Mobile Arbeit Wenig Menschen in den Zentralen

von Janine Hofmann und Silke Biester
Freitag, 05. Februar 2021
Mobile Arbeit
Wenig Menschen in den Zentralen
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.
Die neue CoronaArbeitsschutzverordnung hat die Homeoffice-Regelung verschärft. Davon sind auch die Zentralen und Verwaltungsmitarbeiter im Handel betroffen. Einige Händler machen mobiles Arbeiten auch langfristig möglich.

Handelszentralen müssen ihren Beschäftigten im Fall von Büroarbeit anbieten, diese von zu Hause aus zu erledigen, heißt es in der neuen Verordnung, die seit letzter Woche gilt. Bereits im ersten Lockdown wurden auf freiwiller Basis Homeoffice-Möglichkeiten geschaffen. Doch ist der Umgang damit unterschiedlich, die Ausweitung nicht unbegrenzt möglich, manchmal auch kostspielig und heikel, wenn man an die Lizenzgebühr von Systemen oder den Datenschutz denkt. Aber nicht nur die technische, sondern auch die kulturelle Offenheit spielt eine wesentliche Rolle.

So besteht Neid-Gefahr, wenn die "Teppich-Etagen" von zuhause arbeiten dürfen, während der "systemrelevante" Filialmitarbeiter immer vor Ort sein muss, berichtet ein Manager von der Schwierigkeit, die Notwendigkeiten der Pandemie mit dem internen Anspruch der Gleichbehandlung zusammenzubringen. Gegenüber dem Homeoffice bestünden weiterhin Bedenken wegen der dadurch drohenden Spaltung der Belegschaften, neuer Rechtsunsicherheiten und unnötiger Bürokratie für den Handel, kritisiert HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Unisono beteuern Filialisten wie Rewe, Edeka, Kaufland und Aldi, dass die große Mehrheit der Mitarbeitenden der Zentralstandorte seit Monaten konsequent von der Möglichkeit auf Homeoffice Gebrauch macht. "Vor Ort halten sich nur die Mitarbeiter auf, die für die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs notwendig sind", bekräftigt Kaufland. Rewe betont: "Alle Führungskräfte wurden wiederholt darauf hingewiesen, mobiles Arbeiten nicht nur anzubieten, sondern aktiv darauf hinzuwirken, diese Möglichkeit zu nutzen."

Einige Händler nennen konkrete Zahlen: Überall dort, wo es die Tätigkeit zulasse, ermöglicht Aldi Nord mobiles Arbeiten "nahezu zu 100 Prozent". Bei Globus arbeiten nach Angaben von Sascha Jendrzej, Leiter im Bereich Mitarbeiter, aktuell rund 65 Prozent der Zentral-Belegschaft von zu Hause aus.

Bei Otto sind es nach eigenen Angaben in den Verwaltungseinheiten rund 90 Prozent. Über alle Bereiche hinweg arbeiten von weltweit 50  000 Beschäftigten mehr als 20 000 aus dem Homeoffice. Der Versandhandelskonzern profitiert davon, schon vor Jahren den Kulturwandel angestoßen zu haben. Die Einführung Cloud-basierter IT-Systeme sowie Microsoft 365 hatten mobiles Arbeiten auch vor der Pandemie bereits in größerem Umfang möglich gemacht. Eine Befragung von 5 000 Otto-Beschäftigten zeigt einen Bedeutungszuwachs von Homeoffice auch nach der Krise. Zwar möchten viele wieder ins Büro – aber nicht jeden Tag. Durchschnittlich elf von 20 Arbeitstagen planen die Befragten zukünftig, mobil zu arbeiten. Mindestens einen Tag pro Woche von zuhause arbeiten wollen 89 Prozent. Nur drei Prozent beabsichtigen nach Ende der Pandemie wieder täglich ins Büro zu kommen.

Auch Christian Harms, als Geschäftsführer bei dm-Drogeriemarkt verantwortlich für das Ressort Mitarbeiter, betont, dass die Beschäftigten der Zentrale schon vor der Covid-Krise von der Möglichkeit der Heimarbeit Gebrauch gemacht hätten. "Uns kommt sicherlich zugute, dass wir auch im ‚Normalbetrieb‘ auf mobiles Arbeiten setzen und daher einerseits über die notwendige digitale Infrastruktur verfügen und andererseits die Mitarbeiter routiniert im Umgang sind", sagt er.

Mitbewerber Rossmann weist darauf hin, dass Anwesenheit auch bei Bürotätigkeit je nach Aufgabe in sehr unterschiedlichem Maße notwendig sein kann. Deshalb setzen die Burgwedeler auf Flexibilität und eine Höchstgrenze der Bürobelegung von 25 Prozent, damit in der Zentrale ausreichend Abstand zwischen den Mitarbeitern sichergestellt ist. Virtuelle Konferenzen und Meetings hätten sich längst eingespielt, heißt es auch dort.

Bei Globus will man langfristig an der Flexibilisierung des Arbeitsortes festhalten, berichtet Personalleiter Jendrzej: "Auch ohne die Pandemie haben wir gewusst, dass das Arbeiten von zuhause aus zukünftig immer weiter an Bedeutung zunehmen wird." Die Krise habe die Entwicklung lediglich beschleunigt. Aktuell werden deshalb mit den Betriebsratsgremien dauerhaft gültige Regelungen erarbeitet, die in eine Betriebsvereinbarung münden.

Der langfristige Umgang mit dem Homeoffice dürfte sich in den meisten Unternehmen von der aktuellen Umsetzung unterscheiden. Denn längst zeigt sich, dass viele Beschäftigte unter der Isolation leiden. Auf persönlicher Ebene fehlt der soziale Kontakt zu Kollegen. Und aus Arbeitgebersicht fehlt es an kreativem, innovationsförderndem informellem Austausch. Wenn es nicht mehr um den Schutz vor einem Virus geht, würden die meisten Beschäftigten wohl bevorzugen, Homeoffice bei Bedarf nutzen zu dürfen, aber nicht zu müssen.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats