Mitarbeiterbindung bei Nestlé Kündigungspläne frühzeitig erkennen

von Silke Biester
Freitag, 13. November 2020
Alarmiert: Mitarbeiterdaten geben Hinweise über das Kündigungsrisiko.
iStock/metamorworks
Alarmiert: Mitarbeiterdaten geben Hinweise über das Kündigungsrisiko.
Mitarbeiterbindung bei Nestlé
Kündigungspläne frühzeitig erkennen
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
Nestlé geht neue Wege, um der Fluktuation entgegen zu wirken. Ein datengestütztes Modell ermöglicht es, Kündigungsrisiken zu erkennen und einzugreifen, bevor Mitarbeiter ihre Kündigung aussprechen.

Mehr als 300 000 Menschen beschäftigt der Konzern, in 85 Ländern hat er eigene Werke. Nestlé-Produkte werden in nahezu jedem Land der Erde verkauft. So unterschiedlich wie die Märkte sind, so verschieden kann sich auch die Personalsituation darstellen. Eine Problematik ist überall gleich: "Alle Mitarbeiter verlassen das Unternehmen früher oder später", bringt André Bezemer die Situation auf den Punkt. "Schön, wenn sie in den Ruhestand gehen – aber manche kündigen auch einfach." Eine neue Variante, dieser Tatsache entgegenzuwirken, stellte der Nestlé-Personal-Analyst kürzlich bei dem Digitalkongress "ScaleUp 360° HR Tech " vor.

Denn gerade die überraschenden Kündigungen reißen eine Lücke auf, insbesondere wenn es sich um High Performer oder schwer zu findende Fach- und Führungskräfte handelt. Geschätzte, gut eingearbeitete Mitarbeiter mitsamt ihrem Know-how müssen ersetzt werden. Die Neubesetzung der Stelle zieht zudem Kosten nach sich. "Es wäre hilfreich, man wüsste früher, wo ein Kündigungsrisiko besteht", findet Bezemer. Er ist People Analytics Manager innerhalb des Bereichs Corporate Human Resources . Deshalb haben er und sein Team sich gefragt, welche Vorhersagemöglichkeiten es gibt.

Inspiration fanden sie durch Modelle der Pharmaindustrie: In der medizinischen Forschung wird der Einfluss von Medikamenten auf den Verlauf schwerer Krankheiten mit der sogenannten "Survival Rate" beschrieben. Es wird also beobachtet, wieviele Patienten nach einem, drei oder fünf jahren noch leben. Und welche Dosierung und weitere Faktoren darauf Einfluss hatten. "Diesen Ansatz haben wir auf die Mitarbeiter übertragen", erläutert Bezemer. Er hat geforscht, wieviele und welche Mitarbeiter im Zeitverlauf noch da sind, wer gekündigt hat und welche Kriterien die Kündiger verbindet.

Da der Nahrungsmittelriese weltweit ein einheitliches System für die HR-Daten pflegt und ein Business Warehouse zur Auswertung nutzt, konnte das Team umfassende Analysen durchführen , um zunächst zurückblickend zu identifizieren, welche Variablen wesentlichen Einfluss auf Kündigungen haben . Berücksichtigt wurden demografische Daten wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Ausbildung, Berufserfahrung sowie die Entfernung zwischen Wohn- und Arbeitsort. Hinzu kamen Ereignisse, die während des Beschäftigungsverhältnisses stattgefunden hatten: Trainings, Mitarbeitergespräche, internationale Einsätze, Gehaltserhöhungen oder Sabbaticals. Als relevant wurden zudem weitere Einflüsse eingestuft, wie die Dynamik im Team, die Geschäftsentwicklung im jeweiligen Bereich sowie auch externe Chancen, die sich den Beschäftigten bieten.

Auf Basis der statistischen Auswertungen hat das Nestlé-Team ein Programm entwickelt, das die Erkenntnisse für Prognosen einsetzt. Analyse-Projekte in ausgewählten Geschäftsbereichen sind nun möglich. "Wir bieten das nach dem Pull-Prinzip bei Bedarf an", so Bezemer. "Es wird nicht per Push überall ausgerollt." Wenn also ein Business-Bereich ein Problem durch hohe Fluktuation hat, wendet er sich an das People-Analytics-Team, das dann gezielt Kündigungsrisiken in der Einheit identifizieren kann. In den Testläufen sei es geglückt, 65 Prozent derjenigen zu identifizieren, die das Unternehmen auf eigenen Wunsch verlassen wollten, berichtet der Datenexperte.

Auch der reale Einsatz in einem Markt sei erfolgreich verlaufen. In der Analyse wurde mit den relevanten Faktoren ein Risk-Score ermittelt. Sobald der einen kritischen Wert übersteigt, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Mitarbeiter auf dem Sprung ist. "Wenn man die Beschäftigten identifiziert, gibt es eine Chance, zu reagieren", weiß Bezemer. Deshalb habe man ein Toolkit entwickelt, das den Vorgesetzten an die Hand gegeben werden kann. Ergänzende Trainings sensibilisieren zusätzlich. Teamleiter seien aufmerksamer für bestimmte Verhaltensweisen und können auf Kündigungswillige besser eingehen.

Individuelle Maßnahmen von der persönlichen Weiterentwicklung, neuen Perspektiven innerhalb des Unternehmens bis zur Gehaltsanpassung können helfen, High Potentials zu halten. Bezemer berichtet von einem Testlauf, bei dem dank rechtzeitiger Gegenmaßnahmen am Ende nur 10 Prozent der potenziellen Kündiger tatsächlich gegangen sind. Die übrigen sind dem Nahrungsmittelriesen treu geblieben. Er beziffert die eingesparten Kosten auf mehr als 300 000 Schweizer Franken – Geld, das man sinnvoller in Personalentwicklung und Mitarbeiterbindung investieren könne.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats