Weiterbildung in Corona-Zeiten Teilqualifikation geht auch remote

von Silke Biester
Donnerstag, 23. April 2020
Ohne Recruiting: Mitarbeiter werden zu Fachkräften. Fehlendes oder veraltetes Know-how wird mit dem Modulkonzept aufgebaut.
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Ohne Recruiting: Mitarbeiter werden zu Fachkräften. Fehlendes oder veraltetes Know-how wird mit dem Modulkonzept aufgebaut.
Weiterbildung in Corona-Zeiten
Teilqualifikation geht auch remote
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Der Fachkräftebedarf ist in der Ernährungswirtschaft unverändert hoch. Die Qualifizierung von Mitarbeitern aus den eigenen Reihen ist eine Möglichkeit, sich vom Arbeitsmarkt unabhängig zu machen. In Corona-Zeiten muss das virtuell stattfinden. Das Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft bietet ab sofort ein zertifiziertes Konzept dafür.

Seit Anfang 2019 gibt es das Qualifizierungschancengesetz, das den Zugang zu Weiterbildung ausbauen soll. Neuen Schwung hat damit auch das Konzept der Teilqualifizierung bekommen. Angeboten wird es beispielsweise vom Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW). Die gemeinsame Kampagne „Kompetenz für Ernährung“ mit dem Verband der Ernährungswirtschaft e.V. (VdEW) macht auf das Modulkonzept für die Branche aufmerksam. Es ermöglicht die berufliche Entwicklung von an- und ungelernten Arbeitskräften. Auch die Kompetenzanforderungen des digitalen Wandels werden bedient.

„Der Fachkräftebedarf hat durch Corona in der Ernährungswirtschaft nicht abgenommen“, sagt Tobias Lohmann, Sprecher der Geschäftsführung beim Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft. „Diese Betriebe produzieren weiter und in der Lebensmittelindustrie wird derzeit noch dringender nach Fachkräften gesucht.“ Der höchste Bedarf besteht einer Umfrage von BNW und VdEW zufolge vor allem in gewerblich-technischen Berufsgruppen wie zum Beispiel bei Fachkräften für Lebensmitteltechnik, Maschinen- und Anlagenführern, Fachlageristen oder Fachkräften für Logistik.

Mit Beginn der Corona-Krise hat das BNW sofort die Umstellung auf digitales Lernen in die Wege geleitet. Insgesamt wurden 90 Schulungsprodukte zur Zertifizierung eingereicht. „Die Prüfer der Certqua haben das Zertifikat für das neue Digitalformat in kürzester Zeit erteilt“, freut sich Lohmann, als Bildungsbetrieb somit handlungsfähig zu bleiben: „Wir haben das virtuelle Klassenzimmer für die in der Ernährungswirtschaft relevanten Berufsbilder und deren Teilqualifizierungsmodule eingeführt. So kann das Kontaktverbot problemlos eingehalten werden.“

Die Teilqualifizierung (TQ) ist ein flexibles Modell, das bedarfsorientiert die Kompetenzen einzelner Mitarbeiter ausbaut. Dafür wurden anerkannte Ausbildungsberufe in sechs bis zwölf Module zerlegt. Diese können einzeln oder step-by-step durchgeführt werden. Durchläuft ein Beschäftigter alle Teile eines Berufsbilds kann er nach bestandener Prüfung sogar den IHK-Berufsabschluss erhalten. Dafür braucht es keinen klassischen Ausbildungsvertrag mit entsprechend vermindertem Einkommen, sondern die Weiterbildung kann im bestehenden Job berufsbegleitend in Voll- oder Teilzeit erworben werden, ohne zeitliche Beschränkung. Darüber hinaus eignet sich das TQ-Konzept für Quereinsteiger oder ausgebildete Fachkräfte im Alter über 25, deren Wissen Lücken aufweist, beispielsweise bei der zunehmend notwendigen Digitalkompetenz.

Qualifikation in Kurzarbeit

Weiterbildung ist eine Möglichkeit, die Phase der Kurzarbeit sinnvoll zu nutzen.

Die Kosten für die Fortbildungsmaßnahme werden auch in Kurzarbeit ganz oder teilweise von der Agentur für Arbeit übernommen, sofern einige Kriterien erfüllt sind.

Die Höhe der Beteiligung an den Kosten und am Lohnausfall, ist abhängig vom Ziel der Weiterbildung und der Unternehmensgröße.

Inhalt, Art und Dauer der Weiterbildung werden zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer abgestimmt.

Lohmann berichtet, dass das Modell schon von einigen mittelständischen Nahrungsmittelherstellern in der Produktion sehr erfolgreich eingesetzt wird. Manche Betriebe haben das Instrument als festen Baustein für die Personalentwicklung entdeckt. Basis dafür sollte eine interne Analyse sein, welche Kompetenzen fehlen und welche Mitarbeiter dafür infrage kommen. Der Ansatz kann die Attraktivität als Arbeitgeber steigern. „Die Teilqualifizierung löst oftmals zwei Probleme auf einmal: Schwer zu rekrutierende Fachkräfte müssen nicht mehr am Arbeitsmarkt gesucht werden. Und in den eigenen Reihen steigt die Zufriedenheit und Bindung gering qualifizierter Mitarbeiter, die sich so weiterentwickeln können“, ist der Bildungsexperte überzeugt.

Zudem bietet die finanzielle Förderung durch das Qualifizierungschancengesetz aktuell großes Potenzial, fehlende Fachkräfte aus den eigenen Reihen zu entwickeln. Ausgeschöpft wird es allerdings kaum: „Die bereitgestellten Gelder werden bisher nur zu einem Bruchteil in Anspruch genommen“, weiß Lohmann. Das belegt auch eine Umfrage der Arbeitgebergemeinschaft Nahrung und Genuss (ANG). Die Fördermöglichkeiten durch die Agentur für Arbeit werden infolge des Corona-Ausbruchs nicht eingeschränkt. „Und auch in den Unternehmen, wo Kurzarbeit eingeführt werden muss, kann diese Zeit produktiv zur Weiterbildung genutzt werden“, macht Lohmann Hoffnung auf eine Zeit nach der Krise mit mehr qualifizierten Fachkräften.

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