Interview mit Katharina Weinert (HDE) "Rekordzeit bei der Einführung"

von Silke Biester
Mittwoch, 30. August 2017
Zufrieden: Katharina Weinert hofft auf 1000 E-Commerce-Azubis im ersten Jahr.
HDE/Hoffotografen
Zufrieden: Katharina Weinert hofft auf 1000 E-Commerce-Azubis im ersten Jahr.
Katharina Weinert, Abteilungsleiterin Bildungspolitik und Berufsbildung beim Handelsverband Deutschland, hat als Sachverständige der Arbeitgeber die Schaffung des Berufs Kaufmann im E-Commerce federführend voran gebracht.

Der Handel hat Jahre auf den Kaufmann E-Commerce hingearbeitet. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Seit der Handelsverband Deutschland im Mai 2015 das Konzept für den neuen Ausbildungsberuf vorgelegt hat, ist viel passiert. Es wurden Gespräche mit anderen Branchen, den Gewerkschaften sowie den zuständigen Bundesministerienund der Kultusministerkonferenz geführt, bevor die Sachverständigenverfahren des Bundes und der Länder ihre Arbeit aufnahmen. Jeweils sechs Monate haben die Sachverständigen gebraucht, um den neuen Beruf auszuarbeiten. Mit dieser Rekordzeit zur Schaffung eines Berufs sind wir äußerst zufrieden. Das Ergebnis wird dem stetig wachsenden E-Commerce und den sich wandelnden Anforderungen an das Personal absolut gerecht.

Ab wann können Unternehmen Azubis suchen?

Ausbildungsstellen können bereits jetzt ausgeschrieben und Ausbildungsverträge geschlossen werden. Die Eintragung der Ausbildungsverhältnisse bei der zuständigen Kammer kann aber erst mit Veröffentlichung der Ausbildungsordnung im Bundesgesetzblatt erfolgen. Ich rechne aufgrund der laufenden Abstimmungsprozesse mit der Veröffentlichung im Dezember 2017, spätestens Anfang nächsten Jahres.

Für welche Unternehmen ist der neue Beruf interessant?

Der Beruf "Kaufmann oder Kauffrau im E-Commerce" wird schwerpunktmäßig im Einzel- und Großhandel ausgebildet werden. Das sind reine Online-Händler als auch Multi-Channel-Händler. Auch kommen andere Branchen in Betracht. Wichtig ist nur, dass das Unternehmen Waren oder Dienstleistungen online anbietet.

Von welchen Händlern wissen Sie, dass sie die Ausbildung anbieten werden?

Zum Beispiel MediaMarktSaturn, Otto, Baur Versand, Globetrotter und Gerry Weber haben bereits Interesse bekundet, ab 2018 auszubilden. Erst seit Ende August können wir umfassender aufklären, somit melden sich stetig weitere interessierte Unternehmen.

Welche Anforderung muss ein Unternehmen erfüllen?

Das Unternehmen muss bereits im Online-Handel tätig sein. Es muss geeignete Büroräumlichkeiten, Ausstattung sowie geschultes Ausbildungspersonal haben. Die Kammern vor Ort prüfen, ob ein Unternehmen geeignet ist und helfen bei offenen Fragen gerne weiter.

Was müssen Händler jetzt konkret tun, um ab 2018 mit dabei zu sein?

Sie müssen sich über die Inhalte der Ausbildung informieren und prüfen, ob sie diese im Unternehmen abbilden können. Der HDE wird dafür bald auf der Internetseite www.einzelhandel.de/ecommercekaufmann Informationen einstellen und dem Verfahrensstand entsprechend aktualisieren. Außerdem werden verschiedene Informationsveranstaltungen angeboten. Und natürlich müssen die Unternehmen Auszubildende suchen.

Mit wie vielen Plätzen rechnen Sie zum Start?

Im ersten Jahr rechne ich mit mindestens 1 000 Ausbildungsplätzen. Mittelfristig sollten es aber deutlich mehr werden.

Glauben Sie, der neue Beruf kommt dem Image des Handels als Arbeitgeber zugute?

Es gibt leider noch viel zu viele Klischees über den Handel. Der neue Beruf Kaufmann im E-Commerce wird dem boomenden Online-Handel und den sich wandelnden Anforderungen an das Personal gerecht. Denn der Einzelhandel erlebt durch die zunehmende Digitalisierung derzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die Umsätze im Online-Handel wachsen zweistellig. Mittlerweile werden zehn Prozent des Gesamtumsatzes im Einzelhandel online erzielt. Immer mehr stationäre Unternehmen werden zu Multichannel-Händlern. Es entstehen neue Tätigkeitsfelder, Prozesse und Geschäftsmodelle. Die neue Ausbildung ist für viele Jugendliche mit Sicherheit attraktiv. Und nach der Ausbildung können sie Unternehmen auch beim Aufbau einer E-Commerce-Strategie unterstützen.

Wie bereiten sich Berufsschulen vor?

Die Beschulungsstandorte werden in den kommenden Monaten von den zuständigen Ministerien in den Ländern festgelegt. Ich empfehle deshalb interessierten Unternehmen, mit den Handelsverbänden oder Kammern vor Ort Kontakt aufzunehmen, damit der Bedarf ermittelt wird und sich daran orientierend die Standorte festlegen lassen. Die Ausstattung der Berufsschulen muss bis Sommer 2018 auf den neusten Stand gebracht und Lehrkräfte müssen qualifiziert werden. Hier sehen wir mögliche Synergieeffekte an Berufsschulen für den Einzelhandel. Lehrkräfte für die Einzelhandelsberufe müssen nämlichbereits 2017 das Thema Online-Handel unterrichten.

Was müssen die Bewerber speziell mitbringen?

Geeignet ist der Beruf für Absolventen aller Schulformen. Wichtig zum Erlernen der kaufmännischen Grundlagen, wie auch bei den anderen Einzelhandelsberufen, sind gute Noten in Mathematik und Deutsch, aber auch Englisch wird eine große Rolle in der Ausbildung spielen. So muss ein Auszubildender die Bereitschaft mitbringen, sich berufsbezogenes Fachenglisch anzueignen.

Wer muss aktiv werden, um den neuen Beruf beim Nachwuchs bekannt und interessant zu machen?

Zum einen sehe ich uns als Handelsverband Deutschland in der Pflicht, weil wir maßgelblich an der Schaffung des neuen Berufs mitgewirkt haben. Zum anderen werden die Kammern ihrem rechtlichen Auftrag nachkommen und informieren. Letztlich wird es ein Zusammenspiel aus vielen Playern in der Bildungspolitik sein, auch der Lehrkräfte im Rahmen der Berufsorientierung oder der Bundesagentur für Arbeit als Berufsberater.

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