Personalabbau Corona macht Trennungen komplex

von Silke Biester
Freitag, 15. Mai 2020
Emotionaler Abgrund: Beim Trennungsgespräch per Video-Chat ist die Familie möglicherweise live dabei.
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Emotionaler Abgrund: Beim Trennungsgespräch per Video-Chat ist die Familie möglicherweise live dabei.
Personalabbau
Corona macht Trennungen komplex
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Immer mehr Unternehmen bereiten sich darauf vor, sich von Mitarbeitern zu trennen. Die Corona-Krise bringt dabei besondere Herausforderungen mit sich. Ein bewusster Umgang damit ist empfehlenswert.

Bei Karstadt-Kaufhof ist es jetzt soweit: In einem Brief an die Mitarbeiter hat die Unternehmensführung vor wenigen Tagen angekündigt, infolge der Corona-Krise Stellen abbauen zu wollen. Der Warenhauskonzern wird damit nicht allein bleiben. Die Pandemie treibt die Wirtschaft in eine Rezession. Dementsprechend macht man sich in vielen Unternehmen Gedanken, auf welche Beschäftigte man in absehbarer Zeit verzichten möchte und welche besonderen Bedingungen es dabei zu beachten gilt. „Corona verändert alles, die Situation zerrt an den Nerven. Auch Trennungen müssen deshalb anders ablaufen“, sagt Bernd Fricke, Director Executive New Placement & Karriereberatung bei der Personalberatung Kienbaum.

Er begleitet seit Jahren auch Unternehmen der Konsumgüterwirtschaft, wenn sie sich beispielsweise im Rahmen der Transformation von Beschäftigten trennen müssen. In der Regel wollen Unternehmen auf betriebsbedingte Kündigungen gerne verzichten, da die Handlungsgrenzen dabei eng gesteckt sind. Wenn es um Managementpositionen geht, steht dies oft gar nicht zur Debatte. Gesucht werden einvernehmliche Lösungen per Aufhebungsvertrag. „Besonders Markenartikelhersteller bemühen sich bei Trennungen um Fairness. Sie wollen negative Presse sowie Auswirkungen auf das Image der Marke und als Arbeitgeber vermeiden“, so Fricke. „Marketingorientierte Unternehmen sind dabei verwundbarer als andere.“

Aktuell rücken solche Trennungsabsichten in den Fokus, die in der akuten Gesundheitskrise zurückgestellt wurden: „Durch Corona wurden zuvor bereits angestrebte Trennungsmaßnahmen in vielen Unternehmen auf Eis gelegt“, weiß der New-Placement-Berater. „Seit Anfang Mai werden die Prozesse wieder verstärkt aufgenommen.“ Im Normalfall würde ein Vorgesetzter den Betroffenen zum persönlichen Gespräch bitten. Doch was, wenn die halbe Belegschaft vom Homeoffice aus arbeitet? „Ich rate dringend davon ab, Mitarbeitern im Homeoffice zu kündigen, sofern es sich irgendwie vermeiden lässt!“, sagt Fricke entschieden. „Es muss einen sicheren Schutzraum für das Trennungsgespräch geben.“ Schließlich reagiert jeder Mensch anders in dieser sehr emotionalen Situation. Trifft ihn die Information per Video-Chat kann dies zur 1:1-Live-Schaltung in die Familie werden.

Bernd Fricke, Kienbaum
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Bernd Fricke, Kienbaum
Besser ist es, den Mitarbeiter auf jeden Fall ins Büro zu bitten. Im persönlichen Kontakt ist es einfacher, Wertschätzung zu vermitteln: Es sollte deutlich werden, dass man sich nicht von dem Menschen trennen will, sondern vielmehr die von ihm besetzte Position nicht mehr benötigt. Sollte direkter Kontakt nicht möglich sein und der Zeitpunkt sich wegen einzuhaltender Fristen nicht in die Nach-Homeoffice-Phase hinauszögern lässt, müssen die zumindest die Rahmenbedingungen stimmen: Der Mitarbeiter sollte wissen, dass er für den Video-Call absolut ungestört sein muss. Und er sollte routiniert mit dem Video-Tool umgehen können. Bild, Ton und Internetverbindung müssen fehlerfrei funktionieren. Sonst ist das Ziel des Meetings gefährdet: „Die Botschaft, dass man sich trennen wird, muss klar ankommen.“

Auf den drohenden Jobverlust reagiert jeder anders. Die Situation ist für alle Beteiligten schwer kalkulierbar: „Auch Führungskräfte sollten auf Trennungsgespräche vorbereitet werden – erst recht in Corona-Zeiten“, rät Fricke. Etwas weniger unangenehm ist es, wenn dem Mitarbeiter Unterstützung bei der Perspektiventwicklung angeboten werden kann: Der New-Placement-Berater macht Mut, die Krise als Anstoß für einen Neustart zu sehen: „Wer jetzt eine neue Position sucht, hat durchaus Chancen. Denn Unternehmen, die eine Stelle besetzen wollen, bekommen durch Corona weniger Bewerbungen. Wer zurzeit eine Stelle hat, vermeidet eher das Risiko eines Wechsels.“

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