Neues Gesetz "Qualifizierung eigener Mitarbeiter"

von Silke Biester
Freitag, 12. Oktober 2018
Stefanie Sabet: „Die Hoheit, wer welche Weiterbildung macht, ist Sache des Arbeitgebers. Und das muss auch so bleiben.“
Christoph Assmann/ANG
Stefanie Sabet: „Die Hoheit, wer welche Weiterbildung macht, ist Sache des Arbeitgebers. Und das muss auch so bleiben.“
Für Stefanie Sabet, Hauptgeschäftsführerin der Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG) sollte Weiterbildung im Mittelpunkt der Branchenaufmerksamkeit stehen. Deshalb schätzt sie den erweiterten Zugang zur Weiterbildungsförderung im geplanten "Qualifizierungschancengesetz" als sinnvolle Maßnahme zur Zukunftssicherung der Branche.

Frau Sabet, wie schätzen sie aktuell die Bedeutung des Fachkräftemangels für die Ernährungsindustrie ein?

Die Lage ist nach wie vor ungünstig und wird sich weiter verschärfen: Wir haben alternde Belegschaften und Schwierigkeiten, die Jugend zu begeistern. Der Nachwuchs läuft uns nicht gerade zu. Im Industrievergleich hat die Ernährungsindustrie die meisten nicht besetzten Ausbildungsstellen. Die Bundesagentur für Arbeit hat in einer aktuellen Erhebung Berufe der Lebens- und Genussmittelherstellung erstmals in vier Bundesländern als Engpassberufe ausgewiesen. Konkret betroffen sind Brandenburg, Thüringen, Rheinlandpfalz und Baden-Württemberg.

Inwiefern hilft das Qualifizierungschancengesetz, gegenzusteuern?

Da steckt eine Menge drin, ein wichtiger Baustein ist die ausgebaute Weiterbildungsförderung. Aufgebaut wird auf dem Projekt "WeGebAU", quasi als Piloten zur Weiterbildung geringqualifizierter und geringfügig Beschäftigter. Hier stehen KMUs, Ältere und Geringqualifizierte im Mittelpunkt. Ein Großteil der Weiterbildungskosten, die im Unternehmen anfallen, wird getragen. Mit dem neuen Gesetz verändert sich nun der Fokus: Alle Betriebe und Beschäftigte können profitieren. Konkrete Hilfestellung erwarten wir durch die gleichzeitige Fokussierung auf Branchen, in denen es einen strukturellen Wandel gibt, besonders durch die Digitalisierung. Da ist unsere Branche stark betroffen. Die geplante Förderung für Weiterbildung in Engpassberufen unserer Branche kann den Betrieben helfen.

Wie wird denn abgegrenzt, ob man betroffen ist oder nicht?

Das ist noch nicht ganz klar. Die Definition, was genau struktureller Wandel ist, könnte noch präziser formuliert werden. Aber unabhängig von Details sage ich: Die Richtung stimmt.

Was macht den positiven Impuls aus?

Weiterbildung ist immer organisatorischer Aufwand, selbst wenn die Kosten einer Maßnahme übernommen werden. Bisher betreiben 72 Prozent unserer Unternehmen Weiterbildung. In der Praxis geht es meist um Training on the Job. Längere Maßnahmen sind kostenintensiver. Es ist gut, wenn es Zuschüsse gibt. Allerdings gilt dies nur für solche, die mindestens vier Wochen dauern und außerhalb des Betriebs stattfinden. Davon ist ein Qualifikationsimpuls zu erwarten. Gerade durch die Digitalisierung ist es eine Herausforderung, alle Mitarbeiter mitzunehmen, bei denen sich das Arbeitsumfeld erheblich ändern wird. Unternehmen müssen langfristig denken und investieren. Es ist gut, wenn sie da unterstützt werden.

Warum sollte insbesondere die Ernährungswirtschaft gefördert werden?

Auch aufgrund sinkender Bewerberzahlen wird es immer wichtiger, Fachkräftebedarfe gezielt durch Weiterbildung eigener Mitarbeiter anzugehen. Zudem gibt es in unserer Branche einen bestimmten Anteil gering qualifizierter Mitarbeiter. Rund 15 Prozent haben keinen beruflichen Ausbildungsabschluss. Fast ein Drittel der ernährungstypischen Berufe wird als Helfertätigkeit ausgeübt. Es gibt viele einfache Tätigkeiten, die auch Geringqualifizierten den Einstieg ins Arbeitsleben ermöglichen. Aber gerade solche Aufgaben können mit der Digitalisierung wegfallen. Unterstützt werden müssen die Branchen, die es besonders nötig haben. Profitieren wird unsere Branche, wenn die Betriebe die Beratung und Förderung auch in Anspruch nehmen.

Wer entscheidet künftig über die Inanspruchnahme der Bildungsmaßnahmen? Arbeitgeber oder Beschäftigte?

Die Hoheit, wer welche Weiterbildung macht, ist Sache des Arbeitgebers. Das muss auch so bleiben. Auch gibt es keinen Rechtsanspruch der Mitarbeiter auf Freistellung für die Weiterbildung. Den gab es bisher nicht und er ist künftig nicht vorgesehen. Das ist auch gut so.

Weiterbildung fördern

Das neue Gesetz sieht vor, Qualifizierungsmöglichkeiten auszubauen und den Arbeitslosenbeitrag zu senken. Ein entsprechender Entwurf wurde vom Bundeskabinett verabschiedet. Mitte Oktober ist der erste Durchgang im Bundesrat sowie die Lesung im Bundestag. Zum 1. Januar soll es in Kraft treten. Weiterbildung soll deutlich ausgebaut und durch die Bundesagentur für Arbeit gefördert werden, so die Zielsetzung von Arbeitsminister Hubertus Heil: "Die Digitalisierung verändert unser Leben – und wie wir arbeiten", sagt er. "Darauf müssen wir uns vorbereiten, um Chancen und Schutz im Wandel zu gewährleisten." Unabhängig von Ausbildung, Alter und Betriebsgröße soll theoretisch jeder profitieren, vorausgesetzt, es handelt sich um bedarfsorientierte Maßnahmen.

Etliche Studien zeigen, dass für die Digitalisierung zu wenig geschult wird. Beschäftigten fehlt eine systematische Entwicklung der Belegschaft.

Die Digitalisierung geht in der Branche erst los. Das Angebot muss künftig weiter angepasst werden. Das wird auch passieren, wenn die Unternehmen wissen, was sich im Betrieb verändert. Viele Unternehmen stehen noch am Anfang solcher Prozesse. Und jedes setzt eigene Schwerpunkte bei der Digitalisierung. Man darf nicht vergessen, dass es sich um enorme Investitionen handelt. Gerade im Mittelstand, der unsere Branche prägt, überlegt man sich dreimal, in welche Digitalisierungsmaßnahme die Investition fließen soll. Davon hängt der Bildungsbedarf ab.

Wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?

Wir würden uns wünschen, dass in den kommenden Wochen noch genauer gefasst wird, welche Unternehmen gefördert werden können und sollen. Auch muss sichergestellt werden, dass die Mittel bei den Betrieben landen, wo sie hin gehören. Derzeit ist noch unklar, was genau mit strukturellem Wandel gemeint ist und wie die Abgrenzung von Betroffenen zu anderen gezogen wird. Es gibt also noch ein paar Stellschrauben, an denen in den Debatten der kommenden Wochen sicher noch nachgebessert wird.

Ist der Erfolg der Initiative messbar?

Eine Evaluierung ist im Gesetz bisher nicht vorgesehen, wäre aber wünschenswert. Klar ist, dass man zunächst bis Ende 2020 Weiterbildung gezielt finanziell fördern will. Die erheblichen Mehrausgaben müssen richtig verwendet werden. Dann wird man sehen, wer Maßnahmen nutzt, welche Branchen, Regionen und Unternehmen besonders aktiv waren. Wenn die Unterstützung in Anspruch genommen wird, ist das ein gutes Signal. Man sollte die Digitalisierung schließlich als Chance begreifen. Es ist wichtig, dabei alle mitzunehmen.

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