Social-Media-Recruiting Von Ost-Boys und Space Frogs

von Redaktion LZ und Sabrina Schadwinkel
Freitag, 11. Oktober 2019
Hauptsache Reichweite: Reality-TV mit Azubis und Werbeclips mit Social-Media-Stars soll Lust auf Jobs im Handel machen.
Screenshots; CB studio/shutterstock
Hauptsache Reichweite: Reality-TV mit Azubis und Werbeclips mit Social-Media-Stars soll Lust auf Jobs im Handel machen.
Von Lipgloss bis Babykleidung: Dass Influencer in den sozialen Medien erfolgreich Produkte unter ihre Anhänger bringen, ist Fakt. Ob sie auch fürs Recruiting taugen, bleibt dagegen fraglich. Besser eignen sich die Mitarbeiter.
Zumindest authentisch waren sie. Im Sommer 2018 hatte Edeka die Youtuber und Prollkomiker Slavik und Wadik engagiert, um Azubis für Berufe wie Kraftfahrer oder Frische-Spezialist zu gewinnen.

In gewohnter Manier haben die Macher "Deutschlands asozialster Webserie" abgeliefert: Sie werfen mit Geldscheinbündel aus der Edeka-Plastiktüte um sich, strecken an der Ampel im grünen Sportwagen die Adiletten-Füße aus dem Fenster, dazu Schaumwein und Bikinimädchen. Hashtag Geldverdienen mit Edeka. Über 800 000 Mal wurde der Clip bis heute aufgerufen. Im Schnitt gingen pro Jahr 80 000 Bewerbungen für Azubistellen auf der Fläche ein. Dank der Ost-Boys seien es mehr geworden, berichtete Jens Kettler, Geschäftsbereichsleiter Bildungswesen des Lebensmittelhändlers, jüngst auf einer Branchenveranstaltung. Dabei habe es im eigenen Haus durchaus Skepsis gegeben, ob das Duo als Jobbotschafter tauge.

Der deutsche Arbeitsmarkt ist eng. Nicht nur für den Lebensmittelhandel, dem das Image schwieriger Arbeitszeiten bei schlechter Bezahlung anhängt. Die durchschnittliche Vakanzzeit ausgeschriebener Arbeitsstellen hat mit 130 Tagen einen absoluten Rekordwert erreicht, wie aus einer aktuellen Studie der Personalmarketingexperten Wollmilchsau hervorgeht. Über Youtube, Snapchat oder in Schulen sollten Kaufleute den Nachwuchs ansprechen, meinte Kettler. Am besten nicht selbst, sondern indem sie die eigenen Azubis vorschicken.

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Der Handelsverband Deutschland hat im Juni die nach eigener Aussage erste Digitalkampagne für den Handel lanciert. Die zwei Youtuber Steven Schuto und Fabian Rieck – die "Space Frogs" kommen auf rund 1,2 Millionen Abonnenten – geben Bewerbungstipps. Ein Beispiel: "Informiert Euch über das Unternehmen. Wo geht das Kind des Chefs zur Schule? Welche Kollegen haben eine Affäre miteinander?" Bis jetzt gab es dafür über 250 000 Klicks.

Mitarbeiter sind glaubwürdiger

Junge bekannte Gesichter aus der Youtube-Welt fürs Aufpolieren der Arbeitgebermarke einzuspannen, hält André Gebel, Strategievorstand bei der Digitalmarketing Coma, per se nicht für verkehrt. Allerdings sollten die externen Influencer nur "flankierend" eingesetzt werden. "Die Ost-Boys sind lässig, aber sie gehen jetzt nicht am nächsten Tag bei Edeka arbeiten". Vielmehr gehe es darum, die eigenen Mitarbeiter dazu zu motivieren, ihren Job zu bewerben. Sprich neudeutsch "Corporate Influencer" zu werden. Das sei dreimal glaubwürdiger und relevanter als jeder teure Clip.

Wer sich mit Corporate Influencern auseinandersetzt, landet unweigerlich bei Otto. Der Onlinehändler lässt seit Herbst 2017 eigene Mitarbeiter zu Jobbotschaftern ausbilden. Dazu gehören Workshops zu Social Media, HR-Kommunikation, Präsentation oder Personaldiagnostik. Bisher haben knapp 200 Beschäftigte das Angebot genutzt, teilt das Unternehmen. Wie viele davon auch tatsächlich aktiv seien, könne man nicht sagen. Denn wer was über Social Media kommuniziert, werde nicht überprüft. Die Kanäle könne jeder frei wählen. Und was ist mit Influencern im klassischen Sinn? "Setzen wir auch ein, aber nicht für die Arbeitgebermarke, sondern für unsere Brand", lautet die Antwort.

"Letztlich sind die eigenen Mitarbeiter die besten Multiplikatoren, die keine zusätzlichen Kosten verursachen und authentisch sind", meint Marketingberater Gebel. Idealerweise teilten sie ihre Begeisterung für den Job "aus dem eigenen Alltag heraus über die eigenen Kanäle, und nicht unbedingt über die Unternehmenspräsenz". Am besten über Facebook, Linkedin und Xing. Bei durchschnittlich 350 Facebookfreunden pro Kopf kommt ordentlich Reichweite zusammen, führt er an. Dass es allerdings nicht einfach ist, Freiwillige dafür zu finden, weiß er auch. Aber: Es sollte im Eigeninteresse der Mitarbeiter liegen, dabei mitzuhelfen, gute Kollegen an Bord zu holen. Unternehmen könnten zudem mit Seminaren und anderen Incentives der Motivation nachhelfen. Auch einen "Instagrammable Place" zu schaffen – einen fototauglichen Ort – sei eine gute Idee.

Echt reicht nicht

Die Regionalgesellschaft Edeka Südwest hatte zwischenzeitlich gleich eine ganze Wohnung eingerichtet: Über zwei Staffeln konnte man auf Youtube den Edeka-Azubis Vanessa, João und Hakan beim Leben zuschauen – in der Auftaktfolge beim Streit ums Zimmer und Abendessen. "Tatsächlich eine Serie von echten Azubis, die in einer echten WG zusammenleben. Kein Schauspieler, keine Influencer oder Self-Made-Videostars. Einfach nur zwei Frischespezialisten und eine Einzelhandelskauffrau" steht im Klapptentext unter den Videos. So authentisch diese sein mögen, die Kommentare sind voller Häme, wie "schlecht geschauspielert" das Ganze sei. Auch Corporate Influencer haben’s schwer.

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