Plädoyer für Mut in Transformationszeiten Veränderung braucht mehr Rebellen

von Silke Biester
Freitag, 31. Januar 2020
Personalprofi Thomas Sattelberger: „Alle reden von Change – keiner bewegt sich.“
Philipp von Bruchhausen
Personalprofi Thomas Sattelberger: „Alle reden von Change – keiner bewegt sich.“
Plädoyer für Mut in Transformationszeiten
Veränderung braucht mehr Rebellen
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Eingefahrene Machtstrukturen behindern oftmals die notwendigen Veränderungsprozesse in Unternehmen. So die Analyse des langjährigen Personalvorstands der Telekom, Thomas Sattelberger bei der Konferenz LZ Open. Er wünscht sich mehr Rebellen im Management.

Warum spielt die deutsche Wirtschaft in der Plattformökonomie eigentlich nur eine Nebenrolle und überlässt die zukunftsweisenden Technologien den Asiaten und Amerikanern? Das fragt sich Thomas Sattelberger, Ex-Personalvorstand der Telekom, und hält mit Antworten bei der Jahresauftaktkonferenz der LZ nicht hinterm Berg: "Das hat viel mit den hiesigen Unternehmenskulturen zu tun." Zwar spürten viele Manager den Veränderungsdruck deutlich. Als Reaktion würden sie jedoch lediglich Brandreden halten. "In verstaubten Organisationen mit trägem Management hört man die besonders oft", stellt er fest. "Alle reden von Change, aber keiner bewegt sich – wie beim Beamtenmikado."

Als Innovationsverhinderer identifiziert er Top-Manager mit klassischen Kompetenzen. Weil ihnen digitales Know-how fehlt, hätten sie Angst vorm Scheitern. Zudem fürchteten sie Machtverlust, wenn jüngere und digitalorientere Manager an Einfluss gewinnen. "Um darüber hinweg zu täuschen, tragen sie bunte Socken und verordnen der Mannschaft das Du", nimmt er mit direktem Hinweis auf Lidl kein Blatt vor den Mund. Zu viele Manager erliegen seiner Ansicht nach noch immer der Illusion, altbewährte Strategien könnten auch die Zukunft sichern: "Erfolg ist die Mutter des Misserfolgs."

Stattdessen sei es notwendig, die Transformation aktiv anzustoßen und andere Charaktere ins Unternehmen zu locken. "Wechseln Sie bisherige Trainer, Spieler und Aufsichtsorgane aus", zieht Sattelberger einen Vergleich zum Sport. "Brechen Sie alte Kader und Seilschaften auf." Zwar sei es nicht sinnvoll, die gesamte Mannschaft auszutauschen, "aber eine kritische Masse" müsse sein, wenn sich tatsächlich etwas verändern soll. Auch Rahmenbedingungen, Arbeitsräume und Spielregeln gelte es zu hinterfragen. Kreative neue Kollegen könnten reichlich Impulse von außen ins Unternehmen tragen ... wenn man sie denn lässt. "Wir brauchen mehr Organisationsrebellen", plädiert der Personalexperte für mehr Mut, neue Wege einzuschlagen. Leider werde ausgeprägter Veränderungswille aber oftmals als "Gotteslästerung" empfunden. "Die einen ertragen es nicht, die anderen trauen sich nicht", begründet er das ausgeprägte Verharren. Für Rebellen sei es schwer, in einer Organisation Anerkennung zu bekommen: "Diese oftmals wilden, sturen, freiheitsliebenden Persönlichkeiten würden die meisten Personalverantwortlichen definitiv nicht einstellen", weiß er aus Erfahrung.

Und wenn sich aus den eigenen Reihen jemand auf den dornigen Weg zum Rebellentum einlässt, gilt er als "Verrückter, Nestbeschmutzer, Querulant und Verräter". Diese Geisteshaltung gegenüber dem Rebellentum gelte es aufzubrechen. Gleichwohl könnten rebellische Manager ihre disruptive Energie auch falsch einsetzen. Um zu prüfen, ob sie in die richtige Richtung zielen, empfiehlt Sattelberger selbstkritische Fragen: Kann ich noch in den Spiegel schauen? Kann meine Familie nachvollziehen, warum ich mich gegen die Regeln stelle? Und dürfen mir nahestehende Menschen die Motive für mein Handeln erfahren? Wer das alles mit "ja" beantworten kann, trage positiv zum Wandel bei. Denn: "Transformation ist keine Frage der Technologie, sondern eine Frage von Macht und Unternehmenskultur", ist Sattelberger überzeugt. Seite 12, 46, 58

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