Personaldienstleister im Interview "Mitarbeiter-Mangel wird sich noch verschärfen"

von Jörg Konrad
Mittwoch, 25. März 2020
"Regale bleiben leer, wenn der Warenverräumer nicht kommt", sagt Stefan Krause, Geschäftsführer Teamwork Instore Services.
Teamwork Instore Servcies
"Regale bleiben leer, wenn der Warenverräumer nicht kommt", sagt Stefan Krause, Geschäftsführer Teamwork Instore Services.
Personaldienstleister im Interview
"Mitarbeiter-Mangel wird sich noch verschärfen"
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Deutschland rollt im Leerlauf, der LEH fährt Vollgas: Personaldienstleister wie Teamwork Instore Services, CMB, Instore Solutions Services (ISS) oder 4U@Work, die wegen ihrer Geschäftsmodelle lange Zeit in der Kritik standen, sind in der Corona-Krise gefragt wie nie zuvor. Stefan Krause, Geschäftsführer von Teamwork Instore Services erklärt im LZ-Interview, warum der Bedarf an Warenverräum- und Kassierkräften in den kommenden Wochen noch steigen wird.

Herr Krause, in der aktuellen Krise braucht der Food-Einzelhandel dringend Personal. Steht bei Ihnen das Telefon noch still?

Der Handel sucht händeringend Personal und rennt uns tatsächlich die Bude ein. Der Mehrbedarf wegen der erhöhten Warenmenge ist kaum zu bewältigen. Besonders die Nachfrage nach Kassenmitarbeitern, die den Laden im Wortsinn am Laufen halten, ist schwer zu befriedigen. Gesucht werden aber auch Lagerarbeiter. Noch können wir den Mehrbedarf in allen Bereichen aber abdecken, weil so viele andere Geschäfte schließen und viele Selbstständige zurzeit nicht arbeiten können. Wir haben momentan eine sehr gute Bewerberquote – vor allem bei den Warenverräumern.

Wo nimmt das Unternehmen die Gesuchten her?

In normalen Zeiten stehen bei Teamwork in der klassischen Warenverräumung rund 6 500 Mitarbeiter auf der Payroll – festangestellt ebenso wie Mini-Jobber. Seit vorvergangener Woche haben wir 1 000 Neueinstellungen, darunter auch viele Schüler und Studenten und natürlich Arbeitnehmer, die nebenbei noch arbeiten wollen. Wir sind auch für den Buchhandel tätig und in den Zentrallagern von Fashion-Händlern, wo wir vorgelagerte Tätigkeiten erledigen. Da ist zurzeit alles dicht. Deshalb versuchen wir Mitarbeiter – es sind gut 800 – in den LEH und zu den Drogeriemärkten umzulenken. Das ist uns fast vollständig gelungen.

Was fällt besonders auf?

Früher hatten wir eher mit den Einkäufern aus dem Handel zu tun, derzeit sind es vor allem die Vertriebs-Chefs, die uns ansprechen. Die kümmern sich darum, dass die Regale voll sind. Jeder von uns kennt ja die derzeitige Situation im Handel: leer gekaufte Nudel-, Mehl- und Dosenregale flächendeckend. Unternehmen, die früher nie über Outsourcing oder Warenverräumung nachgedacht haben, rufen bei uns an und nennen Standorte. Es gibt Discounter, die bitten: Egal an welchem Standort – schicken Sie uns Personal. Die Situation stellt im Rekordtempo alte Gewissheiten auf den Kopf. Warenverräumung kann grundsätzlich nach zwei Arten erfolge: auf Werkvertrags-und auf Arbeitnehmerüberlassungsbasis. Momentan ist letztere mehr gefragt. Soll heißen, die Leute nur hinschicken. Der Marktleiter setzt die Mitarbeiter dann ein, wo und wie er es möchte. Beim Werkvertrag haben dagegen wir den Hut auf.

Wie reagieren Ihre Mannschaften, die Arbeit an vorderster Verkaufsfront ist wie im Gesundheitswesen nicht ungefährlich und sicher belastend?

Seit die Bundeskanzlerin die Kassiererinnen und Handelsmitarbeiter als systemrelevant bezeichnet hat und ihnen in ihrer Rundfunkansprache explizit für ihren Einsatz zum Wohle der Mitbürger dankte, ist ihr Ansehen gestiegen. Das macht alle stolz und tut allen gut. Die gestiegene Wertschätzung freut mich für sie – ganz unabhängig davon, dass unser Geschäftsmodell davon lebt. Das war lange überfällig. Die Flächenmitarbeiter gehören ja nicht zu den Besserbezahlten im Land und werden nicht selten von oben herab behandelt. Jetzt merken viele, dass sie in der Not wichtig sind. Regale bleiben leer, wenn der Warenverräumer nicht kommt. Was uns besonders freut: Man könnte ja denken, dass uns derzeit die eigenen Leute reihenweise wegbrechen. Das tun sie aber nicht. Bis dato haben wir kaum Ausfälle.

Wen hat Teamwork aus dem LEH auf der Kundenliste?

Alle großen des Handels, mal dauerhaft, mal einzelne Regionen, mal einzelne Standort. Aktuell melden sich vermehrt Edeka-Regionen genauso wie Rewe. Auch Kaufland will jetzt – temporär – unterstützt werden.

Geht’s genauer?

Edeka helfen wir in einzelnen Regionen, außerdem Penny, Real und anderen. Eine Edeka-Region, den Namen kann ich nicht nennen, muss ich mal besonders loben. Sie hat uns gerade in einem Brief für die Zusammenarbeit besonders gedankt. Wir dürfen wegen der stark gestiegenen Warenmenge, die unsere Teams verräumt haben, für diesen und den nächsten Monat einen satten zweistelligen Prozentsatz auf die Rechnungssumme drauf packen. Das habe ich so auch noch nicht erlebt. Damit kein falscher Gedanke aufkommt: Das Geld reichen wir 1:1 an unsere Mitarbeiter weiter. Die Sozialversicherung hat auf Nachfrage ihr Okay gegeben, die gesetzliche 450 Euro-Mini-Job-Grenze in diesem Monat aufzuheben. Bisher ging das bis zu einer Grenze von 5 400 Euro zweimal im Jahr. Das Gesetz sieht hier aber weitere – genau definierte Ausnahmen vor – wenn nicht jetzt, wann dann? Die Bundesregierung hat Regelungen für sozialversicherungspflichtige Beschäftigung erleichtert und dafür gesorgt, dass Arbeitszeitregeln, solange die Krise anhält, großzügig gehandhabt werden. Festangestellte dürfen jetzt mehr arbeiten.

Und sind mit der Corona-Verbreitung neue Auftraggeber dazu gekommen?

Netto Marken-Discount und Hit sowie Bünting sind neu hinzugekommen.

Wie finden Sie in der aktuellen Situation neue Mitarbeiter, zurzeit dürften ja alle Handelsunternehmen und auch Ihre Wettbewerber den Markt abgrasen?

Unsere Recruiting-Abteilung gibt Vollgas. Eigentlich sind das zehn Leute. Jetzt haben wir das Team mehr als verdoppelt. Wir haben auf den wichtigen Plattformen und Kanälen – nicht nur Social Media – Suchanzeigen in ganz Deutschland geschaltet. Wir brauchen extrem viel neues Personal. Um Arbeitskräfte zu finden, haben wir die Bewerbungsverfahren erleichtert. Wir laden und stellen sie online über den Microsoft-Instant-Messaging-Dienst Skype, den Apple-Chat-Dienst Facetime und Whatsapp-Videoanrufe ein. Digitale Verträge und unser Call-Center sorgen dafür, dass Einstellungen schnell und unkompliziert erfolgen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.

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