Meyer's Frischecenter in Stade Bekenntnis zu Nonfood

von Mathias Himberg
Donnerstag, 28. Januar 2021
Die Fläche der Obstabteilung wurde auf 500 qm vergrößert und an den Markteingang gelegt.
Mathias Himberg
Die Fläche der Obstabteilung wurde auf 500 qm vergrößert und an den Markteingang gelegt.
Meyer's Frischecenter in Stade
Bekenntnis zu Nonfood
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
In Stade zeigt sich Edeka-Kaufmann Jörg Meyer als Manager des Wandels. Er versöhnt auf seiner Großfläche Food mit Nonfood – und ist dabei, einen preisgetriebenen Marktkauf-Regiebetrieb in ein gehobenes E-Center umzuformen.



Im Handel gibt es nicht die eine Wahrheit, nicht das eine Format. Oft bestehen völlig entgegengesetzte Konzepte erfolgreich nebeneinander. Wie zum Beispiel Meyer’s Frischecenter in Stade bei Hamburg – und das neue E-Center im Weserpark im 80 Kilometer entfernten Bremen. Beides sind Großflächen der Edeka-Gruppe in Norddeutschland. Doch während die Bremer auf Erlebnis, Gastronomie und Eigenproduktion setzen und Nonfood extrem herunterfahren, macht Kaufmann Jörg Meyer es genau umgekehrt.

"Ich verstehe die Kollegen nicht, die Nonfood zusammenstreichen", sagt der 53-Jährige. Vielen, die das Sortiment verkleinert hätten, sei auch der Umsatz entsprechend weggebrochen. "Dabei ist das Sortiment so unkompliziert, die Ware läuft nicht ab, der Außendienst der Hersteller kümmert sich darum." Die Spanne sei deutlich besser als bei Lebensmitteln, das Alleinstellungsmerkmal klarer.

"Wegen besonders tollen Lebensmitteln fährt keiner an einem anderen E-Center vorbei zu uns", glaubt Meyer. "Deshalb war unsere Entscheidung klar: Nonfood bleibt. Den Umsatz nehmen wir mit."

Im Oktober 2019 hatte Meyer den damaligen Marktkauf-Standort aus der Regie übernommen. Nach großem Umbau eröffnete er ihn am 1. Juli 2020 als Meyer’s Frischecenter neu. Nonfood nimmt darin weiterhin fast die Hälfte der Fläche ein: 3200 von 7700 Quadratmetern. Mehr als die Hälfte des Sortiments besteht aus Nicht-Lebensmitteln, vom Besen bis zur Waschmaschine: rund 35.000 von 60.000 Artikel. Das Sortiment steht für ein Viertel des Jahresumsatzes, der derzeit bei 33 Millionen Euro liegen dürfte und auf 38 Millionen Euro steigen soll. Der Anteil von Nonfood zum Deckungsbeitrag ist dank der guten Spannen überproportional hoch.

Keine Angst vor Amazon

Hat Meyer gar keine Angst, dass der Umsatz wie anderswo zu Fachmärkten und Internetgiganten wie Amazon abwandert? "Haushaltswaren, Spielwaren, Elektro – das sind bei uns kleine Fachmarktabteilungen", kontert Meyer. Laut ihm kennen die Mitarbeiter die Kunden und können sie gut beraten. "Damit bieten wir dem Internet die Stirn." Außerdem gebe es viele Artikel wie Socken, Teller oder Haushaltsboxen, die der Kunde nicht geplant im Netz bestelle, aber bei ihm ungeplant einpacke. "Gucken Sie in die Einkaufswagen, da liegen lauter Mitnahme-Artikel", sagt der Selbstständige und deutet auf einen Stapel Handtücher.

"Natürlich kann man Nonfood nicht mehr so anbieten wie früher", räumt Meyer ein. "Das muss Strahlkraft haben." Aus diesem Grund habe er das Sortiment entrümpelt, die Oberbekleidung gestrichen, Langsamdreher herausgeworfen und sich auf Renner konzentriert. "Wir haben jetzt nicht mehr 20 verschiedene Wasserkocher, sondern nur noch die zwölf stärksten", sagt er. Heutzutage müsse man Nonfood inszenieren wie jede andere Warengruppe auch. Also senkte er im Elektrobereich die Regale auf 1,20 Meter, um dem Kunden alle Artikel auf einen Blick zu zeigen.

Eigener Nonfood-Einkauf

Nonfood läuft derzeit besonders gut, denn Wettbewerber wie der nahe Media-Markt sowie Fahrrad- und Spielwarengeschäfte in Stade sind derzeit wegen Corona geschlossen. Doch Meyer setzt auch langfristig auf den Erfolg. Für sein Familienunternehmen, das mit 9 Märkten in und um Hamburg jährlich rund 165 Millionen Euro umsetzt, hat er einen eigenen Nonfood-Einkauf eingerichtet. Mit Fernseher- und Spielwaren-Lieferanten verhandelt er jetzt direkt. "Das bringt hochwertige Ware mit guter Spanne. Und wir haben alle wichtigen Neuheiten", sagt Meyer.

Von den Schwerpunkten des Bremer Weserparks hält Meyer nicht viel. "Wir sind keine Gastronomen und sollten auch nicht versuchen, welche zu sein", sagt er. Das Marktcafé des alten Marktkauf-Standortes warf er sogar heraus – aus Platzgründen. Nur eine Sushi-Station von Eat Happy und eine Salatbar bieten Sofortverzehr. In Corona-Zeiten arbeitet Meyer außerdem mit externen Gastronomen zusammen, die ihm Fertigmahlzeiten liefern, die der Kunde daheim aufwärmen kann. "Das ist besser, als mit eigenen Köchen zu experimentieren."


Lebensmittel präsentiert Meyer eher rational. Eigenproduktion wird nicht gezeigt, die Frischetheken sind insgesamt nur 26 Meter breit – nicht viel für so einen großen Markt. Auch die Vielfalt ist mit rund 25.000 Artikeln auf 3400 qm unterdurchschnittlich. Dafür sind einzelne Marken extrem breit gespiegelt: Funnyfrisch bringt es auf fünf Regale, Barilla auf drei, Seitenbacher auf zwei.

An allzu hohe Qualitäten traut Meyer sich in der Frische nicht heran. Bei Fleisch gibt es viel Schwein und wenig Rind, den obersten Preispunkt setzt Lammlachs aus Neuseeland für 39,90 Euro je Kilo. "Bei den Frischetheken haben wir noch Entwicklungspotenzial", sagt Meyer. "Aus der Historie heraus sind wir stark SB-geprägt."

Standortfakten

Adresse: Drosselstieg 77, 21682 Stade
Neueröffnung: 1. Juli 2020
Investition: 7 Mio. Euro
VK-Fläche: 7700 qm
Sortiment: 60.000 Artikel, davon 35.000 Nonfood
Umsatzanteil Nonfood: 25 Prozent
Mitarbeiter: 140
Personalkosten: 14,5 Prozent
Frequenz: 16.000 Kunden pro Woche
Durchschnittsbon: rund 40 Euro
Ziel-Umsatz: 38 Mio. Euro
Durchschnitts-Spanne: rund 25 Prozent
Kassen: 14 plus 4 Selfscan
ÖZ: Mo-Mi 8-20, Do-Sa 8-21 Uhr
Parkplätze: 700 (ganzes Zentrum)
Ladendesign: Edeka, Ladenbau: Wanzl

Edeka Meyer: 9 Märkte in und um Hamburg sowie auf Sylt, Jahresumsatz rund 165 Mio. Euro

Die Historie ist der große Hemmschuh am Standort Stade, denn fast 50 Jahre war der Markt eine Marktkauf-Filiale mit vielen Aktionen und aggressiven Preisen. "Wir verwandeln einen werbegetriebenen Verbrauchermarkt in einen hochwertigen Supermarkt mit großem Nonfood-Angebot", sagt Meyer. Das finde nicht jeder gut. "Wir haben auch den einen oder anderen Kunden verloren."

Insofern verbucht der Kaufmann es schon als Erfolg, dass er den Umsatz trotz acht Monaten Umbaus bei laufendem Betrieb "weitgehend gehalten" hat. Normal wäre eine deutliche Steigerung – aber normal ist der Schwenk von Marktkauf auf Edeka eben nicht. Immerhin: Seit November steigt der Umsatz, im Dezember lag er bei 4 Millionen Euro. Wegen mehr hochwertiger Ware und weniger aggressiver Werbung steigt die Gesamtspanne gleich mit.

Meyer hatte den Markt im Oktober 2019 aus der Regie übernommen. "Ich habe mich für Stade entschieden, weil der Standort Potenzial hatte", erinnert sich Meyer. Dem Vernehmen nach schrieb Stade eine schwarze Null – was für die anderen fünf freien Standorte offenbar nicht galt. Außerdem fand Meyer in Stade ein Team um Hausleiter Hartmut Holst, das zu seinen Vorstellungen passte.

Gemeinsam gehen Inhaber und Mitarbeiter jetzt den Wandel an. Die Regale haben sie von 1,80 Meter auf 1,60 Meter gesenkt, um dem Kunden den Überblick über die Großfläche zu geben. Auf den Gondelköpfen landet jetzt Hochwertiges statt Aktionsware.

Obstabteilung auf 500 qm

Die Obstabteilung haben sie von hinten nach vorne verlegt und die Fläche auf 500 Quadratmeter verdoppelt. Hier zeigt sich schon die Lebensmittel-Kompetenz, die einmal den ganzen Markt durchströmen soll. Auf zehn laufenden Metern präsentieren die Mitarbeiter Tomaten, auf neun Metern Äpfel. Der Umsatzanteil von Obst und Gemüse stieg von sechs auf zehn Prozent. Außerdem stockte Meyer das gesamte Personal um 12 auf 140 Mitarbeiter auf, denn Beratung ist ihm wichtig.

Ansonsten aber achtet Meyer genau auf die Ausgaben. "Wir wollen Geld verdienen, da muss ich die Kosten im Griff behalten", sagt er. Deswegen ließ er beim Umbau auch die Fliesen, wie sie waren, beklebte die Wände mit Folien in Steinoptik und entschied sich für eine preisgünstige, abgehängte Decke. Theken und Tiefkühltruhen ließ er am alten Standort ganz hinten. Beim Design half die Edeka Abteilung und kein international renommierter Designer. "Wir wollten nicht alles anfassen", erklärt der Kaufmann. "Sonst wären wir mit 7 Millionen Euro nicht hingekommen. In so einem Markt können Sie auch locker 10 Millionen Euro versenken." Außerdem seien die Ansprüche ans Design in seiner Region nicht so hoch wie in Süddeutschland. "Im Norden ist die Anmutung nüchterner, klarer, mit weniger Schnickschnack."

Meyer und sein Team werden noch eine Weile damit zu tun haben, ihre Kunden für weniger Werbeartikel und höhere Qualitäten zu gewinnen. Doch bei einem überdurchschnittlichen Kaufkraftindex von rund 120 dürften sie das schaffen. Auch die Wette auf Nonfood könnte aufgehen. Denn in Corona-Zeiten werden sich viele Kunden daran gewöhnen, ihre Spielwaren, Handtücher und Ladekabel bei Meyer’s zu kaufen.

Der Kaufmann interessiert sich schon jetzt für den nächsten Marktkauf. Nächstes Jahr könnte es so weit sein. "Dieses Jahr müssen wir erst mal Luft holen", sagt er. Aber dann will er wieder den Beweis antreten, dass seine "Philosophie der 5 A" funktioniert: "Alles anders als alle anderen."

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats