Massenrekrutierung Europäische Händler brauchen Aushilfskräfte

von Mike Dawson und Sebastian Rennack
Mittwoch, 25. März 2020
Kundenansturm in Polen
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Kundenansturm in Polen
Massenrekrutierung
Europäische Händler brauchen Aushilfskräfte
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Auch im europäischen Ausland hat die Ausbreitung des Coronavirus die Umsätze im LEH enorm gepusht, ihn aber auch vor große logistische und organisatorische Herausforderungen gestellt.

In Italien, dem neuen Epizentrum des Covid-19, wachsen die seit Jahren stagnierenden Umsätze der Supermärkte dank Hamsterkäufen zweistellig. Laut dem Marktforscher Iri stiegen sie allein vom 2. bis zum 8. März um rund 10,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. "Sogar die lange tot gesagten SB-Warenhäuser legten um 1,5 Prozent zu", merkt RetailWatch-Gründer Luigi Rubinelli an.

EU-weit müssen alle Händler aber auch mit den negativen Folgen der Krise kämpfen. Die Panikkäufe vieler Kunden verrenken die Warenströme. Auch fallen immer mehr Mitarbeiter wegen des steigenden Druckes oder Krankheit aus.

Hier zeigen Europas LEH-Filialisten, die schon unzählige Herausforderungen – von der Ölkrise bis Ehec – gemeistert haben, erneut ihre hohe Flexibilität. Sie reagieren vor allem mit der Anstellung von Zeitarbeitern. Allein in England will Marktführer Tesco auf LZ-Anfrage "20000 Aushilfen in den nächsten drei Monaten anheuern". Auch Aldi und Lidl UK schaffen 5000 bzw. 2500 neue Aushilfsjobs.

Verkürzte Öffnungszeiten

Praktische Überlegungen zwingen immer mehr Händler aber, ihre Öffnungszeiten zu kürzen. So öffnet etwa Aldi UK eine Stunde später und schließt eine Stunde früher als sonst, um die Läden zu reinigen, die Regale wieder aufzufüllen und das gestresste Personal zu entlasten. Zudem hat Lidl UK seine erste Ladenstunde für Rentner reserviert.

Ungerne begrenzen die meisten Händler bereits die Abgabemengen. Bis auf "Specialbuys" (Sonderaktionen), Osterware und Schnittblumen dürfen die Kunden von Aldi UK zum Beispiel nicht mehr als jeweils vier Mal das gleiche Produkt kaufen.

Kundenreglementierung

In Südeuropa müssen alle Händler die Anzahl von Kunden, die ihre Läden jeweils betreten dürfen, und den menschlichen Kontakt durch Schutzbarrieren an den Kassen einschränken. In Frankreich reglementieren sie mit Trennungslinien am Checkout-Boden den einzuhaltenden Mindestabstand zwischen den Kunden. Ohnehin bleiben Coffee Shops und Imbiss-Stationen bereits seit Wochen zu.

Wegen Aggressionen gegen Kassenpersonal und Rempeleien unter den Kunden selbst haben vor allem die britischen Filialisten mehr Sicherheitskräfte angeheuert. Frustrierte Individuen haben sogar versucht, sich mit Gewalt Zugang zum Ladenlager zu verschaffen.

Verkaufsflächen ohne Charme

Durch diese Schutzmaßnahmen verlieren alle Händler, die bisher die Kunden stets zum Verweilen verführen wollten, an sozialer Kompetenz. Ihre Flächen strahlen mitunter den Charme eines Hochsicherheitstraktes in einem Gefängnis aus.

Umso mehr boomt der Online-Handel. Zum Beispiel hat Englands größter Pure Player Ocado die Umsätze im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres gegenüber dem ersten Quartal verdoppelt. Bei vielen Webseiten kommt es aber wegen der extremen Kundennachfrage immer wieder zu temporären Ausfällen. In Frankreich zum Beispiel müssen die Großfilialisten Leclerc, Auchan, Carrefour und Monoprix deswegen ihre digitalen Angebote stark einschränken.

Probleme an der Ostgrenze

Alle diese Phänomene sind in unterschiedlicher Ausprägung auch in Osteuropa zu beobachten. Händler von Tschechien über Polen bis hin nach Russland spüren besonders die regionsübergreifende Beschränkung des Grenzverkehrs, auch an innereuropäischen Grenzen.

Kurzfristig erschweren national unterschiedliche Ausnahmeregelungen den grenzüberschreitenden Warenverkehr und führen dazu, dass sich Regallücken bei Grundnahrungsmitteln auch bei deutschen Händlern hartnäckig halten.

Devisenprobleme

Mittelfristig wird das größte Problem vieler Ost-Händler das Personal sein. Schon vor der Krise waren sie auf Hilfskräfte aus der Ukraine oder aus Rumänien angewiesen. Nach neuesten Reiseeinschränkungen werden diese Mitarbeiter nun ausfallen. Als Gegenmaßnahme zahlen die Großen der Branche, u.a. auch Lidl, Kaufland und Metro C+C bis zu 30 Prozent Gehaltsbonus für lückenlose Anwesenheit am Arbeitsplatz.

Mit anhaltenden Beeinträchtigungen wird jedoch erwartet, dass Handelsunternehmen die Kostensprünge mittelfristig durch Preiserhöhungen weitergeben werden. Dies gilt besonders für EU-Länder, die nicht in der Eurozone sind, Handelsverträge jedoch oft in Euro abschließen. Der polnische Zloty hat innerhalb der letzten 30 Tage 8 Prozent gegenüber dem Euro eingebüßt, die tschechische Krone 10 Prozent und der russische Rubel sogar 25 Prozent.

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