Risikoabwägung Weiterbildung in der Warteschleife

von Silke Biester
Freitag, 10. Juli 2020
Trainings werden per Video übertragen.
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Risikoabwägung
Weiterbildung in der Warteschleife
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Der Digitalisierungsschub sorgt zwar in der Corona-Krise für neue Weiterbildungsformate. Dennoch sind die digitalen Tools kein vollwertiger Ersatz für Trainings, Workshops oder Kongressbesuche, die normalerweise in Präsenz durchgeführt werden. Die unsichere Lage macht die Personalentwicklung in vielen Unternehmen schwierig.

Mit ausgefeilten Personalentwicklungskonzepten haben viele HR-Abteilungen in den letzten Jahren sichergestellt, dass Mitarbeiter die eigenen Fähigkeiten ausbauen und den sich wandelnden Anforderungen stellen können. Davon profitieren beide Seiten – Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Doch Corona hat etliche Ansätze abrupt ausgebremst. Auf Anfrage der LZ stellt beispielsweise Aldi Nord klar: „In den vergangenen Wochen sind zahlreiche Sicherheits- und Präventionsmaßnahmen umgesetzt worden, die einen normalen Fortbildungs- und Veranstaltungsbetrieb unmöglich machen.“

Die Lage ähnelt sich überall. „Bei uns sind präventiv alle internen und externen Weiterbildungen in Präsenz bis mindestens Ende August gestoppt“, erklärt Oliver Bartelt, Sprecher bei DMK Deutsches Milchkontor. Seit Kurzem sind interne Meetings mit maximal zehn Personen unter Auflagen erlaubt. Auch beim Mitbewerber Gropper beschränkt man sich noch auf interne Angebote: „Seit Juni führen wir wenige Maßnahmen in kleinen Gruppen mit Abständen in größeren Räumlichkeiten wieder durch. Externe Partner kommen ins Haus“, erläutert Personalchefin Julia Krohn. „Externe Weiterbildungsangebote laufen erst in den nächsten Wochen wieder an.“

Während viele Unternehmen die eigenen Richtlinien der aktuellen Corona-Lage vor Ort entsprechend immer wieder neu anpassen, hat man die Grenze beispielsweise bei Google gleich bis Jahresende fixiert: Weltweit soll kein Mitarbeiter des Digitalriesen in diesem Jahr an analog stattfindenden Veranstaltungen teilnehmen. Selbst wenn viele Unternehmen sich die Option offen halten, im Einzelfall abzuwägen und die Teilnahme an Trainings zu erlauben, „wenn es betrieblich notwendig ist“, so legen doch auch die Mitarbeiter äußerste Zurückhaltung an den Tag: Sie äußern kaum Interesse an Seminaren oder Kongressen, so die Erfahrung in verschiedenen Betrieben. Selbst jene Stimmen, die die konsequenten Vorgaben ihres Arbeitgebers zunächst für „übertrieben“ gehalten haben, seien seit dem Corona-Ausbruch bei Tönnies auffällig ruhig geworden. Niemand möchte den Virus im eigenen Betrieb einschleppen.

Umsatzverlust trotz Digitalisierung

Die Dienstleister der Weiterbildungsbranche rechnen in 2020 mit erheblichen Umsatzverlusten. Im Schnitt werden 30 Prozent Minus erwartet. Durch die Corona-Krise wurden Seminare abgesagt, Dienstreisen nicht genehmigt und Trainingszentren geschlossen. Das zeigt der aktuelle Trendreport des Wuppertaler Kreises (ein Verband von Weiterbildungsdienstleister für die Wirtschaft). Der Geschäftslage-Indikator sinkt nach Jahren des Wachstums erstmals unter den Wert der Finanzkrise in 2009. Das Gleiche gilt für die Marktpreise. Die Digitalisierung in der Weiterbildung hat zwar einen Schub erhalten. Mobile Arbeitsformen und Homeoffice haben die Voraussetzungen verbessert, um diese Produkte zu etablieren. Dies konnte die Rückgänge jedoch nicht kompensieren. Die Hälfte der Bildungsanbieter schickt eigene Beschäftigte in Kurzarbeit.

Die Frage, welche Art von Fortbildung „notwendig“ ist, wird infolge der Pandemie nach anderen Kriterien beurteilt als zuvor. In vielen Unternehmen wird das Thema Weiterbildung parallel zum Umgang mit Dienstreisen gehandhabt: Video-Meetings sind angesagt. Das geht auch mit einem einzelnen Trainer. Wem das nicht reicht, der muss seinen Vorgesetzten überzeugen, warum ausnahmsweise ein direkter Kontakt notwendig ist. Zudem hat die Weiterbildung einen enormen Digitalisierungsschub bekommen: „Wir haben unser Online-Schulungsangebot erweitert und bereits geplante Seminare als OnlineLösung aufgesetzt“, erläutert NestléSprecherin Laura Kiesewetter. Weltweit sollen die Beschäftigten des Konzerns bis September keine Präsenzangebote wahrnehmen. In vielen Bereichen wurden Schulungen, die normalerweise ganz- oder mehrtägig abgehalten würden, im Rahmen der Digitalisierung in kleinere Häppchen zerlegt und aufgezeichnet. Diese können nun flexibler genutzt werden.

Mancher Personalentwickler zeigt sich überrascht, wie gut diese Umstellung funktioniert. Und dennoch: Weiterbildung lebt auch von persönlicher Begegnung, von Gruppenarbeit und wird oftmals vom firmenübergreifenden Austausch bei den Veranstaltungen bereichert. Der ausschließliche Wechsel zu digitalen Formaten kann keinen vollwertigen Ersatz darstellen, sind sich viele Personaler einig. „Personalentwicklung benötigt immer auch eine Form von Präsenz“, bestätigt Bartelt. Die DMK befasst sich aktuell damit, welche Vorkehrungen im Detail notwendig sind, um zumindest einen Teil der Maßnahmen wieder im direkten menschlichen Kontakt umsetzen zu können. „Eins ist sicher: Corona wird sobald nicht verschwinden. Dieser trügerischen Sicherheit darf sich niemand hingeben.“


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