New Work Office 4.0 als Zeichen des Kulturwandels

von Silke Biester
Freitag, 12. April 2019
Natur und Design: Ein angenehmes Arbeitsumfeld soll die Kreativität im Wiener Büro des Technologieriesen SAP fördern.
Fotos: Paul Ott/SAP
Natur und Design: Ein angenehmes Arbeitsumfeld soll die Kreativität im Wiener Büro des Technologieriesen SAP fördern.
Immer mehr Unternehmen modernisieren ihren Arbeitsraum zu offenen Bürolandschaften. Das setzt ein Signal für Veränderung. Ob Transparenz tatsächlich zu Transformation führt, hängt allerdings von mehr ab, als von Design, Glas und Farben.

Wer kennt sie nicht, die Bilder moderner Arbeitswelten mit Hängematte, Tischkicker und bequemen Möbeln, die den Eindruck erwecken, Büroarbeit habe ausschließlich mit Spiel, Spaß und Entspannung zu tun. Auch wenn das so nicht stimmt, hat es doch einen Effekt für die Zusammenarbeit, wenn es die Möglichkeit für Spiel, Spaß und Entspannung gibt. Das machen sich längst nicht nur IT-Riesen wie Google oder Facebook zunutze. Die von Trendforschern bereits in den 80ern beschriebene Entwicklung hat traditionelle Unternehmen erreicht, auch in der Konsumgüterwirtschaft. Unilever zählt mit dem Umzug vor zehn Jahren in die Hamburger Hafencity sicher zu den Vorreitern der Branche. Offene Räume, Wände aus Glas, viel Farbe und Begegnungsorte mit Stehtischen und Kaffee wirkten damals geradezu revolutionär. Aktuell sucht der Konzern allerdings nach einem neuen Zuhause nachdem das Haus für die geschrumpfte Mitarbeiterzahl zu groß geworden ist.

Erst vor wenigen Monaten hat Intersnack in Köln ein neues Domizil mit offener Fläche bezogen. Türen gibt es lediglich für Besprechungsräume, die aber hinter Glas immer noch einsehbar sind. Kaffeeküchen sowie eine großzügig gestaltete Arena laden aktiv zum Austausch ein. Das Ziel dahinter: Silos aufbrechen, die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit sowie Kreativität und Innovationsfähigkeit verbessern. Kontaktbarrieren wie die klassische, geschlossene Bürotür sind abgeschafft.

Der Bio-Spezialist Alnatura verfolgt mit dem Einzug in Europas größtes, klimaneutrales Bürogebäude aus Lehm vor wenigen Wochen auch ökologische Absichten. Tageslicht sowie die temperierte frische Waldluft, die durch einen Erdkanal ins Gebäude geführt wird, sollen ebenso wie die gesamte Atmosphäre mit naturnaher Ästhetik auch das Wohlbefinden der Mitarbeiter fördern.

Kontaktfördernd: Die neue Alnatura-Zentrale bietet Raum für Begegnung.
Alnatura
Kontaktfördernd: Die neue Alnatura-Zentrale bietet Raum für Begegnung.

Auf Nachhaltigkeit und Gesundheit setzt auch Beiersdorf: 250 Millionen Euro investiert der Nivea-Hersteller in einen Campus mit 3 000 hochmodernen Büro- und Laborarbeitsplätzen. Für die bis 2021 fertig gestellte Konzernzentrale strebt das Unternehmen als erstes in Deutschland eine Doppelzertifizierung nach Leed, einem international anerkannten Gütesiegel für Nachhaltigkeit in der Gebäudeplanung, und nach dem Well-Standard an. Bei Well stehen die Gesundheit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter im Fokus.

Vergleichsweise leicht bei der Arbeitsplatzmodernisierung haben es jene, für die ein Umzug infrage kommt. Andere nehmen aufwändige Umbaumaßnahmen in Kauf. Der Softwareanbieter SAP hat beim Re-Design des Wiener Büros kurzerhand 3 000 Pflanzen platziert, um "parkähnliche Erholungs- und Kommunikationszonen" zu schaffen. "Wer seine grauen Zellen anstrengen möchte, sollte nicht in einer grauen Zelle sitzen", sagte Trendforscher Franz Kühmayer vom Zukunftsinstitut kürzlich bei der Eröffnung. Er hat das SAP-Projekt "Viennovation" von der Vision und Bedarfsermittlung über das Change Management bis zur Erfolgsmessung durchgehend begleitet.

An dem traditionsreichen Firmensitz des Feinkostherstellers Kühne wurden reichlich Wände eingerissen und Farbe verstrichen. Die Runderneuerung ist ein Baustein, um das Unternehmen für die Zukunft fit zu machen. Ein sichtbares Signal für Veränderung. Tatsächlich wurde die gesamte Strategie überarbeitet und das Tempo für neue Produkte, neue Zielgruppen und neue Märkte erhöht. Eine frische Denke soll einziehen und durch die Arbeitsumgebung Kontakte, Kooperation und Kreativität anstoßen. "Wir legen Wert darauf, das Unternehmen von innen heraus zu verjüngen. Wir kommunizieren offener und informeller", so beschrieb Geschäftsführer Stefan Leitz den Wandel gegenüber der LZ. Dazu gehört für ihn der Abbau von Hierarchien, eine Feedbackkultur sowie verstärkt abteilungsübergreifendes, projektbezogenes Arbeiten.

„Kulturwandelgeht nicht nebenbei. Er muss vom Vorstand gewollt und von jedem Mitarbeiter getragen werden. Viele Führungskräfte müssen neue Verhaltensweisen lernen“
Christoph Magnussen, Blackboat

Auch bei Bahlsen hat man dem Stammsitz neues Flair eingehaucht: Offene, zum Flur hin verglaste Büroräume werden von einem Co-Working-Space mit Sitzecken, Schaukeln, Hängematte und halboffenem Meeting-Kubus ergänzt. Intern wird der mit Getränken, Keksen und Obst bestückte Großraum "B-Hub" genannt. "Wir glauben fest daran, dass Veränderungen über Beziehungen passieren", erläutert Kommunikations-Chef Christian Bahlmann die Rolle des Begegnungsraumes. Der B-Hub ist Teil des Change-Prozesses. Neben der Möglichkeit für alle Mitarbeiter, dort zu arbeiten oder sich mit Kollegen zu treffen, finden dort Dialoge mit dem Management Board und weitere "B-Talks" statt.

In zahlreichen Unternehmen ist der Veränderungsdruck in der jüngeren Vergangenheit erheblich gestiegen. Ein Grund ist die digitale Transformation: Die beschleunigte Marktentwicklung droht alle abzuhängen, die sich nicht bewegen. Hinzu kommt der Wettstreit am Arbeitsmarkt um junge Talente. Wer die guten gewinnen will, muss sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren, denn die Generationen Y und Z sind anspruchsvoll. Sie lassen sich von angenehmer New-Work-Atmosphäre anlocken und von allzu tradierten, hierarchischen Arbeitsweisen abschrecken. Wer sie mittelfristig halten will, sollte einen Schritt weiter gehen, als für moderne Räume zu sorgen.

Der Experte für New Work und digitale Transformation, Christoph Magnussen von der Beratung Blackboat, weiß, dass in manchem Unternehmen ein farbiger Anstrich "krass verwechselt wird" mit Kulturwandel. Transparenz dürfe sich nicht auf die Räume beschränken, betont er. Magnussen und sein Team "befreien Unternehmen von alten Arbeitsweisen und Technologien". Um agil und transparent arbeiten zu können, hilft er auch bei der Implementierung digitaler Tools als Fundament für den Wandel. Sowohl neue Technologien als auch moderne Arbeitsräume können zwar Verhaltensweisen beeinflussen. Notwendig sei aber vor allem eine neue Haltung. Im Kern gehe es um die Frage: "Wie wollen wir zusammenarbeiten?" Selbstbestimmtes Arbeiten verbunden mit Verantwortung für das eigene Tun ist für ihn Grundvoraussetzung für New Work. In vielen Fällen müssten Führungskräfte dafür neue Verhaltensweisen erlernen. Sie verfügen nicht mehr über einen Wissensvorsprung und sollen keine Anweisungen geben, sondern die Mitarbeiter bei eigenverantwortlichem sinnvollen Handeln unterstützen.

Zu Magnussens Kunden zählt die Otto Gmbh. Der Versender hat sich seit einigen Jahren den Kulturwandel auf die Fahnen geschrieben und arbeitet auf verschiedensten Ebenen daran. Veränderung der Unternehmensstruktur, Projektarbeit, selbstorganisierte Teams und die neue Leadership-Prinzipien gehören ebenso dazu wie neue Tools, Räume und die Einführung einer Duz-Kultur. Allerdings bekommen manche der knapp 5 000 Mitarbeiter die neue Arbeitswelt früher zu spüren und andere später. Die Baumaßnahmen, für die am Hamburger Campus eine achtstellige Investitionssumme geplant ist, dauern über etliche Jahre. Dort, wo die Flächen bereits neu gestaltet wurden, gilt ein "Sharing-Prinzip": Jeder kann sich den Arbeitsplatz aussuchen, den er für die aktuelle Aufgabe benötigt. Magnussen lobt die Konsequenz, mit der das Unternehmen den Wandel vorantreibt. "Wer glaubt, das geht mal eben nebenbei, der irrt sich gewaltig", stellt er klar. Es sei ein Eingriff in den Alltag, der zuerst vom Vorstand gewollt, aber ebenso von jedem Mitarbeiter getragen werden müsse.

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