Pandemie-Folgen Baumärkten droht Milliarden-Einbuße

von Jens Holst
Donnerstag, 02. April 2020
Die Einbußen in der Baumarktbranche sind beträchtlich, auch wegen der eingeschränkten Kundenfrequenz.
Imago Images / Cord
Die Einbußen in der Baumarktbranche sind beträchtlich, auch wegen der eingeschränkten Kundenfrequenz.
Pandemie-Folgen
Baumärkten droht Milliarden-Einbuße
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Ausgerechnet zum Saisonauftakt sind Baumärkte vielerorts geschlossen – immerhin in Niedersachsen machen sie nun zum Wochenende wieder auf. Durch die Schutzmaßnahmen vor der Corona-Pandemie drohen Rückgänge in Milliardenhöhe. Zugleich regt sich Kritik am Discount, der entsprechende Sortimente weiterverkauft.

Die Corona-Pandemie hinterlässt auch in der Baumarkt-Branche Spuren. Während Discounter wie Aldi und Lidl derzeit bundesweit für Garten- und Outdoor-Artikel trommeln, müssen Baumärkte vielerorts dichtmachen. In Bayern, Niedersachsen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern sind die Märkte seit Tagen für Privatkunden geschlossen – das ist ein Drittel aller Standorte über 1.000 qm. Je nach Region dürfen die Betreiber nur an Gewerbekunden verkaufen oder Verbrauchern die Abholung oder Lieferung anbieten.

Zumindest in Niedersachsen sollen die Märkte am Wochenende nun wieder öffnen. Ministerpräsident Stephan Weil begründet dies mit Kundenwanderungen: "Alle anderen Bundesländer, die an Niedersachsen angrenzen, haben entsprechende Einrichtungen offen gelassen – und wir stellen fest, dass es einen regen Verkehr gibt." Kritische Töne richtet der Ministerpräsident an den Lebensmittelhandel. So sei festzustellen, "dass zum Beispiel Supermärkte ihr Sortiment für Gartenprodukte erweitert haben, dafür ihre Käufer finden und damit wiederum für größere Käuferzahlen sorgen als für geringere".

Der Flickenteppich aus regionalen Regelungen trifft die Vertriebsnetze der Händler unterschiedlich stark. So sind bei Hornbach bislang 26 Märkte von den Schließungen betroffen gewesen, bei Globus-Baumarkt sind es 23. Die Rewe-Tochter Toom musste rund 100 Standorte für Privatkunden dichtmachen, bei Marktführer Obi dürften es mehr als 130 sein. Bei Hagebau treffen die Anordnungen der vier Bundesländer 217 Standorte.

Dass die Discounter in diesen Bundesländern ihr Nonfood-Geschäft mit Saison-Ware ungehindert fortführen dürfen, irritiert viele Baumarkt-Betreiber. Es lasse sich durchaus von "ungleichem Wettbewerb" sprechen, erklärt Hornbach. Massive Kritik kommt vom Baumarkt-Verband BHB, der moniert, dass die Discounter die Sortimente zu einer deutlichen Frequenzerhöhung auf der Fläche nutzen würden – "auf Kosten der Sicherheit der Kunden und Mitarbeiter", wie Hauptgeschäftsführer Peter Wüst erklärt. "Wir halten es demnach sogar für gefährlich, wenn die Discounter durch Werbedruck auf die saisonalen Sortimente Menschenansammlungen quasi herausfordern."

Frühe Sicherheitsmaßnahmen auf der Fläche

Die Baumarkt-Händler haben sich selbst früh auf Sicherheitsmaßnahmen wie Zugangsbeschränkungen geeinigt und setzen dabei eine Maßzahl von zwei bis drei Kunden pro 100 qm an, so Wüst. Dies könne ein "durchschnittlicher Store im LEH-Bereich niemals erreichen". Die Maßnahmen zum Schutz von Kunden und Mitarbeitern hätten "zu massiven Frequenz- und damit natürlich auch zu Umsatzrückgängen geführt", so der BHB-Mann. Dies bestätigen auch die Händler. Bei geschlossenen, aber auch bei den geöffneten Märkten "verzeichnen wir einen spürbaren Umsatzrückgang im Vergleich zum Vorjahr", erklärt Hagebau-Chef Jan Buck-Emden. Und auch Globus-Fachmarkt-Geschäftsführer Timo Huwer konstatiert: "Sowohl durch die Schließungen als auch durch die Einschränkungen in den geöffneten Märkten wird natürlich Umsatz verhindert."

Wie hoch die Einbußen ausfallen werden, ist noch unklar. Es sei aber bereits absehbar, "dass 2020 bedingt durch die Corona-Pandemie kein gutes Jahr für die Baumarktbranche werden wird", erklärt Experte Klaus Peter Teipel. Kurz vor der Krise hatte der Fachmann den Baumärkten noch ein Plus von 1,4 Prozent prognostiziert. Das ist nun Makulatur: "Wenn sich ein hoher einstelliger Umsatzrückgang verhindern lässt, wäre das bereits ein Erfolg." Ein Grund: Laut Teipel war der April in den Vorjahren jeweils der umsatzstärkste Monat. "Geht man in diesem Zeitraum, sowie in der zweiten Hälfte des März, von deutlichen Rückgängen aus, so verlieren die Baumärkte allein in diesen Wochen mindestens eine Milliarde Euro an Umsatz", so Teipel. Auch spätere Nachkauf-Effekte dürften diese Verluste nicht kompensieren.

Die Händler hoffen dennoch, dass Kunden Projekte verschieben. Parallel läuft das Online-Geschäft auf Hochtouren, alle Anbieter verzeichnen wachsende Umsätze. Nicht nur bei Hornbach führt das zu längeren Lieferzeiten, weshalb die Logistik verstärkt wurde. "Noch mehr Last auf dem Onlinekanal durch stationäre Schließungen würde diese Situation verschärfen", so das Unternehmen. Sowohl Hagebau-Chef Buck-Emden als auch Globus-Baumarkt-Lenker Huwer betonen, dass die entgangenen Umsätze durch das Netz nicht kompensiert würden. Und auch Hornbach, wo seit Jahresbeginn Erich Harsch die Geschäfte führt, erklärt: "Eine Eins-zu-Eins-Kompensation kann es aktuell sicher nicht geben."

 

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