Personalchefs im Gespräch "Für Ikea bricht eine neue Ära an"

von Julia Wittenhagen
Freitag, 27. Oktober 2017
Anna Andersson: Die Schwedin ist dafür verantwortlich, knapp 18 000 deutsche Mitarbeiter fit zu machen für ein nahtloses Ikea-Einkaufserlebnis im Multichannel.
Mathias Richter
Anna Andersson: Die Schwedin ist dafür verantwortlich, knapp 18 000 deutsche Mitarbeiter fit zu machen für ein nahtloses Ikea-Einkaufserlebnis im Multichannel.
Der Ausbau des Online-Handels stellt den Konzern vor neue Herausforderungen: Das typische Ikea-Einkaufserlebnis und die sympathisch-familiäre Atmosphäre sollen auch für Internet-Kunden spürbar sein. Personalchefin Anna Andersson hilft Mitarbeitern, Beratungskompetenz aufzubauen.

Erfolgsverwöhnt? Ja. So weiter machen wie bisher? Nicht ganz. Das signalisiert bei Ikea schon die Neubesetzung der Unternehmensspitze mit Jesper Brodin im September. "Er ist schon 22 Jahre bei Ikea, aber kein reiner Experte für Handel, sondern für alles rund um Supply Chain", erläutert Anna Andersson, die bei Ikea Deutschland Personalchefin ist. "Er wird Multichannel weiter voranbringen", ist sie überzeugt. Bislang erzielt Ikea nur knapp fünf Prozent des Deutschland-Umsatzes von 4,75 Mrd. Euro 2016 über das Onlinegeschäft und gehört damit noch nicht einmal zu den Top 20 der Onlinehändler in Deutschland.

"Für uns bricht eine neue Ära an", beschreibt die Schwedin die Stimmung, ohne richtig konkret werden zu können. Schließlich ist der neue CEO noch in der Einarbeitungsphase. Auch in Deutschland, dem wichtigsten Einzelmarkt für Ikea, wechselt die Führung: Landeschef Peter Betzel geht für Ikea nach Indien, Denis Balslev, bisher für Dänemark verantwortlich, übernimmt. "Wirwerden stärker in das Online-Geschäft einsteigen und uns gleichzeitig mit den Menschen intern und extern stärker vernetzen zu Themen wie Nachhaltigkeit und Innovation", glaubt Andersson. Die Co-Kreation neuer Angebote mit Kunden kann sie sich genauso vorstellen wie Recycling-Konzepte für Ikea-Produkte. "Wir haben viel zu tun", sagt die 39-Jährige energisch.

Den Verkaufserfolg in den 389 Geschäften zu messen, darin sei der weltweit größte Möbelhändler Meister. Ausgefeilt ist auch das System, mit dem Kunden im Store zu Impulskäufen von Teelichtern, Pflanzen, Handtüchern oder Köttbullar inspiriert werden. Doch wie lassen sich diese und andere Erfolgsgeheimnisse ins Netz übertragen? "Ikea war so fokussiert auf Kunden, die man sehen und sprechen kann. Nun müssen wir viel stärker für die da sein, die von zu Hause aus einkaufen und ihnen ein nahtloses Einkaufserlebnis bieten", sagt Andersson.

Gerade sei dazu eine neue globale Personalstrategie verabschiedet worden. Hauptinhalt: Mitarbeiterentwicklung und Personalplanung. "Wir werden das Verkaufspersonal zu den Themen Inneneinrichtung und Leadership schulen und zentral Personal für IT, Marketing und weitere Supportfunktionen wie Logistik ausbauen", erklärt sie.

Dass der Fokus auf interner Entwicklung liegt und nicht auf Recruiting von außen, ist typisch Ikea. "Unsere Mitarbeiter bleiben lange. Wir haben eine enorm niedrige Wechselquote von jährlich neun Prozent", erklärt Andersson. Der Job im Verkauf sei immer noch der beste Karrierestart. Danach ist alles möglich. "Jeder bekommt die Chance, den richtigen Platz für seine Stärken zu finden." Möchte ein Logistiker zu HR wechseln oder ein Personaler als Teamleiter, Abteilungs- oder Filialleiter in eines der Häuser, bekomme er Unterstützung. "Wir limitieren niemanden, stellen aber fest, dass die Mobilität auch bei den Jüngeren abnimmt", bedauert sie, die zuvor für Ikea in China war.

Beim Thema Nachwuchsgewinnung bleibt sie gelassen: "Als wir in diesem Jahr in Wetzlar und Magdeburg neue Häuser eröffnet haben, bekamen wir Tausende von Bewerbungen." 250 bis 350 Beschäftigte hat jede der 53 Filialen in Deutschland, 500 sind es am größten Standort Berlin-Tempelhof. Bei großen Recruitingaktionen und Azubi-Gewinnung unterstützt ein Service-Center in Potsdam die Personalabteilung in Wallau. Für Entlohnung hat Ikea Europa eine Zentrale in Poznan, Polen, aufgebaut.

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Bewerbermangel erlebt Anna Andersson nur bei Logistikjobs in Großstädten wie Hamburg und München und bei Food – überall. "Aber die Marke Ikea ist stark. Noch kriegen wir die richtigen Leute." Wettbewerber auf dem Arbeitsmarkt zu benennen, fällt ihr schwer: "Ikea ist einzigartig."

Das macht sie an der besonderen schwedischen Kultur fest – ohne Parallelen zu H&M zu ziehen, wo vor zwei Wochen erst vor mehreren Filialen gegen den schlechten Umgang mit Mitarbeitern protestiert wurde. "Bei uns werden Werte und Kultur deutlich ausgesprochen." Die letzte Befragung der Mitarbeiter habe gezeigt, dass es vor allem die Ikea-Kultur ist, die sie bindet. "Die Art, wie wir uns behandeln, vertrauen und Verantwortung geben. Wer das einmal gefühlt hat, mag es."

Schon die Einstellung erfolge wertebasiert: "Der perfekte Uni-Abschluss ist uns weniger wichtig als eine Persönlichkeit, die nicht nur leistungs- und wettbewerbsorientiert ist, sondern ihre Kollegen in ihre Ziele einbezieht und Erfolge gemeinsam feiert. Sie sollte unser Kostenbewusstsein teilen und nicht vorrangig Geld, Prestige und ein Einzelbüro anstreben", erklärt Andersson. Die Kultur schlägt sich in der Vergütung nieder. "Bei uns gibt es keine individuellen Boni. Wenn das gemeinsame Ziel erreicht wurde, in der Filiale oder in der zentralen Abteilung, profitieren alle davon in Form eines Bonus, der die Höhe eines 14. Gehalts erreichen kann." Ein Beispiel für Gruppenziele aus ihrem Bereich: "Wir launchen ein neues Trainingspaket, die "Akademie für Wohnen und Einrichten" in den Häusern und bei den Personalverantwortlichen. Darauf fokussieren sich alle in HR, egal ob sie sonst für Vergütung oder Recruiting zuständig sind."

Ikea zahlt auch in Call-Centern und Logistik Einzelhandelstarif, 13. Monatsgehalt und – je nach Erfolg des Geschäftsjahrs – Bonus. Hinzu kommen Sozialleistungen wie Versicherungen, Familienservice, ein Geburtstagsgeschenk und eine große Weihnachtsparty. "Feiern ist auch Ikea-Spirit", sagt Anna Andersson.

Stolz ist Ikea auf 46 Prozent Frauen in Führungspositionen. Die Personalchefin benennt drei Hebel: den Abbau von unbewussten Vorurteilen bei denen, die Führungspositionen besetzen und positive Vorbilder für Mütter in Chefpositionen und Väter in Teilzeitstellen. "Bei Ikea gibt es sie", sagt Anna Andersson. Hinzu kommt eine flexible Organisation.

In Deutschland werde von Müttern mit kleinen Kindern eher erwartet, dass sie nicht 100 Prozent arbeiten. "Also müssen wir uns überlegen, wie wir Frauen ermutigen können, auch mit einer 80 Prozent-Stelle eine Führungsposition anzustreben." Für die Organisation bedeute dies, dass ihnen ein Teil der Aufgaben abgenommen wird, so Anderssons pragmatischer Ansatz. Jedes Land löse seine Vereinbarkeitsfrage anders. Darauf müsse man sich einstellen. In China etwa übernehmen die Großeltern die Kinderbetreuung. Auf den Frauen laste dadurch aber großer Druck, schnell wieder 100 Prozent zu arbeiten. "Teilweise hat das die Mitarbeiterinnen so gestresst, dass wir von uns aus eine Stundenreduktion angeboten haben, um sie zu entlasten, was zu besseren Arbeitsergebnissen führte."

Das Entgelttransparenzgesetz ist der sonst englisch sprechenden Managerin sehr wohl ein Begriff. "Wir sind vorbereitet und müssen uns nicht schämen", sagt sie. "In Deutschland achten wir schon lange darauf, dass es keine Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Bis 2020 ist eine ungleiche Bezahlung auch in allen anderen Ländern, in denen Ikea tätig ist, nicht mehr akzeptabel, lautet ein Statement der neuen Ikea-Personalstrategie.

Wie das Update im Personalwesen nach außen getragen wird, sei noch nicht bekannt. Dass die Karriereseiten im Vergleich durch viel Text und wenig Filme etwas altmodisch anmuten, hört sich Andersson interessiert an. Auch das Ranking der Bewertungsplattform Kununu-Ranking zeigt, was "das unmögliche Möbelhaus aus Schweden" verbessern könnte: Mitarbeiter geben Ikea mehr Punkte als Bewerber. "Natürlich beobachten wir Bewertungsplattformen und nutzen sie für Verbesserungen. Unsere Recruiter darin zu schulen, was Bewerber erwarten und auch weitererzählen, gehört unbedingt dazu."

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