Selbstständigkeit Neustart in der Beratung

von Gerd Hanke
Samstag, 16. Februar 2019
NGF rocks
Nach fast drei Jahrzehnten des Managerdasein macht sich Natalie Gerits mit dem Unternehmen "NGF rocks" selbstständig. Ihr Branchen-Knowhow will sie als Beraterin einsetzen.

Bis Ende Dezember stand sie in den Diensten des Süßwaren-Herstellers Lambertz. Dort war sie in den zurückliegenden sieben Jahren tätig, zuletzt als Geschäftsführerin Marketing/Vertrieb zuständig für Zentral- und Osteuropa.

Gerits kann als Managerin in der Ernährungsindustrie auf Stationen bei Johnson & Johnson, Saupiquet, Onken oder Heinz zurückblicken. Sie sagt, sie hat viel erlebt und viel gelernt. Zuletzt reifte in ihr allerdings der Wunsch, "selbst die Regie zu übernehmen".

Wer sie mit ihrer rheinländischen Verve reden hört, hegt kaum Zweifel, ihr Weg in die Selbstständigkeit könnte nicht gelingen. Der Name der neuen Firma NGF steht für "Natalie Gerits Fit rocks". Sie bietet ihren künftigen Kunden Marketing- und Vertriebsunterstützung, Scouting, Developing, Implementing und Distribution. Das Verb "rockt" sagt einiges über sie aus. Sie redet schnell, denkt schnell und benutzt gerne das Wort "actionmäßig". "Es gibt massive Veränderungen im Konsumverhalten. Bei dem Thema möchte ich mitspielen", so die langjährige Managerin.

Die Lust am Unternehmen und Machen wurde ihr schon in die Wiege gelegt. Ihr Vater besaß im Ruhrgebiet eine eigene Firma. Die Schülerin Natalie beweist früh Geschäftssinn. Ihre ersten 250 D-Mark macht sie mit der Idee, an Rhein-Schiffstouristen an der Anlegestelle Lose zu verkaufen. Die Einnahmen überstiegen die Ausgaben für die Gewinne deutlich.

Gerits ist ein Unruhegeist: "Ich will multifunktional sein", sagt sie. Die Frau macht Sport, schwimmt regelmäßig, spielt gerne Klavier und malt spät abends noch eigene Bilder, die sich sehen lassen können. Manager, die sie kennen, schätzen ihre Offenheit, aber auch ihre Disziplin. Als sie bei Lambertz anfängt, will sie wissen, was in jedem einzelnen Produkt für Ingredienzen verarbeitet sind. Nur so könne man richtig verhandeln und die Produkte mit denen der Wettbewerber richtig vergleichen.

Gerits kann Klinken putzen. Bei Aldi hat sie in Frankreich "die Tour de France absolviert" und alle Niederlassungen abgeklappert. Bei Heinz erfindet sie die "strategische Sortimentslücke", bei Johnson & Johnson das multifunktionale Display. Gerits über sich: "Wenn der Kunde nein sagt, dann fängt der Verkauf erst an."

Sie sagt auch: "Ich liebe Menschen und Ware." Gerits kann Controlling und sie kann Empathie. Sie verfügt über emotionale Intelligenz, die so manchem männlichen Manager noch immer abzugehen scheint. Und sie weiß: "Fünfzig Prozent des Erfolges macht die Ware aus, die anderen fünfzig Prozent der Mensch. Die Chemie muss stimmen oder zumindest die Fähigkeit vorhanden sein, sich auf den Gesprächspartner einzustellen. Mitunter müsse für einen Manager der Industrie auch Demut dazu gehören. Demut bedeute nicht Kapitulation. Sie saß schon vielen hochrangigen Einkäufern gegenüber. Wenn gar nichts mehr gehe und es unfair werde, müsse man auch den Mut aufbringen, die Bücher zuzuklappen.

Die Managerin bringt für ihren neuen Beraterjob viel Erfahrung mit. Sie zeichne ein Kategoriedenken aus und die Fähigkeit, sich in Fragestellungen des Handels hineindenken zu können. Ihr Berufsleben ist ein wenig aber auch die bekannte Geschichte von Geschäftsfrauen, die immer und überall ein Stück mehr leisten müssen als ihre männlichen Mitstreiter.

Karriere-Option Selbstständigkeit

Nach Jahrzehnten beruflicher Praxis in verschiedenen Unternehmen kommt manchem Manager der wechsel in ein weiteres Unternehmen eher wie eine Wiederholung, denn als Weiterentwicklung vor. Vorgegebene Strukturen, begrenzte Gestaltungsräume, vielfältige Kompromisse und die mal mehr und mal weniger ausgeprägten Ränkespiele in Management oder Inhaberfamilie lösen die Suche nach Alternativen aus.
Selbstbestimmt arbeiten zu können, ist oft eine zentrale Motivation für den Schritt. Eine Karriere-Option ist die Selbstständigkeit als Berater. Dafür nehmen viele auch finanzielle Einbußen in Kauf. Die praktische Erfahrung ist zwar ein großes Plus bei der Kunden-Akquise. Doch es braucht einige Zeit, bis das Geschäft richtig angelaufen ist.
Die allgemeine Marktentwicklung der Branche in den verganenen Jahren kann allerdings den Optimismus beflügeln: "Die Erfolgsgeschichte im Consulting mit durchschnittlichen Wachstumsraten von 7,5 Prozent geht ins achte Jahr", verkündetet Ralf Strehlau, Präsident des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU), bei der Veröffentlichung des Branchenumsatzes im verganenen Jahr. "Noch stärkeres Wachstum wird zurzeit nur durch den Mangel an qualifizierten Beratertalenten begrenzt."
Wachstumstreiber der Beratungsbranche ist die Digitalisierung. Big Data und Datenanalyse spielen den BDU-Daten zufolge in mehr als 90 Prozent der Projekte eine Rolle. Dies spielt in andere Themen hinein. Unternehmen suchen verstärkt die Unterstützung von Consultants in den Beratungsfeldern Changemanagement, Customer Relationship Management/Vertrieb und Business Development/Innovation. Auch das Thema Datenschutz und -sicherheit bleibt aktuell.
Die Konsumgüterindustrie und der Handel gelten als traditionell besonders bedeutsame Klienten für das Consultinggeschäft. Die Wachstumserwartungen der Berater lagen hier im vergangenen Jahr im hohen einstelligen Bereich. Ein möglichst klares Profil hilft, sich im Wettbewerb zu behaupten. In Deutschland gibt es rund 19 000 Beratungsunternehmen mit knapp 120 000 Beratern. 15 000 sind als Einzelberater unterwegs.

Gerits hat in ihrer Karriere viel erlebt. "Ich könnte Bücher schreiben", sagt sie. Darin würde es sicherlich um ihre Manager-Rolle als Frau gehen und die nach wie vor gültige Erkenntnis, dass sich eine weibliche Managerin wohl nach wie vor ein ganzes Stück mehr reinknien muss als die Herren der Schöpfung. Von denen sind ihr in der Branche zwangsläufig ganze Heerscharen begegnet. Sie kennt raue, auf Einschüchterung beruhenden Rituale einer Männerwelt, in der oftmals "Aggressivität und Säuglingsverhalten" zum Umgangston gehörten.

Gerits hat sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten können. Es könnte sehr gut sein, dass sie auch in Zukunft dem ein oder anderen Herren geschäftlich ganz unvoreingenommen auf die Sprünge hilft.

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