Tarifausstieg Real Lohnsenkung im Handel erfordert Mut

von Julia Wittenhagen
Freitag, 22. Juni 2018
Der Veränderungsdruck im Einzelhandel ist groß, was in letzter Zeit einige Unternehmen zum Tarifausstieg bewogen hat, um Mitarbeiter flexibler bezahlen zu können. Andere locken mit übertariflicher Bezahlung. Wieviel Spielraum lässt der Personalmangel?

Die Ansage bei Real ist klar und deutlich: "Durch die Übertragung des Geschäftsbetriebs auf eine nicht an die Tarifverträge mit Verdi gebundene Gesellschaft, sind die Voraussetzungen geschaffen worden, die Personalkosten bei Real mittel- bis langfristig wettbewerbsfähig zu gestalten." Alte Verträge haben zunächst Bestandsschutz. Neu eingestellte Kollegen könnten bis zu 30 Prozent weniger verdienen.

Kann ein Handelsunternehmen sich so etwas in Zeiten von Fachkräftemangel leisten? Heike Ballhausen von der Personal- und Vergütungsberatung Willis Towers Watson möchte dazu ganz allgemein antworten: "Die Arbeitswelt ist im Umbruch. Deutschland hat sehr von Tarifpartnerschaften profitiert. Ob es sie in 20 Jahren in der Form noch gibt – unwahrscheinlich." Was eigene Studien zur Mitarbeiterzufriedenheit belegen, sei: Das Grundgehalt ist der Haupteinflussfaktor, um Mitarbeiter zu gewinnen. Im Handel noch mehr als in besser zahlenden Branchen. Gehälter unter das mittlere Marktniveau senken könne somit nur, wer nicht so stark auf die Neueinstellung der besten Mitarbeiter angewiesen sei. Zweitens: Mitarbeiter brauchen Sicherheit. Je sicherer sie sich fühlen, umso höher ist ihre Bereitschaft, sich für das Unternehmen einzusetzen. "Ein Tarifgefüge kann dabei helfen, Sicherheit zu vermitteln. Fällt es weg, muss es durch andere Mittel ersetzt werden", erklärt Ballhausen.

Auftrag der Geschäftsleitung sei es, gut zu kommunizieren, warum sich der Einzelne auch in neuen Strukturen besonders einsetzen, Flexibilität zeigen soll und was er dafür bekommt. "Dass der Mitarbeiter im digitalisierten Einzelhandel einsatzfähig bleibt und dafür qualifiziert wird, könnte ein solcher Deal sein. Jedenfalls muss es ein Geben und Nehmen sein." Kein Unternehmen gewinne mit reiner Kostenreduktion. "Ich brauche auch die Strategie, wo ich den Umsatz herholen will."

Den Wunsch der Arbeitgeberseite nach mehr Flexibilität kontere die Arbeitnehmerseite regelmäßig mit der Forderung nach sicheren, auskömmlichen Einkommen. Dass eine Stelle als Verkäufer ein Familieneinkommen garantiert, sei aber nirgends festgeschrieben. "Am Ende des Tages zahlt das Unternehmen dem Mitarbeiter maximal den Wertbeitrag, den er einbringt." Daher sei es essentiell, sich zu qualifizieren, um dem Arbeitgeber selbstbewusst den Mehrwert zu verkaufen. Dabei solle das Unternehmen unterstützen. "Ich wünsche jedem Unternehmen, dass ein Tarifausstieg niemals eine Ad-hoc-Entscheidung ist, sondern dass eine Strategie dahintersteckt, die Mitarbeitern so transparent gemacht wird, dass sie mitgehen können", schließt Heike Ballhausen salomonisch.

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