Tag der Logistik Job-Alltag mit Kollege Roboter

von Silke Biester
Freitag, 19. April 2019
„Drives“ bringen Regale: KI steuert die Transportportroboter bei Amazon.
Amazon
„Drives“ bringen Regale: KI steuert die Transportportroboter bei Amazon.
Bedrohen Roboter die Arbeitsplätze der Menschen? Oder erleichtern sie ihnen den Alltag? Diesen Fragen ging der Online-Riese Amazon am "Tag der Logistik" bei einer Diskussionsrunde auf den Grund.

Namenlos und ohne menschliche Züge kommen die "Robots" daher in Europas modernstem Amazon-Logistikzentrum in Winsen an der Luhe. Sie sind nicht so niedlich und "menschlich" wie der zum Medienstar avancierte Roboter "Pepper". Bei Amazon spricht man von "Drives", denn sie fahren Regale durch die Gänge. Sie ähneln einem Rasenmäher, den man in Nachbars Garten beobachten kann, wenn er ganz allein seine Bahnen zieht. Der Nachbar ist somit von der Aufgabe befreit, den Rasen zu mähen. Und wie ist es mit den Beschäftigten bei Amazon? Werden sie noch benötigt?

Am "Tag der Logistik" öffnete der Online-Händler vergangene Woche alle zwölf Logistikzentren, um Interessierten einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren. Erfunden hat den Aktionstag die Bundesvereinigung Logistik (BVL) vor einigen Jahren mit dem Ziel, das Image der Branche aufzubessern – als Arbeitgeber und auch als Wirtschaftsfaktor in der Gesellschaft. 270 Unternehmen haben sich in 15 Ländern beteiligt, mit dabei auch Rewe und Edeka mit je einem Standort. Rund 1 000 von insgesamt 23 000 Besuchern hat allein Amazon durch seine Lagerhallen geschleust.

Am Vorzeigestandort "HAM 2" in Winsen nahe Hamburg, der mehr als 1 700 Menschen und mehrere Tausend Roboter beschäftigt, stand neben der innovativen Technologie selbst auch deren Auswirkung auf die Zukunft der Arbeit im Fokus. Was hat sich konkret geändert? Früher sind die Kommissionierer durch die langen Gänge zu den Regalen gelaufen, wo die Ware gelagert wurde. Rund 15 Kilometer haben sie so jeden Tag zurückgelegt. Heute stehen sie dagegen an einem Kommissionierplatz und nehmen die Ware aus Regalen, die von den Robotern zu ihnen hin gefahren wurden. Es gilt das Prinzip "Ware zum Mitarbeiter". Dabei haben sich die Abläufe umgekehrt und sind nun effizienter. Die Menschen befassen sich mit den etwas anspruchsvolleren Aufgaben: Sie scannen, erkennen, sortieren und greifen die sehr unterschiedlichen Artikel, während die Roboter die zeitraubende Wegstrecke überwinden.

Amazon-Personaldirektor Robert Marhan bekräftigt, dass dadurch keineswegs Arbeitsplätze gefährdet, sondern im Gegenteil eher noch geschaffen werden. Denn die innovative Technologie verbessere die Wirtschaftlichkeit und sichere somit das Einkommen der Beschäftigten. Zudem sei faktisch niemand infolge der Einführung von Robotern entlassen worden. "Automatisierung ist keine Bedrohung sondern eine Evolution der Arbeit", sagt er. "Wir benötigen die Mitarbeiter trotzdem." Schließlich ist es nicht ganz einfach, vor Ort mehrere Tausend Leute zusätzlich einzustellen, wenn die Arbeit der Robots weiter von Menschen gemacht werden müsste. Der Fachkräftemangel lässt grüßen: Die Arbeitslosenquote in der Region vor Hamburg liegt bei unter 4 Prozent und Arbeitgeber gibt es insbesondere im Logistikbereich reichlich. "So viele Menschen haben hier seit der Steinzeit nicht gearbeitet", bestätigt der stellvertretende Landrat Rudolf Meyer die Arbeitsmarktentwicklung in seiner Heimat.

"Unternehmen, die nicht aufgrund fehlender Mitarbeiter ihr Wachstum einbüßen wollen, müssen automatisieren", verweist Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der IHK Lüneburg, darauf, dass jeder siebte Beschäftigte in der Region bald ins Rentenalter kommt. "Co-Bots übernehmen wichtige Funktionen im Arbeitsablauf und füllen so die Fachkräftelücke." Außerdem glaubt er, dass sie als "netter Kollege" im Team willkommen sind. Denn: "Roboter tun zuverlässig ihre Arbeit und geben keine Widerworte."

In der Tat bestätigen Johanna Köberich und Mark Ostendarp, die beide im Winsener Lager beschäftigt sind, dass es keinerlei Akzeptanzprobleme gebe. Insbesondere neue Mitarbeiter, für die es noch nicht normal ist, mit den "Drives" zusammen zu arbeiten, fänden sie ausgesprochen "cool". Grundsätzlich seien Mitarbeiter stolz, wenn sie in einem modernen Unternehmen mit zukunftsweisenden Technologien tätig sind.

Mit dem Einzug von künstlicher Intelligenz im Arbeitsablauf werde die Rolle des Menschen keineswegs infrage gestellt: "Kreativität, Innovation und kontinuierliche Verbesserung kommt immer vom Menschen", stellt Personaldirektor Marhan klar. Ebenso könnten Themen wie Führung oder Kundenorientierung nicht von Robotern übernommen werden. Und schließlich sei auch die Software, die die Maschinen führt, immer von Menschen programmiert.

Auch für den EU-Manager für Forschung und Entwicklung, Stefano LaRovere unterstützen Roboter die Zukunftsfähigkeit. "Der Einsatz von KI identifiziert und reduziert ineffiziente Aufgaben im gesamten Betriebsprozess", sagt er. "Wir haben festgestellt, dass durch diese Technologien viele Arbeitsplätze und neue Job-Profile entstehen. Wir beginnen, eine wirklich positive Veränderung der Belegschaft zu beobachten."

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