YBF bei Alnatura Schizophrenie des Konsums

von Marco Hübner und Silke Biester
Donnerstag, 23. Januar 2020
Gastgeber Götz Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura, diskutiert mit den Teilnehmern der Young Business Factory die Relevanz von Bio im deutschen Foodmarkt.
Thomas Fedra
Gastgeber Götz Rehn, Gründer und Geschäftsführer von Alnatura, diskutiert mit den Teilnehmern der Young Business Factory die Relevanz von Bio im deutschen Foodmarkt.
Immer mehr nachhaltige Produkte finden ihren Weg in die Regale des LEH. Ob der neue Bio-Boom massentauglich ist, diskutierten YBF-Besucher mit Alnatura-Gründer Götz Rehn und externen Referenten.



Nachhaltig produzierte Lebensmittel könnten heute bereits deutlich mehr Marktbedeutung haben. Ein Hemmschuh für große Zugewinne: Die Qualität der Bio-Produkte erfülle häufig nicht die Erwartungen der Kunden, berichtete Bio-Markt-Pionier Götz Rehn den Teilnehmern der Young Business Factory (YBF) auf dem Alnatura Campus in Darmstadt. "Die Produkte müssen Top-Rezepturen haben und schmecken, um regelmäßig im Einkaufskorb zu landen", sagte der Alnatura-Gründer. Vieles, was sich Bio nenne, komme beim Blick auf die Inhaltsstoffe nur halbherzig daher und setze häufig doch auf konventionelle Industriezusätze.

"Die Bio-Sparte erreicht in Deutschland nur sechs bis sieben Prozent Marktanteil", betonte Rehn. Von circa 180 Mrd. Euro Umsatz mit Lebensmitteln pro Jahr kämen somit lediglich 11 Mrd. Euro aus den Bio-Sortimenten. "Da ist noch viel Luft nach oben", findet Rehn und deutete auf das Nachbarland Österreich. In der Alpenrepublik rangiere der Bio-Anteil bereits bei ungefähr 25 Prozent. Vom viel beschworenen Bio-Boom könne in Deutschland angesichts dieser Zahlen kaum die Rede sein. Im Gegensatz dazu hat das Thema Nachhaltigkeit dennoch einen deutlichen Schub bekommen.

Wetterextreme, Artensterben und Klimastreiks: Angesichts spürbarer Veränderungen hat die Sehnsucht nach Produkten, die die Welt per Konsum retten, unter Verbrauchern zugenommen, berichtete Psychologe Jens Lönneker, Inhaber des Marktforschungsunternehmens Rheingold Salon. "Dabei herrscht allerdings Schizophrenie", sagte Lönneker. Überzeugungen und Kaufentscheidungen passen nicht unbedingt zusammen. So seien etwa 51 Prozent der Fleischkäufer im Discount gleichzeitig gegen Massentierhaltung. Dieser Widersprüchlichkeit sollten Handel und Industrie nicht allein mit Nachhaltigkeits-Botschaften auf Verpackungen begegnen, riet der Marktforscher. Maßgeblicher seien hochwertige Produkte, die auf "Spaß und Lust" der Kunden zielen, um Marktanteile gut zu machen.

YBF zu Wertschöpfungs-Kooperationen

  • Save the Date: Die nächste Young Business Factory der LZ zeigt, wie Kooperationen den Wertschöpfungsprozess bereichern. Inklusive Workshop
  • Innovation für den Handel: Develey-Chef Michael Durach zeigt Best-Practices
  • Wettbewerbsvorteil: Tegut-Chef Thomas Gutberlet setzt auf Nähe
  • Kaufland und Eckes: Profitieren von kooperativer Logistik
  • Bedürfnisse kennen: Agrarfrost weiß, wie sich Partnerschaft rechnet
  • Termin: 10./11. März 2020 in München
  • Exklusivpartner: Develey
  • Infos: lebensmittelzeitung.net/ybf

Wie Produkt-Alternativen gegen Wettbewerber positioniert werden können, zeigte Alexander Neumann den Teilnehmern der YBF. Sein Startup attackiert mit zuckerreduzierten Bio Cornflakes der Marke Rebelicious große Hersteller. Das unterstütze nicht nur die Differenzierung des Handels: "Durch unsere Regalplatzierungen bewegen wir die Konzerne zudem dazu, Zucker in ihren Produkten zu reduzieren", erklärte Neumann. Er versteht es auch als Aufgabe des Handels, Kunden durch das Angebot alternativer Produkte zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen.

Carola Knorr, Markting-Chefin bei Henkel, sieht bei der Verantwortung für mehr Nachhaltigkeit weitere Akteure in der Pflicht: "Die Verbraucher wollen zwar, dass Industrie und Handel die Probleme lösen." Doch: "90 Prozent des CO2-Fußabdrucks kommt von den Verbrauchern selbst", so Knorr. Henkel entwickle daher nun eine Kampagne, die zu nachhaltigerem Verhalten anregen soll. Der Leiter des Nachhaltigkeitsmanagements beim Naturkosmetikanbieter Weleda, Stefan Siemer, regte einen Praradigmenwechsel an: Weg von "weniger schlecht" und hin zu "mehr gut". So könne sich jeder fragen, ob er mit seinem Handeln der Resilienz der Umwelt diene, und den eigenen Kompass neu ausrichten.


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