New Work Generation Y liebt Transparenz

von Julia Wittenhagen
Freitag, 26. Oktober 2018
Foto: Steffi Burkhart, Human Capital Evangelist
Kienbaum
Foto: Steffi Burkhart, Human Capital Evangelist
Einen ganzen Kongresstag widmete Kienbaum jüngst dem Thema Transparenz. Zu Recht. Denn Gehalts- und Arbeitgeberbewertungsplattformen, aber auch der Teilhabe-Wunsch der Generation Y und der allgemeine Hierarchieabbau bringen Herrschaftswissen zu Fall.

Warum auf Unternehmen ein zunehmendes Bedürfnis nach Transparenz zukommt, kann Steffi Burkhart erklären. Die 33-Jährige Wirtschaftspsychologin versteht sich als Sprachrohr der Generation Y und ist auf HR-Kongressen derzeit eine gefragte Referentin: "Wir leben in einer Realität, die von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz geprägt ist. Der Modus Erfahrung hilft nicht mehr, Lösungen auf die Fragen der Zeit zu finden", konstatierte sie bei der Veranstaltung "HR Insights" von Kienbaum in Frankfurt. Dieser Umstand zwinge jeden, seine Arbeitsweise zu ändern, schneller zu werden und vor allem offener für den Wissensaustausch. Digitalisierung und moderne Technologie beschleunigen dies, aber auch das Selbstverständnis der jungen Generationen Y und Z. Dem geduldigen Glaubenssatz ihrer Eltern, "erst die Arbeit, dann das Vergnügen", stellten sie ihren Wunsch nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung gegenüber. Motto: "You only live once".

Johannes Prüller, Kommunikationschef Kununu
Kienbaum
Johannes Prüller, Kommunikationschef KununuSie wollen im Berufsleben schnell an spannenden Aufgaben beteiligt werden, erwarten Gleichberechtigung und Feedback. Der Arbeitgeber muss sie überzeugen, sonst gehen sie wieder. "Die Wechselbereitschaft der jungen Generation steigt und auch ihre Bereitschaft, sich als Freelancer keiner Organisation unterzuordnen, wenn Wünsche an den Beruf nicht erfüllt werden", mahnt Burkhart. Deshalb sollten Arbeitgeber Transparenz nutzen für die Darstellung, an welchen Aufgaben bei Ihnen gearbeitet wird und was der Einzelne erreichen kann. "Man kann Transparenz aber auch einsetzen für mehr Diversität", sagte Steffi Burkhart. Indem man sehr offen analysiere, welche Kompetenzen vorhanden sind und "wie wir die Menschen rekrutieren und befördern, die wir gerne haben möchten."

Kununu macht als anonyme Plattform für Arbeitnehmer seit elf Jahren öffentlich und damit transparent, was man sich früher nur am Standort einer Fabrik, eines Unternehmens erzählte: Wie es sich anfühlt, bei Kik oder Kaufhof, Ehrmann oder Henkel zu arbeiten. Drei Millionen Bewertungen zu 750 000 Unternehmen sind online. "Früher trennte man zwischen Marken-, Produkt-, Service- und Arbeitgeberimage. Heute verschwimmen die Grenzen", ist Kununu-Kommunikationschef Johannes Prüller sicher. Daher hätten Unternehmen mit transparenten Prozessen und nachvollziehbarem Verhalten die Nase vorn bei Bewerbern.

Selbst das Arbeitsrecht fördert Transparenz, weiß Tobias Nießen, Partner und Rechtsanwalt bei der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg. Ob Arbeitnehmerüberlassungsgesetz, Entgelttransparenzgesetz oder DSGVO: Alle neuen Gesetze stärken die Auskunftsansprüche von Gruppen oder Individuen. Nießen zitierte auch ein neues Urteil, nach dem Arbeitgeber ihren Angestellten nicht mehr verbieten können, über die Höhe ihres Gehalts zu sprechen.

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Vergütung offen legen – Erfolgsfaktoren und Hürden

+Motivation
+Nachvollziehbarkeit
+Entwicklungsperspektiven
+Fairness - Lohnlücken schließen
+Gerechtigkeit
- Neid unter Mitarbeitern
- Mangelnde Bereitschaft der Führung
- Falsche Kommunikation/ Kultur
- Gewachsene Strukturen
- Leistungskriterien schwer zu ermitteln

Ob das Entgelttransparenzgesetz tatsächlich dazu beiträgt, Männer und Frauen "gleicher" zu bezahlen, dazu wird 2019 eine Evaluierung des Familienministeriums erwartet. Aber schon jetzt ist Anwalt Nießen davon überzeugt, dass der Informationsanspruch und die Offenheit der Mitarbeiter schneller Fakten schaffen werden in Sachen Transparenz als alle Gesetze. Insofern kann er wie seine Vorredner Unternehmen nur zur – möglichst gesteuerten – "Flucht nach vorn" raten.

Schließlich kann sich mehr Einblick wirtschaftlich lohnen, zeigte Guido Friebel, Wirtschaftsprofessor an der Goethe-Universität Frankfurt. Er hat in einer Studie nachgewiesen, dass klare Kommunikation über Unternehmensziele und Karrierechancen die Fluktuation im Einzelhandel um 25 Prozent senkt. "Es ging uns nur um Fluktuation", betonte er. "Der Umsatz konnte in dem Zeitraum nicht verbessert werden, weil die Führungskräfte mehr Zeit investierten, um sich um ihre Leute zu kümmern." Er zitierte eine weitere Studie, nach der klare Gehaltsangaben und Karriereoptionen in Stellenanzeigen die besseren Bewerber anziehen. "Aber Transparenz gibt es nicht umsonst", mahnte der Wissenschaftler. Man müsse sich vorher genau überlegen, wie Menschen in Organisationen darauf reagieren, dass andere mehr leisten oder besser bezahlt werden. Zur Vorbereitung gehöre der Umgang mit Neid, aber auch ein Budget für Anpassungen im Sinne der Lohngerechtigkeit. "Der Weg ist das Ziel", sagte Friebel. Es gehe darum, eine Kultur für Offenheit zu schaffen. "Denn wenn die Organisation einmal die Kriterien für Leistungsbewertung, Bezahlung und die Verteilung von Entscheidungsrechten offen gelegt hat, kann es keine Ausnahmen mehr geben."

Hilmar Schmidt, Geschäftsführer bei Kienbaum, sprach von regelrechten "Schmerzen" beim transparent werden im eigenen Haus. "Planen Sie Widerstände und Schleifen ein, die Sie drehen müssen", sagte er. So hat Kienbaum ein offenes Reporting eingeführt, "bei dem wir uns jeden Monat erzählen, wo wie finanziell stehen und was wir investieren können." Dabei müsse jeder einmal in Kauf nehmen, dass sein Bereich gerade nicht gut abschneidet. "Über diese Offenheit haben wir schon Berater verloren." Dennoch halte er Teilhabe für das richtige Mittel, um Mitarbeiter in einem heiß umkämpten Arbeitsmarkt zu binden. "Neulich haben wir sogar zur Diskussion gestellt, ob wir lieber in eine große Weihnachtsfeier investieren oder zwei weitere Büros im Sinne von New Work umgestalten." Im Anschluss an den Vortrag legte Schmidt sein Gehalt offen und demonstrierte damit sehr wirkungsvoll, was für ein Tabuthema das Einkommen in Deutschland noch ist.

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