Personalchefs im Gespräch Tedi will offener und bekannter werden

von Julia Wittenhagen
Freitag, 03. November 2017
Kristina Schütt: Möchte Tedi als Arbeitgeber besser sichtbar machen .
Tedi/ Carla Margo Danko
Kristina Schütt: Möchte Tedi als Arbeitgeber besser sichtbar machen .
Die Expansionspläne des Nonfood-Discounters erzeugen einen fast unstillbaren Personalbedarf. Mit neuer Kita, Work-Life-Balance-Projekten wie "Funkstille nach Feierabend", Nachhaltigkeit und sozialen Projekten arbeitet Tedi kräftig am Image.

Frau Schütt, Tedi wächst kontinuierlich und muss bei der Mitarbeitergewinnung gegen den demografischen Trend arbeiten. Können Sie das Tempo einmal beschreiben?

In Deutschland eröffnen wir jede Woche drei Filialen, europaweit sogar sechs. Daher werden wir im laufenden Geschäftsjahr hierzulande um rund 1 000 neue Mitarbeiter auf eine Gesamtzahl von rund 13 000 Mitarbeitern wachsen, von denen 12 200 auf der Fläche und 800 in der Zentrale arbeiten. Hinzu kommen 2 050 Mitarbeiter in den Ländern Spanien, Kroatien, Slowakei, Österreich und Slowenien.

Wie viele Mitarbeiter braucht man pro Filiale?

Das ist abhängig von Faktoren wie Größe, Umsatz und Kundenzahl. Unsere Filialen haben zwischen 250 qm und 1 600 qm Fläche. Durchschnittlich arbeiten neben dem Teamleiter zwei bis drei Teilzeitkräfte und vier bis fünf geringfügig Beschäftigte in der Filiale.

Ist es leichter, Flächen zu finden als Personal? Profitiert Tedi bei den Flächen von der Amazonisierung der Innenstädte?

Das würde ich nicht sagen. Man kann die Suche nach Personal und die Suche nach Standort-Flächen nicht miteinander vergleichen. Wir expandieren sehr stark, unser Ziel sind rund 150 Filialen in Deutschland im laufenden Geschäftsjahr. Trotz des Rückzugs vieler Einzelhändler in den Einkaufsstraßen gibt es nicht so viele Leerstände, bei denen die Rahmenbedingungen für uns als Nahversorger mit einer bestimmten Liefersituation passen. Wir realisieren sowohl A- als auch B-Lagen und mieten Flächen bis 1 600 Quadratmeter an.

Wie schaffen Sie es, Ihren Personalbedarf in den Filialen zu decken?

Wir fahren einen Mix, indem wir die Agentur für Arbeit nutzen, die eigene Homepage, Spezialportale, Anzeigen online und in Print schalten, mit Plakaten in den Filialen werben und auch bei Neueröffnungen auf uns als Arbeitgeber hinweisen. Wir sind auf Messen unterwegs, gehen an Schulen, kooperieren mit Hochschulen. Einen Bereich, den wir derzeit stark aufbauen, ist Social Media. Tedi ist neuerdings auf Facebook und Instagram präsent. Die Karriereseiten sollen folgen. Auch Xing wird kommen. Mitarbeiterempfehlungen sind vor allem in ländlichen Regionen wichtig. Generell wollen wir stärker als Arbeitgeber wahrgenommen werden. Viele Bewerber können wir damit überraschen, wie groß und vielfältig wir sind.

Wer kümmert sich ums Rekrutieren?

In der Zentrale haben wir fünf Mitarbeiter, die nur für Auszubildende zuständig sind. Sie sichten die Bewerbungen, reisen für die Gespräche quer durchs Land und stellen deutschlandweit ein. Fünf weitere Mitarbeiter sammeln und sichten die übrigen Bewerbungen. Sie treffen eine Vorauswahl und leiten diese weiter: Entweder an die Bezirksleiter oder an die Führungskräfte in der Zentrale bei Funktionen wie Vertrieb, Expansion, Bau und Einrichtung oder Finanzbuchhaltung.

Tedi hat 120 Azubis. Wie schwierig ist es, diese Stellen zu besetzen?

Wir können alle Stellen besetzen, führen dafür aber auch viele Gespräche und rekrutieren das ganze Jahr über bis in den Juni hinein. Früher haben wir 100 Auszubildende pro Jahr eingestellt. Davon haben wir uns bewusst entfernt, weil wir eine gute Qualität der Ausbildung sichern wollen. Wir bieten drei Abschlüsse in drei Jahren an: Einzelhandelskaufmann, Handelsfachwirt und die Ausbildereignungsprüfung. Das kommt gerade bei Abiturienten oder Studienabbrechern gut an. Ihre Perspektive ist es, Bezirksleiter mit Verantwortung für zehn bis zwölf Filialen zu werden.

Stimmt es, dass Tedi Auszubildende schon als Teamleiter einsetzt?

Ja, denn sie sind mit ihrer Lehre zum Einzelhandelskaufmann ja schon nach eineinhalb Jahren fertig. Die Fähigkeiten für die Arbeit als Teamleitung haben sie in der Ausbildung erworben. Dass sie dann die Verantwortung für eine Filiale übernehmen können, ist ihnen vorher bewusst und im Ausbildungskonzept vorgesehen. Gecoacht werden sie durch Ausbilder in den Filialen und Touren mit den Bezirksleitern, auf denen sie lernen, wie man Konflikt- oder Einstellungsgespräche führt. Unsere Bezirksleiter haben einen besonderen Blick auf Filialen mit sehr jungen Teamleitern, die parallel durch die schulische Ausbildung und den Ausbilderschein auf Führung vorbereitet werden.

An welchen Stellen leidet Tedi unter Fachkräftemangel?

Da geht es uns wie vielen anderen Händlern: Vor allem Spezialisten für IT oder Controlling zu finden, ist schwierig. Vollbeschäftigung und Wirtschaftswachstum lassen sich nicht wegdiskutieren. Da muss man mehrere Maßnahmen gleichzeitig einleiten. Neben dem "Finden" halte ich auch das "Binden" für sehr wichtig. Daher haben wir kürzlich eine Befragung zur Unternehmenskultur durchgeführt. Aus den Ergebnissen leiten wir Themen ab, um die wir uns kümmern.
So ist das Gemeinschaftsgefühl bei uns gut. Freundlichkeit und Offenheit werden positiv bewertet. Das wollen wir uns bewahren. Die Kommunikation kann aber beispielsweise verbessert werden. Durch mehr Transparenz sowohl im ganzen Unternehmen als auch in einzelnen Arbeitsbereichen und Abteilungen, fühlen sich die Mitarbeiter besser abgeholt.

Tedi-Filiale: Der Euro ist aus dem Logo verschwunden, seit der Discounter auch in Nicht-Euro-Ländern Fuß gefasst hat.
Tedi
Tedi-Filiale: Der Euro ist aus dem Logo verschwunden, seit der Discounter auch in Nicht-Euro-Ländern Fuß gefasst hat.

Wachstum mit Schreibwaren, Bastel- und Dekomaterial

Tedi betreibt europaweit 1 679 Filialen (Stand 24.10.2017). Bis Ende des Geschäftsjahres sind 300 Neueröffnungen in Europa geplant, davon 150 in Deutschland. Mit Bastel- und Deko-Artikeln, Schreibwaren sowie Mitnahmeartikeln aus Randbereichen wie Kleinelektronik oder Heimwerken versteht sich Tedi immer mehr als Nahversorger. Insgesamt beschäftigt der Discounter in Deutschland 12 347 Mitarbeiter. Hinzu kommen 2 050 im Ausland. Zu aktuellen Geschäftszahlen äußert sich das Familienunternehmen nicht. Dass es wie Kik zu Tengelmann gehört, zeigt eine Tafel im Foyer der Dortmunder Zentrale. Allerdings hält bei Tedi der Unternehmer Stefan Heinig die Mehrheit, der auch bei Woolworth das Sagen hat. 2016 launchte Tedi Black.de als noch preisaggressiveres Vertriebsprojekt. Dies wird in der Branche als Reaktion auf die Expansionspläne der niederländischen Niedrigpreisanbieter Hema und Action in Deutschland gewertet.
Woran orientieren Sie sich bei der Bezahlung?

Wir zahlen oberhalb des Mindestlohns. Betriebliche Altersvorsorge unterstützen wir finanziell. Grundsätzlich sind alle Gehälter frei verhandelbar. Was uns ausmacht ist, dass wir keinen bestimmten Abschluss voraussetzen, sondern wirklich jedem die Chance geben, sich zu entwickeln. So haben wir unsere Auszubildenden mit nach Spanien genommen, als dort die ersten Filialen öffneten.

Die Online-Bewerbungsmaske inklusive Muster für Anschreiben und Lebenslauf fällt auf als sehr guter Service für Bewerber. Ist sie auch mobil nutzbar?

Ja, das gehörte zu meinen ersten Projekten, als ich hier 2010 anfing. Bewerber fordern viel visuelle Unterstützung. Deshalb haben wir auch einige Videos produziert, um unsere Mitarbeiter vorzustellen. Sie können ein besseres Gefühl dafür vermitteln, was einen bei einer Stelle erwartet als die Unternehmenshomepage. Als nächstes kommt die visualisierte Anleitung für Bewerbungsprozesse.

Wie ist das mit dem Image? Tedi ist verschwistert mit Kik, das sicher zu den Handelsunternehmen mit dem schlechtesten Ansehen gehört…

Wir sind rechtlich völlig selbstständig. Grundsätzlich werden wir mit dem Image von Discountern konfrontiert und haben uns damit auseinanderzusetzen. Dabei merken wir, dass sich viele Absolventen noch gar nicht mit uns oder einer Tätigkeit im Handel beschäftigt haben. Dass wir viele Filialen und unser Logo modernisiert haben, ist bei manchen noch gar nicht angekommen. Kennenlernen und sich ein eigenes Bild machen, ist wichtig. Wir bieten spannende Aufgaben in einem wachsenden, innovativen Unternehmen, das sichere Arbeitsplätze bietet und viele Möglichkeiten, mitzugestalten, sich zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Dabei sind wir offen für Quereinsteiger, Menschen mit einem nicht ganz so gradlinigen Lebenslauf, die sich aber mitreißen lassen für eine neue Aufgabe. Wer auf der Berufsakademie war, hat grundsätzlich die gleichen Chancen wie ein Uni-Absolvent.

Zwei von fünf Sternen auf Kununu und Bemerkungen der Mitarbeiter wie "wer krank ist, wird gekündigt" oder "auf der Gehaltsabrechnung fehlen Stunden" schüren aber doch gerade die Vorurteile gegen Discounter.

Ärger loszuwerden, motiviert immer mehr als ein Feedback aus Zufriedenheit. Aber natürlich gehen wir den Dingen nach, die kritisch angemerkt werden. Wir wollen zufriedene Mitarbeiter, erkennen aber auch an, dass bei über 12 000 Menschen immer welche dabei sein werden, die unzufrieden sind und ihre Kritik auf solchen Portalen äußern.

Warum nutzen Sie Kununu nicht, um öffentlich auf Kritik zu reagieren?

Die Kommentare sind ja anonym. Man könnte nur pauschal antworten. Feedback gebe ich Mitarbeitern aber lieber im persönlichen Gespräch und nicht über eine Mitarbeiterplattform. Was wir als Gradmesser für Zufriedenheit eingeführt haben, sind Austrittsgespräche, die nicht die Führungskraft, sondern die Personalabteilung führt. Wir möchten genau wissen, ob der Wechsel private Gründe hatte oder andere, in der Arbeit liegende Aspekte, eine Rolle spielten.

Was ist die größte Herausforderung in den nächsten beiden Jahren?

Uns von anderen Arbeitgebern durch Bekanntheit und ein klares Profil abzusetzen, um die Anzahl an Mitarbeitern zu bekommen, die wir als wachsendes Unternehmen brauchen. Und weitere Maßnahmen zur Bindung zu entwickeln. Was uns hilft: Tedi verbessert gerade generell seine Sichtbarkeit durch Sponsoring beim Fußball-Erstligisten Hertha BSC, verstärkte Anzeigenschaltung und durch die erste bundesweite TV-Kampagne.

Gehört zu Ihren persönlichen Zielen auch, den Kununu-Score auf Drei zu bringen?

Ich hoffe, das ergibt sich als Nebeneffekt aus unserer Arbeit. Wichtiger finde ich, dass wir mit uns im Reinen sind. Dazu gehört, dass wir die Rahmenbedingungen fürs Arbeiten im Blick behalten, auf Kritik und Verbesserungsvorschläge unserer Mitarbeiter eingehen und marktgerecht agieren, was Aufgaben und Bezahlung angeht.

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