Weiterbildung Corona bringt Nestlés Lernplattform nach vorn

von Julia Wittenhagen
Freitag, 22. Januar 2021
In der Pandemie stieg der Bedarf an E-Learning-Inhalten rapide
Cornerstone/Nestlé/Youtube
In der Pandemie stieg der Bedarf an E-Learning-Inhalten rapide
Weiterbildung
Corona bringt Nestlés Lernplattform nach vorn
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Drei Jahre lang, von 2013 bis 2016, implementierte Nestlé weltweit ein neues Lern-Management-System von Cornerstone. Doch erst mit den Einschränkungen durch die Pandemie sind Nutzerzahlen und Akzeptanz explodiert. Die beiden globalen Projektverantwortlichen berichten.

23,8 Stunden Training investierte Nestlé 2019 im Schnitt in jeden der 330 000 Mitarbeiter. Die Weiterbildung der Mitarbeiter schafft es als Zielgröße bis in den Nachhaltigkeitsbericht von Nestlé. Eine große Herausforderung für den globalen Konzern ist die Spannweite des Bildungsbedarfs, der von Alphabetisierung bis KI-Anwendung reicht. Die zweite ist die Transformation von "Push zu Pull", von "verordneten" zu selbst gewählten Lerninhalten.

Mit der Implementierung des Lern-Management-System (LMS) von Cornerstone sollte ein großer Schritt zum zwanglosen Wissenserwerb der Mitarbeiter gemacht werden. Ähnlich wie bei Netflix stellt das LMS eine Fülle von Lernangeboten jederzeit abrufbar zur Verfügung: Standard-Trainings, firmeneigene Inhalte, individuelle Empfehlungen. Doch das Interesse war zunächst verhalten. "Manche probierten das LMS mal aus und ließen es dann wieder. Andere belegten nur Pflichtkurse wie Compliance-Schulungen", gibt Andriy Verminskyy, Global Product Manager Training and Learning bei Nestlé, offen zu. "Die ganze Zeit haben wir versucht, die Akzeptanz zu erhöhen. Wir haben ständig nachgefragt, ob das LMS alle Anforderungen abdeckt und was fehlt."

Erst die Pandemie brachte die Wende: "Im März kamen die Nutzer plötzlich auf uns zu und fragten nach bestimmten Lerninhalten." Ein Teil der Beschäftigten wollte die Zeit für Weiterbildung nutzen, die sie durch die Verlagerung der Arbeit ins Homeoffice sparten oder weil ihr Werk kurzzeitig schließen musste. Auf die Hauptverantwortlichen für Learning bei Nestlé, Andriy Verminskyy in den USA, und Jo-Anne Rossouw, Head of Digital Learning in der Schweiz, kam viel Arbeit zu. 

Sie mussten die Lernplattform nicht nur mit aktuellen Inhalten füllen wie den Umgang mit Covid-19, mit Video-Konferenzen oder Führen aus dem Homeoffice, sie mussten das LMS auch remote-tauglich machen. Präsenzseminare wurden in virtuelle Klassenräume überführt, von Skype wurde auf Microsoft Teams umgestellt. Der Lohn: "Die Nutzung und Akzeptanz des LMS stieg sehr schnell", sagt Rossouw. Von Januar bis Oktober um 65 Prozent.

Glücklicherweise hatte das Learning-Team 2020 das System noch um die Nestlé People Akademie ergänzt, die zielgruppenspezifisch Inhalte anbietet, zugeschnitten auf bestimmte Experten- oder Arbeitsgruppen. "Die Einheiten können darauf Einfluss nehmen und jederzeit selbst interessante Inhalte einstellen wie zum Beispiel Zeitungsartikel. Wir haben keinen Filter vorgeschaltet", sagt Jo-Anne Rossouw. "Tatsächlich wurde diese Möglichkeit des Teilens auch rege genutzt, denn im Lockdown hatten die Leute mehr Zeit, Dinge einzustellen." Das Timing war genau auf den Punkt, "denn jeden Tag änderte sich etwas. In der Schweiz waren wir einen Tag noch alle im Büro, am nächsten Tag wurden wir ins Homeoffice geschickt", erinnert sich Rossouw.

In der Lernplattform macht der Weltkonzern das Wissen für seine 330.000 Mitarbeiter jederzeit abrufbar.
Nestlé.
In der Lernplattform macht der Weltkonzern das Wissen für seine 330.000 Mitarbeiter jederzeit abrufbar.

Die Nutzung des LMS im Zeitverlauf spiegelt das Pandemiegeschehen wider: "Erst waren die Klickhits allgemeines Wissen über Covid-19, wie Nestlé und man selbst damit umgeht", sagt Rossouw. In der nächsten Woche ging es schon um Konvertierung der Arbeit ins Virtuelle. Themen wie technisches Upskilling und Führen aus dem Homeoffice poppten auf.

Erst danach entdeckten die Mitarbeiter, die durch mobiles Arbeiten Zeit gewonnen hatten, den Nutzen des LMS für ihre persönliche Entwicklung. Hier spielten generelle Trainingsthemen etwa von Linkedin Learning eine Rolle. Mitte des Jahres richtete sich der Fokus wieder stärker auf die Nestlé Akademie. "Vorher mussten sich die Mitarbeiter aktiv für das Öffnen des LMS entscheiden. Jetzt saßen sie sowieso vor dem System."

„Wir haben in zwei bis drei Monaten das erreicht, wofür wir sonst zwei bis drei Jahre gebraucht hätten.“
Andriy Verminskyy

Noch haben etwa Werksarbeiter nicht alle Zugriff auf die Weiterbildungsplattform, "aber die Führungskräfte organisieren schon Trainings mit Hilfe des LMS", weiß Andriy Verminskyy. Losgelöst von Covid möchte Nestlé die Rate derer erhöhen, die Zugriff auf internetfähige Geräte haben. Teilweise ergibt sich das von allein, "denn die Computer auf den Gängen der Fabriken nehmen zu." Zudem gibt es auch eine Lern-App für mobile Geräte, deren Nutzung sich gerade verzehnfacht.

Aktuell sollen die digitalen Grundkenntnisse aller Mitarbeiter verbessert werden. Die amerikanische Zone hat das Digital-Literacy-Programm bereits ausgerollt. Europa, Asien und Australien bekommen es 2021. Für allgemeine Nestlé-Infos, Streams und CEO-Ansprachen wurde 2019 Workplace von Facebook als globales Intranet eingeführt.

Was die Learning-Profis 2020 selbst dazugelernt haben? "Dass man immer bereit sein muss, in alle Richtungen zu gehen", sagt Andriy Verminskyy. "Wir konnten sehr zügig auf die vielen Anforderungen aus dem Konzern reagieren. Das wäre nicht gegangen, wenn wir vorher technisch nicht vorbereitet gewesen wären."

Covid-19 habe die Digitalstrategie von Nestlé nicht beeinflusst, aber beschleunigt: "Wir haben in zwei bis drei Monaten das erreicht, wofür wir sonst zwei bis drei Jahre gebraucht hätten."

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