den entscheidenden Schritt nach vorne bringt – für Frauen mit Familie doppelt schwer werden.

Erstmals hat Topos als Teil der Studie erfasst, welche Eigenschaften, Charakterisitika und Rahmenkriterien eine Frau erfüllen muss, um die Anforderung der Betriebe zu erfüllen. Dazu gehören die Bereitschaft, in Vollzeit zu arbeiten sowie Reise- und Umzugsbereitschaft. Bei vielen Frauen, die Kinder haben, ist dies allerdings eingeschränkt. Und die wenigsten Arbeitgeber machen bei diesen Faktoren eine Ausnahme, solange sie noch alternative Kandidaten haben, bei denen auch diese Kriterien passen. Im Klartext: Solange gleich qualifizierte Männer am Markt zu haben sind, bekommen diese den Top-Job.

Die Studienergebnisse spiegeln sich auch in der Praxis des Personalberaters: Das Anforderungsprofil sei zwar neutral formuliert, da es den Unternehmen im Grunde egal ist, ob ein Mann oder eine Frau eingestellt wird. Bei der tatsächlichen Besetzung machten Frauen allerdings häufig nur dann das Rennen, wenn es eine vorgegebene Quote gibt, die erfüllt werden soll. "Es sind zwar zunehmend sehr qualifizierte Frauen am Markt. Doch diese fordern oftmals flexiblere Rahmenbedingungen", stellt er fest. Freiwillig sei dazu kaum jemand bereit. Und dennoch: "Der Anteil von Top-Managerinnen wird bald steigen", ist Müller zuversichtlich. Warum? "Die Not wird größer: Wenn in maximal fünf Jahren die Babyboomer scharenweise in Rente gehen, wird das riesige Lücken aufreißen." Dann müssen sich auch solche Unternehmen bewegen, die bisher wenig Flexibilität zeigen.

sb/lz 48-19

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