Top-Thema Employer Branding Dringend gesucht

von Christiane Düthmann
Freitag, 11. Oktober 2019
Wettkampf um Talente: Die Besten haben längst einen Job.
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Wettkampf um Talente: Die Besten haben längst einen Job.
Ob Azubis oder Absolventen, Einsteiger oder Profis: In der Konsumgüterwirtschaft wird der Wettkampf um Talente härter. Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren komplett gedreht – heute müssen sich Arbeitgeber bei den Kandidaten bewerben.

Der Handel mit seinen bundesweit rund drei Millionen Beschäftigten und die Ernährungsindustrie, in der 600 000 Menschen arbeiten, legen sich ordentlich ins Zeug, um Interessenten für sich zu begeistern: Employer Branding lautet das Gebot der Stunde. Auf allen Kanälen – vom POS bis in die sozialen Medien – setzen die Unternehmen ihre Arbeitgebermarken in Szene, in der Hoffnung, sich von der Masse der Wettbewerber abzuheben.

Rund 50 000 offene Stellen haben die 50 größten Handelsunternehmen in Deutschland derzeit ausgeschrieben, meldet das EHI Retail Institute. "Vor allem in den Filialen werden Fachkräfte händeringend gesucht", sagt EHI-Personalexpertin Ulrike Witt. Dazu zählen neben Einzelhandelskaufleuten und Kassenpersonal auch Metzgerei- und Bäckereifachverkäufer. Große Engpässe gibt es bei den Auszubildenden. Drei Viertel der vom EHI befragten Personaler finden es schwierig oder sogar sehr schwierig, Nachwuchs für die Jobs auf der Fläche zu finden. Ein Rundruf unter selbstständigen Einzelhändlern für diese Sonderausgabe  bestätigt das: Die Kaufleute schrauben ihre Erwartungen an Schulbildung und Deutschkenntnisse der Einsteiger herunter und sind heilfroh, wenn sie überhaupt Leute finden. Besonders dramatisch ist die Lage in den teuren Ballungsräumen: "Dieses Jahr haben wir einen Azubi eingestellt, dabei hätten wir gerne sechs gehabt", klagt ein Edekaner aus München. "Der Arbeitsmarkt im Großraum München ist eine Katastrophe. Es fehlt an Kassiererinnen, Verkäufern und Thekenkräften", gibt ein anderer zu Protokoll. "Wenn das so weitergeht, könnte die Zukunft dem automatisierten Laden ohne Personal gehören. Aber das wäre doch traurig", findet ein Hamburger Kaufmann. Discounter kämpfen ebenfalls mit dem Nachwuchsmangel. "Mittlerweile ist es in jeder Zielgruppe schwer, passende Mitarbeiter zu rekrutieren. Eine besondere Herausforderung ist es, jedes Jahr unsere mehr als 2 500 Ausbildungsplätze zu besetzen", sagt Kamila Kwasny, Personalchefin bei Aldi Süd, im Interview.

Das Problem hat deshalb auch beim HDE Priorität. Mit der Initiative "Jetzt schon Profi" will der Spitzenverband die Branche in ein modernes Licht rücken. Verdienstmöglichkeiten, Karrierechancen, auch das Klima-Engagement des Handels sollen die Zielgruppe locken. Vermeintliche Image-Nachteile wie Samstagsarbeit münzt die Kampagne in Vorteile um: "Im Handel bist Du flexibel in der Zeiteinteilung und hast unter der Woche auch mal frei." Fest steht: Handel und Industrie müssen sich auf eine anspruchsvolle Bewerbergeneration einstellen, die um ihren Marktwert weiß und selbstbewusst Forderungen stellt. "Wenn die jungen Leute dann noch ein Sabbatical wollen, muss ich mich sehr kontrollieren, um sie nicht zu fragen, was sie bei uns eigentlich wollen", so Rewe-Chef Lionel Souque kürzlich bei einer Tagung der MLF. "Stattdessen sage ich: Ja haben wir, freut mich sehr."

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