New Work Kultur-Evolution bei Beiersdorf

von Silke Biester
Freitag, 18. Dezember 2020
Transparent: Am neuen Beiersdorf-Campus werden Abteilungsgrenzen aufgebrochen. Flexible Arbeitsplätze fördern die Kommunikation.
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Transparent: Am neuen Beiersdorf-Campus werden Abteilungsgrenzen aufgebrochen. Flexible Arbeitsplätze fördern die Kommunikation.
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Kultur-Evolution bei Beiersdorf
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Zum zweiten Mal hat Beiersdorf kürzlich ein New Work Festival durchgeführt, erstmals komplett virtuell. Das Eventsoll den Kulturwandel unterstützen. Welche Rolle New Work für die Zukunftssicherung des Unternehmens spielt, darüber berichten der Personalvorstand Zhengrong Liu und Festival-Gründer Julian Kupfer im Gespräch mit der LZ.

Kulturwandel lässt sich nur schwer verordnen. Er ist ein vielschichtiger und langfristiger Prozess, der eher einer Evolution als einer Revolution gleicht. Liu betont deshalb erfreut, dass die Bewegung bei Beiersdorf sowohl "Top-down" als auch "Bottom-up" voranschreitet. Entscheidende Weichen hat das Management bereits vor fünf Jahren gestellt, als die Führungsstruktur der Beiersdorf AG neu gestaltet wurde. Bis dahin hatte es eine eher klassische, aufwändig strukturierte Hierarchie über neun Stufen gegeben. "Doch wenn es viele Ebenen gibt, erzeugt das unter den Beschäftigten ein ausgeprägtes Statusdenken", erläutert Liu die Notwendigkeit der Veränderung.

„Wir möchten, dass sich die Menschen stärker an den Inhalten als an den Sternen auf der Schulter orientieren“
Zhengrong Liu
Zhengrong Liu
Zhengrong Liu
"Wir möchten erreichen, dass sich die Menschen stärker an den Inhalten der Arbeit als an den Sternen auf der Schulter orientieren." Um den Fokus weg vom nächsten Karriereschritt und stattdessen stärker auf die individuellen Aufgaben zu lenken, hat die Führungs-Crew die Zahl der Ebenen 2015 halbiert. Breitere Management-Bänder sorgen seitdem für mehr Gleichwertigkeit sowie Flexibilität bei der Aufgabenverteilung.

Parallel dazu wurde durch neue Software-Lösungen die Voraussetzung für offene, transparente, kooperative und digitale Zusammenarbeit geschaffen. Julian Kupfer, der heute zum Team der Unternehmenskommunikation gehört, hat zum damaligen Zeitpunkt die Einführung von Office 365 begleitet. Dabei musste er feststellen, dass die vielfältigen Möglichkeiten der Collaboration-Tools zwar neue Formen der Zusammenarbeit möglich machen und die Effizienz steigern können. Doch in vielen Teams wurden sie in der Praxis nur eingeschränkt genutzt. In manchen Bereichen stärker, in anderen weniger.

Das Unternehmen mache einen Wandel möglich, indem es den Rahmen dafür schafft, beschreibt Liu eine Grundvoraussetzung. Ob und wie schnell sich tatsächlich etwas ändert, sei damit aber noch nicht sicher. "Kultur – das ist jeder Einzelne", stellt Kupfer fest. Das Handeln im Alltag müsse sich verändern. "Wir möchten althergebrachte Verhaltensweisen reduzieren", sagt Liu.

Beispielsweise gehe es darum, Wissen konsequent zu teilen, anstatt damit die eigene Position durch Herrschaftswissen abzusichern. Neue Führungsqualitäten sind gefragt und hierarchisches Denken überflüssig. Abteilungsgrenzen werden aufgebrochen und mehr Flexibilität geschaffen. Es geht gezielt darum, sich gegenseitig zu helfen. So habe man zum Beispiel Reverse-Coaching eingeführt: Junge Mitarbeiter zeigen älteren den Umgang mit digitalen Anwendungen, bei denen sie deutlich versierter sind.

„Unternehmenskultur – das ist jeder einzelne Mitarbeiter“
Julian Kupfer
Julian Kupfer
Julian Kupfer

Bis die strategischen Ziele den Arbeitsalltag erreichen, kann allerdings einiges an Zeit vergehen. Eine Voraussetzung für den Wandel ist es, dass die Idee von New Work überall ankommt, verstanden und gewollt wird. Nur dann kann sie auch gelebt werden. "Die breite Organisation muss mitmachen", weiß Personalchef Liu. Wobei Beiersdorf der Organisation die nötige Zeit zum Umdenken durchaus zugestehe. "Wer sich anfangs damit schwer tut, muss nicht gleich das Unternehmen verlassen", stellt Liu klar. Allerdings könne es sein, dass man als Chance vielleicht neue Aufgaben in einem anderen Team angeboten bekommt. Schließlich kann ein Perspektivenwechsel auch die eigene Entwicklung anstoßen.

Kupfer brauchte einen solchen Anstoß von außen nicht: Er fing aus Neugierde an, sich mit New-Work-Themen wie Agilität, Transparenz und Purpose zu beschäftigen. "Das hat mich fasziniert", zeigt er sich begeistert. Die Idee zum New Work Festival wurde geboren. Ohne einen Auftrag zu haben, machte er sich die Methode "Working out loud" zu eigen, tauschte sich intensiv mit Kollegen aus und fand etliche Unterstützer in den unterschiedlichsten Bereichen des Unternehmens. Auch im Vorstand stieß er auf offene Ohren. Aus der Idee wurde eine Initiative. Nicht nur das notwendige Budget wurde freigegeben, Beiersdorf-CEO Stefan de Loecker unterstützt das New Work Festival als Schirmherr.

Das Event macht es jedem Mitarbeiter möglich, sich mit erwünschten Verhaltens- und Arbeitsweisen vertraut zu machen. Die rund 50 Beiträge des dreitägigen Programms befassen sich mit Leadership, virtueller Führung, der emotionalen Beziehung zum Team im Homeoffice, der Demokratisierung von Wissen, offenen Teams, Eigenverantwortung, dem Sinn des Tuns, agilen Methoden und wie der Spaß beim Arbeiten entsteht. Beispielhaft berichten zudem Manager anderer Unternehmen, von ihren Erfahrungen mit New Work und wie die Kultur dort voran getrieben wird. "Wir wollten bewusst keinen Kongress machen mit Dauerpräsenz", sagt Kupfer. Schließlich gehe es bei New Work mehr um die eigene Motivation als um Vorgaben von oben. Entsprechend der individuellen Interessenlage und zeitlichen Möglichkeiten sollte jeder flexibel entscheiden, wo er dabei sein möchte. Zwar ist es der Corona-Krise geschuldet gewesen, dass Beiersdorf das Festival 2020 ausschließlich virtuell durchführen konnte. Liu und Kupfer können dem aber auch Positives abgewinnen: Die Teilnahme war erstmals unabhängig von Zeit und Ort, sodass auch international jeder interessierte Mitarbeiter dabei sein konnte.

Einen weiteren Schritt in Richtung New Work stellt der neue Beiersdorf Campus dar, der im kommenden Jahr fertiggestellt und bezogen werden soll. "Das Gebäude selbst verändert nicht die Art der Zusammenarbeit", sagt Liu. "Aber es eröffnet neue Möglichkeiten dafür." Die offene, transparente Architektur kann einen Beitrag leisten, weil sie Raum für Begegnung schafft. Zudem haben Mitarbeiter künftig nicht mehr jeder einen eigenen Schreibtisch, sondern platzieren sich flexibel. Die Anbindung an das jeweilige Team soll aber erhalten bleiben.

Durch die Covid-Krise, in der große Teile der Belegschaft vom Homeoffice aus arbeiten, habe man festgestellt, dass Arbeitszeit und -ort deutlich flexibler gehandhabt werden können, als zuvor angenommen. "Ich sage nicht, Homeoffice ist besser, wir möchten sehr wohl einen belebten Campus haben", schränkt Liu ein. Die Möglichkeit, mobil zu arbeiten, sei jedoch vorteilhaft. Um langfristig einen handhabbaren Rahmen zu schaffen, hat Beiersdorf mit dem Betriebsrat bereits eine Betriebsvereinbarung für die Arbeitsweise nach der Corona-Zeit verabschiedet. "Jeder soll dort arbeiten können, wo es der Produktivität des Einzelnen und des Teams zuträglich ist", fasst der Personalvorstand zusammen.

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