Personalsuche Bewerber aus dem Knast

von Julia Wittenhagen
Freitag, 15. März 2019
In Deutschlands Gefängnissen sind derzeit rund 51.000 Menschen inhaftiert, davon knapp 8000 im offenen Vollzug.
dpa-Christian Charisius
In Deutschlands Gefängnissen sind derzeit rund 51.000 Menschen inhaftiert, davon knapp 8000 im offenen Vollzug.
Wenn im Lager, an der Kasse oder Bedientheke Stellen lange unbesetzt bleiben, gilt es für Händler, alle Reserven zu mobilisieren. Dazu zählt die Bundesagentur für Arbeit in Berlin auch Häftlinge mit Freigangseignung. Die vier Vermittler des Resozialisierungsteams wünschen sich mehr Chancen im Handel.

In Deutschlands Gefängnissen sind derzeit rund 51.000 Menschen inhaftiert, davon knapp 8000 im offenen Vollzug. Im liberalen Berlin bekam diese Zielgruppe besonders früh die Chance, außerhalb der Gefängnismauern arbeiten zu gehen oder eine Ausbildung zu machen. Daher hat die Bundesagentur für Arbeit in Berlin-Spandau schon lange ein Spezialteam für Resozialisierung, das täglich in den Haftanstalten unterwegs ist.

Das vierköpfige "Arbeitgeber-Service-Team 341" bezeichnet sich aufgrund seiner langjährigen Erfahrung augenzwinkernd "als geballte Kompetenz der Resozialisierungsberatung in Deutschland". Sehr ernst aber ist es den Vermittlern damit, dass ihren "Kunden" eine Chance gegeben wird. Sie werben mit pünktlichen, motivierten Kräften. Denn Freigänger, die ihren Job gefährden, haben viel zu verlieren.

"Unser bester Verbündeter ist seit zwei, drei Jahren der leer gefegte Arbeitsmarkt", sagt Arbeitsvermittler Dennis Dötzel. Die Reinigungsbranche, Gastronomie und Handwerk zeigten sich schon recht aufgeschlossen für den Einsatz von Freigängern, doch der Einzelhandel habe Berührungsängste – selbst bei Lagerjobs ohne Kundenkontakt.

Uwe Oberfeld, dienstältester Vermittler, hat zwar schon Personen in den Handel und die Lebensmittelbranche vermittelt. "Aber die großen Filialhändler verlangen immer noch ein Führungszeugnis." Er weiß, dass viele Filialen in der Region Berlin es gern einmal mit Häftlingen versuchen würden, "aber die Unterlagen gehen über die Zentralen und dort ist die offizielle Firmenpolitik, dass man keine Straftäter einstellt", bedauert er. "Dabei haben wir gerade im Lagerbereich qualifizierte, körperlich belastbare Kräfte." Ein Hintertürchen lassen die Zeitarbeitsfirmen offen: "Über diesen Weg habe ich schon zwei Männer in das Großlager eines Lebensmittelhändlers vermittelt." Auch die typisch Berliner Spätkauf-Märkte und kleinere Onlinehändler setzen Freigänger ein.

„Unser bester Verbündeter ist seit zwei, drei Jahren der leer gefegte Arbeitsmarkt“
Dennis Dötzel, Arbeits-Vermittler für Straftäter
Das Resozialisierungsteam Berlin: Dennis Dötzel, Uwe Oberfeld, Christian Heuseler und Michael Topfstedt (v.l.)
Arbeitsagentur Berlin
Das Resozialisierungsteam Berlin: Dennis Dötzel, Uwe Oberfeld, Christian Heuseler und Michael Topfstedt (v.l.)

"Viele Arbeitgeber müssen zur Zeit einen Kompromiss machen, um freie Stellen zu besetzen. Sei es, dass sie sich mehr für Alleinerziehende öffnen, für ältere Mitarbeiter oder eben Menschen, die eine Straftat begangen haben", argumentiert Christian Heuseler. "Seit einiger Zeit merken wir, dass bei guter fachlicher Eignung Vorbehalte schneller überwunden werden können." So habe er vor kurzem erfolgreich eine wegen Mordes verurteilte Fleischereifachverkäuferin an eine familiengeführte Metzgerei vermittelt. "Nach vielen Jahren Haft wohl gemerkt." Für Ängste hat das Team nicht allzu viel Verständnis: "Wir sehen das aus einer anderen Perspektive. Mord ist üblicherweise kein Wiederholungsdelikt. Bei aggressivem Verhalten, Körperverletzung oder Drogenhandel ist die Gefahr größer", sagt Michael Topfstedt.

Freigänger einstellen

Grundsätzlich jedes Delikt kann in den offenen Vollzug verlegt werden. Die JVA entscheidet über die Freigangseignung anhand von Kriterien wie, hält eine Person Absprachen und Termine ein und besteht keine Gefahr, rückfällig zu werden. Bei grünem Licht gibt es ein Zeitkontingent von bis zu 16 Stunden und damit die Freiheit, extern zu arbeiten oder an einer Qualifizierung teilzunehmen. Das Berliner Team betreut Häftlinge aller Haftanstalten ab dem Zeitpunkt der Inhaftierung, weil auch im geschlossenen Vollzug Weiterbildung und Umschulung angeboten werden. Freigänger coachen sie bei Arbeitssuche und -bewerbung. Sie empfehlen, von der Haftstrafe nichts in die Bewerbung zu schreiben, sondern sie erst im persönlichen Gespräch anzusprechen. Im Job bekommen Freigänger keine Sonderbehandlung. Ob man sich bei Kollegen als Häftling outet, entscheidet jeder selbst. Die Arbeitgeber verpflichten sich, der JVA Auffälligkeiten oder wechselnde Einsatzorte mitzuteilen, um eine Kontrollierbarkeit sicher zu stellen. Den Lohn bekommen die Inhaftierten direkt, wenn sie keine vorrangigen Verpflichtungen wie Unterhalt, Schulden oder Insolvenz haben. Nach neuem Recht können sie in Berlin nach Abzug der Haftkosten entscheiden, ob sie das Geld ansparen oder ausgeben.

Die Erfahrung zeige, dass die Schranken im Kopf wegfallen, sobald Arbeitgeber einmal Kontakt zu Straftätern hatten und die Einzelgeschichte gehört haben. "Ich finde Zeitarbeitsfirmen gut für den Einstieg. Und kriege von ihnen meist gutes Feedback", sagt Dennis Dötzel. Sein Kollege Topfstedt ergänzt: "Ich habe in meinen sechs Jahren hier noch keine Situation erlebt, in der jemand aufgrund seines Deliktes den Job verloren hat, nach dem Motto, ‚der Betrüger betrügt wieder und der Schwarzfahrer fährt wieder schwarz‘."

Noch ein nüchternes Argument führt er an für die frühestmögliche Resozialisierung in den Arbeitsmarkt: "Irgendwann sitzt jeder mal in der U-Bahn neben jemandem, der einen Einbruch oder Mord begangen hat." Die wenigsten Straftäter würden für immer von der Bildfläche verschwinden. "Besser, man hat ihnen rechtzeitig eine Perspektive gegeben. Und genau das sehen wir als unsere Aufgabe an."

Was meinen Händler?

cavok_Pylon_Edeka_

"Generell ist bei uns die Bereitschaft vorhanden, Freigänger als Beschäftige einzustellen. Wir haben bereits Gespräche mit der hiesigen JVA geführt, es gibt derzeit aber noch keine konkreten Ergebnisse."

TEDi_Logo

"Wir beschäftigen in unserer Logistik und im Filialbereich viele ungelernte Kräfte und Quereinsteiger. Bislang haben Arbeitsämter, mit denen wir eng zusammenarbeiten, noch nicht die Bitte an uns herangetragen, Freigänger einzustellen. Wir verfügen daher in diesem Bereich über keinerlei Erfahrungswerte und sehen angesichts der guten Bewerberlage derzeit auch keine Notwendigkeit, uns stärker mit dieser Thematik zu befassen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir aus grundsätzlichen Erwägungen dagegen wären."

BC_Logo_4c

"Unser Tochterunternehmen Midgard Naturkost, welches für uns einen Teil der Logistik händelt, beschäftigt derzeit einen Freigänger als Lageristen. Wir geben diesem Menschen gern eine Chance, sich zu entwickeln und so leichter in eine Resozialisierung zurückzufinden."




Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats