Purpose-Unternehmen Aufbruch in eine neue Wirtschaft

von Silke Biester
Freitag, 19. Juli 2019
Durchblick : Peter Eckert, Adrian Hensen und David Griedelbach (v.l.) machen Social Business zur Zukunft der Wirtschaft.
Fotos: Lea Hopp/quartiermeister
Durchblick : Peter Eckert, Adrian Hensen und David Griedelbach (v.l.) machen Social Business zur Zukunft der Wirtschaft.
Das Bier-Start-up Quartiermeister soll sich in Kürze selbst gehören. Das macht einen Verkauf unmöglich. Die Gründer David Griedelbach und Peter Eckert berichten, warum dieser Schritt die Glaubwürdigkeit als Arbeitgeber und als Marke stärkt. Sie sind Teil einer Bewegung für nachhaltiges Wirtschaften.

Schon mit dem Wort "Start-up" schwingt mit, dass es der Beginn von etwas Großem sein könnte. Auch Peter Eckert und David Griedelbach haben eine Vision: Sie verkaufen nicht nur Bier, sondern schaffen den "Prototyp eines Unternehmens im 21. Jahrhundert". Die Gründer und Geschäftsführer von Quartiermeister sind überzeugt, dass die "Wirtschaft den Menschen dienen sollte – nicht umgekehrt". Diese Überzeugung spiegelt die Marke, die sie geschaffen haben: "Quartiermeister*in – zum Wohle aller" heißt es vieldeutig auf dem Etikett.

Genau genommen stand die Idee, zum "Social Business" vor der Produktentscheidung "Bier". Heute fließt ein fester Satz von 10 Cent pro verkauftem Liter in soziale Projekte. Damit dies auch langfristig eingehalten wird, gibt es eine individuelle Struktur des gemeinwohlorientierten Unternehmens, zu der auch ein Verein gehört. Dieser dient einerseits der Kontrolle und entscheidet andererseits, welche Nachbarschaftsinitiativen finanziell unterstützt werden. Die festgeschriebenen Prinzipien streben eine "Wirtschaftsordnung jenseits von Profitmaximierung, Ausbeutung und Wachstumszwang an". Ganz nach dem Motto "Bier trinken – Gutes tun".

Weil ihnen Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit extrem wichtig sind, wollen Eckert und Griedelbach jetzt noch einen Schritt weiter gehen: Quartiermeister soll in wenigen Wochen zum "Purpose-Unternehmen" werden. Das Start-up gehört sich dann selbst. Stimmrechte und Gewinnrechte werden von einander getrennt. Die beiden Geschäftsführer halten 99 Prozent der Stimmrechte und so die unternehmerische Kontrolle. Ein Verkauf wird unmöglich gemacht. Gewinne werden reinvestiert oder gespendet. Die Unternehmensform soll sicherstellen, dass nicht die Individualinteressen der Eigentümer im Vordergrund stehen, sondern die von Kunden, Mitarbeitern und Gesellschaft.

Die rechtssichere Unternehmenskonstruktion haben die Gründer der Purpose Stiftung entwickelt. Einer von ihnen ist Adrian Hensen: "Wir unterstützen die Entwicklung einer nachhaltigen, sinnorientierten Wirtschaft", erklärt er. Dabei stehe nicht der Shareholder Value im Fokus, sondern der Unternehmenszweck.

Marke spielt auf Social Business an.
Quartiermeister
Marke spielt auf Social Business an.

Faktisch hält ein Purpose-Unternehmen die Prinzipien der Kontrolle und Gewinnverwendung in der eigenen Satzung fest. Damit diese nicht einfach wieder von Quartiermeister geändert werden können, erhält die Purpose Stiftung 1 Prozent der Stimmrechte. Einer Änderung müssten sämtliche Anteilseigner zustimmen. Die Purpose Stiftung allerdings hat in den eigenen Statuten festgelegt, dass sie niemals und unter gar keinen Umständen einem solchen Unternehmensverkauf zustimmen wird. So kann Quartiermeister glaubhaft versichern, dass das Steuerrad des Unternehmens unverkäuflich ist und die Gewinne dem Unternehmenszweck dienen. Die Vorbereitungen für die Veränderung sind bei Quartiermeister abgeschlossen. Der Gang zum Notar soll noch im Sommer stattfinden.

Die drei jungen Männer sind überzeugt, dass dies nicht nur die Glaubwürdigkeit der Marke stärkt. Auch als werteorientierter Arbeitgeber könne man sich differenzieren. Schließlich ist es in der Szene weit verbreitet, ein Start-up schnell wertvoll zu machen, um es dann an den Meistbietenden zu verhökern. Es fließt richtig viel Geld. Gründer und Investoren sind glücklich. Doch der Unternehmenssinn gerät aus den Augen und die Mitarbeiter, die sich jahrelang engagiert eingebracht haben, gehen im Moment des Abkassierens leer aus.

Als ebenso ungerecht hat Griedelbach es empfunden, als er selbst noch in der "alten Wirtschaft" bei einer Bank tätig war und mitbekommen hat, wie Beschäftigte klein gehalten oder auf die Straße gesetzt wurden, Vorstände dagegen einen goldene Handschlag bekamen. Für so ein Unternehmen würde er jedenfalls "nie wieder arbeiten wollen".

Die Haltung macht Schule. Nicht nur in der Start-up-Szene suchen Unternehmen nach alternativen Gesellschaftsformen. So befassen sich derzeit die Gründer des Kondomherstellers Einhorn mit dem Schritt. Die Suchmaschine Ecosia, der Flaschenhersteller Soulbottles, die App Jolocom für Datensouveränität, Arche Naturkost sowie die Triaz Group sind bereits Purpose-Unternehmen. Hensen meint, das mache sie auch für Investoren interessant. Diese hätten zwar kein Stimmrecht, würden aber angemessene Renditen erhalten. Unterstützen will Purpose den Aufbruch in die neue Wirtschaftsära zudem über die Investitionsgesellschaft Purpose Ventures.

Bier gibt‘s hier

Der Verkauf von Quartiermeister-Bier konzentriert sich derzeit auf die Regionen Ost – rund um Berlin, Dresden und Leipzig – sowie die Region Süd im Münchener Raum. Dort wird es von zwei mittelständischen Brauereien produziert. Nach dem Vertriebsstart in der Gastronomie und bei Kiosken ist die Marke inzwischen auch in etlichen Edeka-, Rewe- und Konsum-Märkten sowie bei Alnatura und im Bio-Fachhandel erhältlich. Der Preis entspricht in etwa dem gängiger TV-Biere.

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