Pandemie Unsicherheit im Handel steigt

von Werner Tewes, Jan Mende, Tassilo Zimmermann, Mathias Himberg und Annette C. Müller
Donnerstag, 19. März 2020
Abstand halten: Der Handel verschärft die Vorsichtsmaßnahmen in den Märkten.
LZ
Abstand halten: Der Handel verschärft die Vorsichtsmaßnahmen in den Märkten.
Pandemie
Unsicherheit im Handel steigt
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Der deutsche Handel ächzt unter der Corona-Krise. Die Unsicherheit steigt. Auch weil abseits des klassischen Lebensmittelhandels bisher unklar bleibt, was als systemrelevant gelten darf.

Der deutsche Handel kämpft um die Frage der Systemrelevanz: In der Branche ist in dieser Woche heftig darum gerungen worden, welche Segmente notwendig für die Versorgung der Bevölkerung sind. Während für den stationären Lebensmittelhandel keine Zweifel herrschen, sieht es in anderen Bereichen anders aus. Zwar gibt es zentrale Leitlinien, welche Läden schließen müssen. Doch die Erlasse haben zumindest bis zum Redaktionsschluss am Mittwochabend Interpretationsspielraum offen gelassen, und ihre Umsetzung obliegt den einzelnen Bundesländern und Kommunen.

In einem Brief an die Ministerpräsidenten hat der Handelsverband Spielwaren bereits davor gewarnt, dass eine Schließung des klassischen Spielwarenhandels "zu verstärkten Ansammlungen von Menschen" in Drogeriemärkten führen würde, da sich Kunden dann dort mit Oster-Geschenken eindeckten. "Eine zusätzliche Öffnung des Spielwaren-Einzelhandels würde die Ansteckungsgefahr vor und in Drogeriemärkten verringern", so der Verband. Marktkenner halten das Argument zwar für vorgeschoben. Tatsächlich könnten Spielwarenhändler massiv Oster-Umsätze etwa an Müller verlieren, der als Drogist die Läden öffnen darf und zugleich über ein großes Spielwarensortiment verfügt. In Österreich soll Müller sein Spielwarensortiment jedoch schon abgehängt haben. Das Unternehmen war für eine Stellungnahme bis zum Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Klare Einordnungen fallen schwer. Auch der Nonfood-Discounter Kodi will seine Filialen offen lassen. Geschäftsführer Babak Kharabi verweist auf das große Sortiment an Drogeriewaren. Fakt ist: Kodi führt nicht nur Bürobedarf, sondern auch Wasch- und Putzmittel sowie mit Toilettenpapier und Seife sogar Artikel, bei denen es im klassischen Lebensmittelhandel teils große Regallücken gibt.

Verwaltungsmitarbeiter für Supermärkte

Verantwortliche dort betonen freilich weiterhin, dass die Warenversorgung insgesamt sichergestellt ist. Die Lager sind voll, heißt es. Probleme macht allenfalls die Verräumung der Waren in die Regale. Hinter vorgehaltener Hand äußert ein selbstständiger Einzelhändler aus Bayern jedoch Zweifel, ob die Situation stabil bleiben kann, wenn es weitere anhaltende Anstürme gibt. In dem Bundesland war es durch die Verkündung von Schul- und Kita-Schließungen sowie der offiziellen Erklärung des Katastrophenfalls vom vergangenen Freitag bis Montag nochmals zu heftigen Hamsterkäufen gekommen.

Um die Lage in den Griff zu kriegen, suchen die Handelskonzerne händeringend nach Arbeitskräften. Rewe will mit einem erleichterten Bewerbungsverfahren vor allem auch Studenten als Aushilfen gewinnen. CEO Lionel Souque hat zudem Mitarbeiter aus Verwaltungsbereichen, in denen derzeit weniger zu tun ist, aufgerufen, wenn möglich, in den Märkten auszuhelfen. Edeka-Selbstständige suchen auf eigene Faust Mitarbeiter über Social-Media-Kanäle. Kaufleute berichten, dass die Anstrengungen der letzten Wochen langsam anfangen, Spuren zu hinterlassen. In manchen Supermärkten sind die Krankenstände gestiegen, die verbliebenen Mitarbeiter schieben Überstunden. "Unsere Leute laufen auf dem Zahnfleisch", so ein Rewe-Kaufmann.

Auch weil die Mitarbeiter "Verschnaufpausen brauchen", stehen große Teile der Branche einer Sonntagsöffnung noch ablehnend gegenüber. "Sinn könnte die Sonntagsöffnung machen, wenn sich auch in Deutschland nur eine bestimmte Anzahl an Kunden gleichzeitig im Supermarkt aufhalten darf. Dann könnte man das Ganze entzerren", schränkt jedoch ein Kaufmann aus Nordrhein-Westfalen ein. Genau dazu gehen freilich nun auch Händler aus Deutschland über: Die Edekaner Niemerszein und Arlt & Trostel reglementieren bereits die Kundenzahl in den Märkten. Bei dm hält man sich die Sonntagsoption ohnehin offen: "Die Entscheidung, ob ein dm-Markt auch sonntags geöffnet haben wird, treffen die dm-Teams vor Ort selbst", sagt Firmenchef Christoph Werner.

Coronavirus (Symbolbild)
imago images / ZUMA Press

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