Managerin des Jahres Leidenschaft für Veränderung

von Silke Biester
Freitag, 18. September 2020
Visionärin: Mit Experimentierfreude, solidem Management und agilen Methoden führt Angela Titzrath die HHLA.
Tina Axelsson/HHLA
Visionärin: Mit Experimentierfreude, solidem Management und agilen Methoden führt Angela Titzrath die HHLA.
Managerin des Jahres
Leidenschaft für Veränderung
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Angela Titzrath, Vorstandschefin der Hamburger Hafen und Logistik Aktiengesellschaft spricht mit der LZ über den zukunftsweisenden Wandel von Führung und Container-Transport.

Frau Titzrath, Sie werden als Managerin des Jahres ausgezeichnet. Worauf kommt es an, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen?

Mein Führungsstil ist sehr kommunikativ. Ich rede mit den Shareholdern genauso regelmäßig wie mit meinen Vorstandskollegen, den Führungskräften und, mir ganz besonders wichtig, mit den Mitarbeitern. Des Weiteren interessieren mich die Erwartungen der Kunden. Für Informationen aus erster Hand nehme ich gern persönlich vor Ort Kontakt auf. Auf dieser Basis kann ich mit dem Führungskreis Ziele und Strategien für die Zukunft erarbeiten.

Welche Ziele sind das?

Die Hamburger Hafen und Logistik Aktiengesellschaft steht auf einem soliden Fundament. Damit dies so bleibt, müssen wir unser Kerngeschäft, den Umschlag und Transport von Containern, fit für die Zukunft machen. Es muss effizient und produktiv sein. Wachstumspotenziale sehen wir in neuen Geschäftsfeldern und der Digitalisierung. Wir beteiligen uns dazu sowohl an Forschungsprojekten und Machbarkeitsstudien wie auch an Startups. So fragen wir uns, ob man Container per Hyperloop oder Drohne transportieren kann und inwieweit der 3D-Druck die Transportnotwendigkeit mancher Teile künftig ablösen wird.

Sie führen die HHLA ohne Vorerfahrung in der Schiffslogistik. Braucht man kein Branchenwissen?

Als ich im Jahr 2016 nach Hamburg kam, hatte ich mehr als 20 Jahre Berufs- und Führungserfahrung. Fünfzehn davon in verschiedenen Top-Führungspositionen als Vorstand und Geschäftsführerin im Automobilbereich und in der Post. Ich habe auf drei Kontinenten gearbeitet, war fürs globale After-Sales sowie Vertriebsgeschäft und Werkslogistik verantwortlich. Da ist der Sprung zur europäischen Logistik nicht so weit, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Zudem sind wir in vier Kernsegmenten diversifiziert und breit aufgestellt: Das ist der Containerumschlag, der Schienen-Güterumschlag, Immobilien und die klassische Logistik.

Als Quereinsteigerin hat man Sie als "teuerste Azubine Hamburgs" verspottet. Wie geht man mit so etwas um?

Das hat jemand gesagt, bevor er mich kennenlernen konnte. Ich habe diese Aussage eher als Versuch betrachtet, Kontakt mit mir aufzunehmen. Immer weiter zu lernen, wie Auszubildende, ist ja nicht negativ, sondern im Gegenteil Chance und Notwendigkeit. Als zwei Jahre später der Unternehmenswert der HHLA um einen dreistelligen Millionenbetrag gestiegen war, hat mich die gleiche Person übrigens als "Königin der Logistik" bezeichnet.

Sie liefern gute Ergebnisse und große Träume. Können Ideen wie Hyperloops und Drohnen zum Millionengrab werden?

Wir leben in agilen Zeiten und fixieren keine Strategie für zehn Jahre. Wir haben die Saat für Neues ausgebracht. Manches davon ist noch nicht aufgegangen. Und es gibt schon reifere Projekte. In jedem Fall prüfen wir kontinuierlich, wodurch sich die Geschäftsentwicklung verbessern lässt.

Sie treiben Veränderungen gezielt voran. Wie nehmen Sie die Menschen mit?

Ich bin selbst mit Leidenschaft bei der Sache und lade zur Inspiration immer wieder leidenschaftliche Menschen ein. Das steckt an und weckt Neugierde. Im Unternehmen gibt es bereits sehr viel Wissen und Können. Veränderung ist ein allgegenwärtiger Teil täglichen Handelns. Sie lässt sich nicht aufhalten, aber man kann den Menschen die Angst davor nehmen, indem man sie begleitet. Beteiligung sorgt dabei für mehr Akzeptanz. Deshalb ist die Führungskultur in der digitalen Transformation so bedeutend. Man muss verstehen, dass es nicht darum geht, einen Wandel von Punkt A zu Punkt B durchzuführen, sondern es geht kontinuierlich weiter: nach B kommt C und so weiter.

Gleichstellung fördern

"Angela Titzrath hat in der Männerdomäne Autoindustrie und Logistik eine bewundernswert steile Managementkarriere hingelegt", lobt Ulrike Detmers, Sprecherin der Geschäftsführung bei Mestemacher. Für die Initiatorin des Gleichstellungspreises "Managerin des Jahres" gehören Frauen genauso selbstverständlich in die Führung sowie Kontrollgremien der Wirtschaft, wie Männer in Kinderzimmer und Haushalt. Zum 19ten Mal verleiht Detmers den Preis am heutigen Freitag im Berliner Hotel Adlon an ein "Vorbild für die weibliche Nachwuchs-Elite".

Wie finden Sie für Neues die richtigen Leute?

Oftmals in den eigenen Reihen. Dafür ist es wichtig, anderes Denken zuzulassen. Ein Beispiel: Als wir kürzlich einen Leiter für ein neues Projekt gesucht haben, war meine einzige unumstößliche Bedingung, dass derjenige irgendetwas aus echter Leidenschaft verfolgt. Egal was. So haben wir einige schlummernde Talente im Unternehmen entdeckt. Wir haben einen KI-Experten gefunden, jemanden der chinesisch spricht und einen Mitarbeiter, der 3D-Druck als Hobby betreibt.

Dann suchen Sie nicht extern?

Es kommen auch neue Mitarbeiter von außen. Das ist schon deshalb wichtig, weil wir diverser und weiblicher werden wollen. Bei meiner ersten Begegnung mit dem Führungskreis wollte ich eigentlich die "Damen und Herren" begrüßen, musste aber überrascht feststellen, dass gar keine Damen dabei waren.

Hat sich das unter Ihrer Führung geändert?

Ja, hat es. Im Top-Führungskreis gibt es mehr Managerinnen, aber immer noch zu wenig. Bei den Auszubildenden sind hingegen die Hälfte weiblich. Und auf unseren Containerbrücken treffen sie auch vermehrt Kranführerinnen. Es gibt mehr Frauen im gesamten Unternehmen.

Wie gehen Sie in der HHLA mit der neuen Ungewissheit durch Corona um?

Es hat uns sehr geholfen, dass wir die Transformation schon vor Corona eingeleitet hatten. Unsere Muskeln waren bereits trainiert, und die digitale Ausstattung und Arbeitsweise vorhanden. Die Kommunikation und Verlässlichkeit in den Teams haben mit dem Umzug ins Homeoffice deshalb sofort funktioniert.

Und der Warenfluss?

Corona hat gezeigt, dass die logistischen Ketten anfällig sind. Aber sie sind nicht gerissen! Es ist uns gelungen, stabile Prozesse, unter anderem auch für die Versorgung des Lebensmitteleinzelhandels, aufrecht zu halten. Das war anstrengend und unsere Mitarbeiter haben alles gegeben. Darauf sind wir stolz. Wir haben das gemeinsam geschafft, ohne Staatshilfe und ohne Kurzarbeit.

Sie hatten keine wirtschaftliche Krise?

Auch wir sind wirtschaftlich gefordert, aber wir haben das erste Halbjahr mit einem Gewinn von fast 50 Millionen Euro abgeschlossen. Niemand hat mit einer solchen Pandemie gerechnet. Mögliche Gefahren durch Computerviren waren bekannt, aber einen Krankheitsvirus hatten wir alle nicht auf dem Schirm. Letztlich bestätigt die Coronakrise unsere Strategie der Diversifizierung.

Viele reden über das Ende der Globalisierung durch Corona. Fürchten Sie dadurch Verluste?

Die Globalisierung birgt Risiken, die durch die Krise offen gelegt werden. Doch das löscht die Vorteile einer global vernetzten Industrie nicht aus. Es wird keine völlige Umkehr geben. Unternehmen, die in der Krise finanzielle Probleme haben, können nicht plötzlich die Produktion von Asien nach Europa verlegen. Die Frage lautet eher, welches Ausmaß wird die Globalisierung künftig haben?

Verändert die aktuelle Lage die Managerin Angela Titzrath?

Der Krise sind wir in der HHLA mit aller Professionalität begegnet. Aber auch als Vorstandsvorsitzende höre ich nicht auf, dazuzulernen und mein Rüstzeug weiter zu entwickeln. Zum Beispiel kann ich nicht mehr vor Ort sein, um mit Kunden zu sprechen. Ich versuche deshalb, mithilfe digitaler Medien Nähe herzustellen. Die Technik bedienen zu können, reicht nicht aus, um Umsatz und Ergebnis zu verbessern. Digitaler Kontakt darf keine Einbahnstraße sein. Man muss neu lernen, interaktiv, dialogisch und lebendig auf Distanz zu kommunizieren. Nur wenn es gelingt, ehrlich und aufrichtig anzukommen, wird man die Menschen erreichen und motivieren.

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