Personalsuche 4.0 Transparenz für den Headhunter-Markt

von Silke Biester
Freitag, 17. November 2017
Netzwerk: Ein Kurzbriefing, mehrere Personalberater, viele Kandidaten – das Online-Portal JobTender24 will das Recruiting vereinfachen.
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Netzwerk: Ein Kurzbriefing, mehrere Personalberater, viele Kandidaten – das Online-Portal JobTender24 will das Recruiting vereinfachen.
Die digitale Plattform JobTender24 ist angetreten, um den Headhunter-Markt aufzumischen. Sie will für mehr Kandidaten und schnellere Besetzung offener Positionen sorgen.

Die Digitalisierung hat die Personalsuche längst erreicht und auf den Kopf gestellt. Mit einer Ausnahme: Das Headhunting verläuft nach wie vor in traditioneller Weise. Doch das könnte sich ändern, wenn es nach Tonio Riederer von Paar geht, der das Portal JobTender24 geschaffen hat, eine cloudbasierte Plattform, zur Ausschreibung von Suchmandaten. Sie soll den Suchvorgang nicht nur vereinfachen, sondern auch den Marktzugang verbessern. Wenn so Unternehmen mit Tausenden Headhuntern zusammenkommen, werde der Markt transparenter, vergleicht Riederer das neue digitale Angebot mit dem Wandel in anderen Wirtschaftsbereichen und spricht von einer "Recruiting-Revolution".

Bisher sei der Markt für Personalvermittlung von vielen "Befindlichkeiten" und persönlichen Kontakten geprägt und strotze vor Intransparenz. "So eine Situation schreit geradezu nach Digitalisierung", findet Riederer. Dabei sei es nicht seine Absicht, die Kontakte der Unternehmen zu ihren angestammten Headhuntern zu ersetzen. JobTender24 sei vielmehr eine Ergänzung, die beiden Seiten zugute komme. Die Unternehmen könnten aus einem größeren vorgefilterten Kandidatenpool schöpfen. Und die Personalberater hätten einen leichteren Zugang zu neuen Aufträgen.

Ist beispielsweise ein Unternehmen auf der Suche nach einem neuen IT-Leiter, so könnte es – anstatt wie üblich einen einzelnen oder auch mehrere Personalberater individuell zu beauftragen – einmalig ein entsprechendes Kurzbriefing in das System eingeben. Bevor dieses über JobTender24 sämtliche dort registrierte Headhunter erreicht, wird es zunächst von dem Projektmanagement-Team der Plattform geprüft. Auch eine Beratung gehört zum Service. Sie dient der Qualitätssicherung.

Das suchende Unternehmen bleibt zunächst anonym. Es gibt Daten wie Position, Branche, Region und Zielgehalt an. Der Auftraggeber kann auch festlegen, welche Provision er dem Headhunter zahlen möchte. Allerdings schränkt ein zu geringes Salär verständlicherweise das Interesse der Dienstleister ein, sich dafür ins Zeug zu legen. Riederer weiß, dass der Prozentsatz bei einfach zu besetzenden Positionen durchaus kleiner ausfallen kann als bei extrem gesuchten Profilen und hilft, die Marktsituation einzuschätzen. Es handelt sich dabei um eine erfolgsbasierte Bezahlung, die nur bei tatsächlicher Besetzung der Position zu zahlen ist.

Wird der Auftrag dann frei geschaltet, können die Headhunter entscheiden, ob sie passende Kandidaten vorschlagen möchten. Sie bewerben sich gewissermaßen für den Auftrag und erhalten erst dann vom JobTender24-Team ein ausführliches Briefing und den Namen des Unternehmens.

Darüber hinaus erhebt JobTender24 eine Gebühr von 1 990 Euro, die für die digitale Nutzung der Plattform erhoben wird und auch den Service beinhaltet. Beispielsweise tauscht sich das Projektteam systematisch und persönlich mit dem Unternehmen aus und übernimmt im Projektverlauf das ausführliche Briefing der unterschiedlichen Headhunter. Das reduziert den Arbeitsaufwand der Kunden. Auch ein Pre-Check der Kandidaten gehört dazu. Die Gebühr sichere zudem die Ernsthaftigkeit des Portals: "Ansonsten würde manch einer ohne tatsächlichen Bedarf munter Ausschreibungen platzieren", so Riederers Befürchtung.

Search-Experte: Tonio Riederer von Paar
JobTender24
Search-Experte: Tonio Riederer von Paar

JobTender sei für die Kunden der einzige notwendige Kontaktpunkt bis hin zur Rechnungsabwicklung. Ohne mit den verschiedenen Headhuntern kommunizieren zu müssen, können sie die vorgeschlagenen Profile direkt in dem cloudbasierten System ansehen und verwalten: Ablehnung, Interesse, Terminierung eines Kennenlerngesprächs. "Das spart enorm viel Zeit", ist Riederer überzeugt.

Anfangs hatten Riederer und sein Partner Fabiano V. Maturi das neue Tool als Teil ihres Jobportals Placement24 eingeführt und kontinuierlich weiter entwickelt, ehe sie JobTender24 zu einer eigenständigen Firma und Cloud-Lösung gemacht haben. Inzwischen sind rund 6 000 Headhunter aus 20 Ländern dem System angeschlossen – die überwiegende Mehrheit von 5 700 im deutschsprachigen Raum. "Wir wachsen mit dem Bedarf der Kunden", beschreibt Riederer die weitergehende Expansion. "Wenn es beispielsweise Nachfrage in Polen gibt, bauen wir das Netzwerk dort aktiv auf." Derzeit sei etwa Italien stark vertreten und der UK-Markt befinde sich im Aufbau. Und seit einem Jahr unterstützt Deutschlands größte Personalberatung Kienbaum das Konzept auch als Investor.

Zu den rund 1  000 Unternehmen, die sich mit Suchaufträgen bei dem Portal registriert haben, gehören Lidl Italia, Zalando, Arla und GS1 Germany. "JobTender24 hat uns die Möglichkeit gegeben, interessante Kandidaten zu treffen und Kooperationen mit neuen Recruiting-Partnern zu schließen, die unseren Anforderungen entsprechen", lässt sich Lidl Italia zitieren. Und Mandy Goldemann-Schneider, Personalreferentin bei GS1 Germany lobt: "Bemerkenswert ist die offene Kommunikation und Transparenz in sämtlichen Prozessen. Die handverlesenen Bewerber hatten bereits im Vorfeld ein umfangreiches Wissen über uns und die Vakanz und kamen sehr gut vorbereitet zum Gespräch."

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Riederer freut sich über die positive Resonanz. Rund 100 Vakanzen seien aktuell über die Plattform in Bearbeitung, bei 1 000 Suchmandaten im Laufe eines Jahres liege die Erfolgsquote bei 90 Prozent. "Die höhere Reichweite kann gerade die Besetzung schwieriger Positionen beschleunigen", ist der Gründer überzeugt. Erste Vorschläge gebe es in der Regel nach zwei Wochen. Häufig könnten Positionen bereits nach drei bis vier Monaten erfolgreich besetzt werden. Gelegentlich gebe es allerdings auch Misserfolge. Die Ursache dafür sieht der Search-Experte aber nicht nur in der durch den Fachkräftemangel immer enger werdenden Personalmarkt. "Wenn man einen überzeugenden Kandidaten gefunden hat, sollte man ihn nicht wochenlang hinhalten – dann springt er ab", beschreibt er den Fakt, dass Abstimmungsprozesse in manchen Unternehmen zu lange dauern. "Da gibt es häufig noch Verbesserungspotenzial."

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