Neuer Auftritt als Arbeitgeber Lidl wirbt für sich mit breiter Brust

von Julia Wittenhagen
Freitag, 06. September 2019
Jens Urich (42): Der Geschäftsleiter Personal bei Lidl Deutschland glaubt, dass der Slogan „Lidl muss man können“ genauso einschlagen kann wie „Lidl lohnt sich“. Seine Karriere begann er klassisch als Verkaufsleiter.
Lidl
Jens Urich (42): Der Geschäftsleiter Personal bei Lidl Deutschland glaubt, dass der Slogan „Lidl muss man können“ genauso einschlagen kann wie „Lidl lohnt sich“. Seine Karriere begann er klassisch als Verkaufsleiter.
Der weltweit größte Discounter wächst immer weiter und hat für seinen unstillbaren Personalbedarf am Auftritt als Arbeitgeber gefeilt. Dass Lidl mehr zu bieten hat als gute Bezahlung, zeigt schon der dialogische Aufbau der Karriereseite: Es wird mehr geschaut, was Arbeitnehmer wollen. Personal-Geschäftsleiter Jens Urich betont die Bedeutung von Mitarbeiterzufriedenheit und Kununu-Score für Lidl.

Herr Urich, Lidl hat letzte Woche die neue Arbeitgeber-Kampagne "Lidl muss man können" vorgestellt. Was genau bedeutet dieser Satz?

Er bedeutet, dass man Lust darauf haben muss, bei uns zu arbeiten. Wir wollen transparent und ehrlich zeigen, wer wir sind, was Lidl zu bieten hat, und welche Leute wir brauchen. Wir sagen ganz bewusst: Lidl ist nicht für jeden etwas, denn es gehören bestimmte Eigenschaften wie Teamgeist und Biss dazu. Wo wir stehen, stehen wir nicht umsonst und das erfüllt uns mit Stolz. Die Kampagne funktioniert auch extrem gut nach innen. Unsere Mitarbeiter sind ja die Grundlage für die Kampagne und seit Mai kommunizieren wir, wie wir für uns werben wollen. Mit "Lidl muss man können" zeigen wir aber auch: Lidl ist mehr als die Arbeit, die der Kunde in der Filiale sieht. Wir sind groß, international und bieten Hunderte von Jobprofilen.

Was gab den Anstoß für die Kampagne?

Sie ist eher Evolution als Revolution. Wir haben im Vorfeld der aktuellen Kampagne ausführlich Mitarbeiter und Bewerber befragt, um zu verstehen, was uns als Unternehmen ausmacht und woran wir noch arbeiten müssen. Unter dem Motto "Ich bin ein Möglichmacher" haben wir 2016 die Arbeitgebermarke Lidl etabliert mit den zentralen Werten dynamisch, leistungsstark, fair, Zutrauen. "Teamgeist" ist jetzt neu hinzugekommen. Die Werte sind die Basis für unsere High-Five-Führungsgrundsätze: Über Kommunikation führen, Mitarbeiter entwickeln, leistungsstark und dynamisch bleiben, Vertrauen schaffen und fair handeln, Verantwortung leben und Vorbild sein. Es bringt nichts, sich mit bunten Bildern als Arbeitgeber anzubiedern. Wir wollen transparent kommunizieren, dass wir Mitarbeiter fair und respektvoll behandeln.

Neue Kampagne: Selbstbewusst, ehrlich, bunt.
Lidl
Neue Kampagne: Selbstbewusst, ehrlich, bunt.

Wie prüfen Sie, ob die Führungsgrundsätze auch gelebt werden?

Das spiegeln uns die jährliche Mitarbeiter-Befragung und Kennzahlen wie Zugehörigkeitswerte, Fluktuation etc. Auch Kununu ist tatsächlich eine wichtige Quelle für uns. Und in jeder Gesellschaft haben wir einen Beauftragten für Mitarbeiter und Soziales, der sich um die Belange der Kollegen vor Ort kümmert.

Bei welcher Zielgruppe kommt es am meisten darauf an, dass die Kampagne einschlägt?

Mit der Kampagne wollen wir uns breit aufstellen, zunächst einmal Aufmerksamkeit erregen und ins Relevant Set kommen. Erst wenn es im zweiten Schritt konkret um Recruiting geht, nutzen wir individuelle Motive und Kanäle für die einzelnen Zielgruppen.

Da potenzielle Bewerber geduzt werden, stehen junge Leute im Fokus, oder?

Nein, wir sprechen alle an: 2016 haben wir im Unternehmen die Duz-Kultur eingeführt. Seit letztem Jahr sind wir bereits im Marketing mit unseren Kunden per Du, jetzt auch beim Personalmarketing.

Die Karriereseiten führen ja direkt zu den offenen Stellen: Dabei fällt auf, dass 1 972 stellvertretende Filialleiter gesucht werden bei deutschlandweit 3 200 Filialen . Das hört sich viel an.

Ja, wir wachsen, die Flächen werden größer, die Umsätze steigen. Dazu brauchen wir eine starke Mannschaft in den Filialen und die Filialleiter brauchen starke Teams. In großen Filialen können dazu zwei Stellvertreter gehören. Die Stellvertreterposition ist ein guter Einstieg für eine Karriere bei Lidl.

Geschäftsleitung arbeitet in Filiale: Diese Aktion will Urich (1. v.l.) ausweiten. „Was unsere Leute auf der Fliese leisten und was sie bewegt, soll grundsätzlich jeder in den rückgelagerten Bereichen kennenlernen.“ Außerdem sei es sehr lehrreich, zu sehen, wie zentral geplante Projekte in der Praxis ankommen. Das Bild entstand in der kundenfreundlichsten Lidl-Filiale in Stolberg.
Lidl
Geschäftsleitung arbeitet in Filiale: Diese Aktion will Urich (1. v.l.) ausweiten. „Was unsere Leute auf der Fliese leisten und was sie bewegt, soll grundsätzlich jeder in den rückgelagerten Bereichen kennenlernen.“ Außerdem sei es sehr lehrreich, zu sehen, wie zentral geplante Projekte in der Praxis ankommen. Das Bild entstand in der kundenfreundlichsten Lidl-Filiale in Stolberg.

Über die starke Führungspersönlichkeit Klaus Gehrig wird nach außen immer noch ein recht hierarchisches Bild von Lidl vermittelt. Motto: "Erst kommt das System, dann der Mensch". Wie passt das zu dem flachen, transparenten,"der-Chef-als-Coach-Führungsstil", der bei jungen Nachwuchskräften so gut ankommt?

Wir sind einer der größten Lebensmitteleinzelhändler in Europa und brauchen starke Führungskräfte und starke Mitarbeiter. Die Generation Z hat ganz bestimmte Bedürfnisse. Sie geht beispielsweise an Problemstellungen anders heran und Feedback ist ein großes Thema. Wichtig ist der offene Austausch und da hat uns das Du enorm weitergebracht. Es hilft uns, Hierarchien abzubauen und einen kurzen Draht zu jungen Mitarbeitern und Führungskräften zu haben. Letzten Endes sprechen Kommunikation auf Augenhöhe und flache Hierarchien alle Mitarbeitergenerationen gleichermaßen positiv an.

Lidl

Und das System und die Zahlenorientierung ist einfach Teil dessen, was zu "Lidl muss man können" gehört?

Wir arbeiten kosten- und kennzahlenorientiert, aber das ist gut kombinierbar mit einem wertschätzenden und fairen Umgang. Außerdem brauchen wir dafür Leute, denen wir Zutrauen und Verantwortung entgegenbringen können.

"Ich liebe meine Freiheit", sagt ein Protagonist im Werbespot. Können Sie diese Freiheiten einmal für die Jobs auf der Fläche beschreiben?

Wir arbeiten in einem konzeptorientierten Unternehmen, dessen Erfolg auf Standards und Systemen fußt. Wenn wir in 3 200 Filialen alles unterschiedlich machen würden, würden wir nicht die Synergien schaffen, die wir für günstige Preise und gute Gehälter brauchen. Aber: Wenn es neue Herausforderungen gibt, brauchen wir Mitarbeiter, die mitdenken, Konzepte weiterentwickeln und ihre Ideen weitergeben, die wir dann umsetzen können.

Der Kununu-Score von Lidl ist mit 3,6 überdurchschnittlich: Dazu trägt vor allem die gute Bezahlung bei, während es bei der Work-Life-Balance noch Verbesserungspotenzial gibt. Geht Lidl auch den Weg, das Stammpersonal zu entlasten durch den vermehrten Einsatz von 450-Euro-Kräften, Aushilfen, Studenten?

Ja. Vor einiger Zeit haben wir angefangen, in den Filialen genau diese Zielgruppe mit Plakaten zu bespielen. Aushilfen und Werkstudenten sind eine wichtige Mitarbeitergruppe, um Abläufe in Filialen zu sichern und dem Stammpersonal trotzdem freie Samstage und eine bessere Work-Life-Balance zu ermöglichen. Zudem ist das eine gute Möglichkeit, unser Unternehmen einmal kennenzulernen.

„Kununu ist tatsächlich eine wichtige Quelle für uns“
Jens Urich

In diesem Jahr warb Lidl bereits damit, den internen Mindestlohn auf 12,50 Euro zu erhöhen. Ist das ein gutes Mittel gegen den Fachkräftemangel?

Wir haben 2010 mit 10 Euro angefangen, was heute noch über dem aktuellen Mindestlohn des Gesetzgebers liegt. Bezahlung ist ein Mosaikstein im großen Puzzle. Kurzfristig hilft sie beim Anwerben von Mitarbeitern. Langfristig kommt es auf die Kultur, das Miteinander an, ob der Einzelne sich wohlfühlt und das weitersagt. Wir glauben, dass der Mitarbeiter wegen der Marke kommt und wegen der Führungskraft bleibt.

Gerade hat der DGB seinen Azubi-Report veröffentlicht, in dem sich junge Leute unter anderem über Überstunden, wechselnde Arbeitszeiten und ausbildungsfremde Tätigkeiten beklagen. Wie ernst nimmt Lidl diese Klagen?

Wenn wir mitbekommen, dass gegen Regeln verstoßen wird, die wir uns selbst, der Gesetzgeber oder Tarifpartner auferlegt haben, werden wir aktiv. Aber: Wir hören so gut wie keine Klagen von den Azubis. Sie sind eine sehr zufriedene Mitarbeitergruppe. Wir machen mehr, als wir laut IHK machen müssen: Jedes Jahr stellen wir einen großen Teil der Jahrgangsbesten. Ausbildung ist uns extrem wichtig, auch um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Wir machen Programme wie Azubis leiten Filialen. Aus allen Regionalgesellschaften haben wir neulich Azubis eingeladen, um den Rock Store bei Rock am Ring zu leiten, der neben Team-Spirit auch mit einer sehr großen Verantwortung verbunden ist.

Sehen Sie die neue Employer Branding-Kampagne auch als Werbung für die Branche? Tun sie damit etwas gegen das Imageproblem des Handels?

Natürlich hilft die Kampagne, der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, wie attraktiv Handel sein kann. Aber: Bei uns ist das Arbeiten besonders attraktiv und darauf fokussieren wir uns: Wir sind ein besonderer Händler, weil wir Dinge besonders gut machen.

Woran werden Sie den Erfolg der neuen Arbeitgeberkampagne messen?

Im ersten Schritt mit Kennzahlen wie Conversion-Rate von Landingpage zu Karriereseite und von dort zur Bewerbung. Aber wie sich das Image entwickelt, kann man nicht an der Zahl der Bewerbungen festmachen. Letztlich werden wir erneut Bewerber fragen, wie sie uns von außen wahrnehmen und neue Mitarbeiter, wie sich ihre Außen- von der Innenperspektive unterscheidet. Und wieder wird es Punkte geben, bei denen wir uns weiterentwickeln müssen. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass der Arbeitgeber-Claim "Lidl muss man können" ähnlich erfolgreich sein kann wie "Lidl lohnt sich".

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats