Zuckerhut-Preisträger 2019: Gerhard Drexel Großer Gestaltungswille

von Gerd Hanke
Freitag, 08. November 2019
Der leidenschaftliche Unternehmer Gerhard Drexel vor der Salzburger Zentrale von Spar Österreich.
Hans-Rudolf Schulz
Der leidenschaftliche Unternehmer Gerhard Drexel vor der Salzburger Zentrale von Spar Österreich.
Gerhard Drexel ist Gesellschafter und Vorstandsvorsitzender der Spar Österreich. In dieser Rolle hat er das Handelsunternehmen über fast zwei Jahrzehnte geprägt und zu einem starken internationalen Konzern geformt. Er sagt, die Kraft zu ständiger Erneuerung und die gelebte Wertschätzungskultur sind maßgeblich für den Erfolg.

Spar-Chef Gerhard Drexel ist sofort auf Betriebstemperatur. Eine Aufwärmphase wäre nicht nötig gewesen. Zum Gesprächsstart sollten Begriffspaare dabei helfen, ihn aus der Reserve zu locken. Deshalb: Spannung oder Gelassenheit? Drexel sagt: "Beides gehört zum Leben. Ich kann gut abschalten und blitzschnell einschlafen." Vertrauen oder Kontrolle? Auch hier kein Entweder-Oder. Er erinnert an einen Satz Gertrud Höhlers: "Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser." Offensiv oder defensiv? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Eindeutig offensiv." Das passt. Die österreichische Presse beschreibt Drexel mal als "Kampfmaschine", mal als "Robin Hood". Mit beiden Begriffen hat der Vorstandschef keine Probleme. Er selbst bezeichnet sich als "Gerechtigkeitsfanatiker" und als "ein bisschen Sozial-Revoluzzer".

Die Dinge, die er im Sinne von Kunden, Spar und Gesellschaft für richtig und wichtig hält, verteidigt er ebenso vehement wie er "mit großem Nachdruck" Fehlentwicklungen in der EU, im kapitalistischen System oder in der Politik anprangert. Drexel wettert gegen Gen-Mais, Mikroplastik in Produkten oder zuletzt gegen das Freihandelsabkommen mit Mercosur. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund: Dem brasilianischen Präsidenten Bolsano "kann man kein Wort glauben". Es sind Themen wie diese, für die Drexel in den Ring steigt und die ihn zur Kampfmaschine mutieren lassen. Zuhause ist er das aber nicht, sagt der Familienvater schmunzelnd.

Erfolgreiche Epoche

Gerhard Drexel ist 64 Jahre alt. Über seine Zukunftspläne will der Spar-Chef nichts verraten: "Es kann so noch eine Weile weitergehen." Es gibt auch keinen naheliegenden Grund, etwas zu ändern. Drexel wirkt unvermindert agil und steckt voller Tatendrang. Dem Vorstand gehört er seit 1990 an. Seit 2001 ist er Vorstandsvorsitzender der Spar Österreichische Warenhandels-AG und Präsident der Vereinigung Österreichischer Spar-Kaufleute. Spar ist das einzige national tätige Handelsunternehmen, das sich komplett in österreichischem Besitz befindet. Der Kampf gegen Rewe/Billa, Aldi, Lidl und dm spornt den gesamten Vorstand an. Als Erfolgsfaktoren gelten unverändert: "Die Kraft zu ständiger Erneuerung, Stabilität und Kontinuität sowie der Verzicht auf ständige Kehrtwendungen."

Unter Drexels Ägide ist es dem Unternehmen in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, das In- und Auslandsgeschäft kontinuierlich und erfolgreich weiterzuentwickeln. Spar gilt als modern und innovativ. Neunmal in Folge riefen sich die Salzburger in Österreich zum Wachstumsführer aus. Der Marktanteil im Heimatland liegt bei etwa 32 Prozent, der Umsatz der gesamten Gruppe bei über 15 Milliarden Euro. Vier Nachkommen der Gründerväter und Eigentümer-Familien bilden heute den Spar-Vorstand. Es sind Gerhard Drexel, Fritz Poppmeier, Hans K. Reisch sowie Rudolf Staudinger. Jeder verantwortet seinen eigenen Geschäftsbereich. Das Zusammenspiel, so ist aus dem Umfeld zu hören, funktioniert gut, selbst wenn im Führungskreis öfters kontrovers diskutiert werde. Drexel spricht von "einer Glückskonstellation".

Wie er wurde, was er ist

Sein vor wenigen Wochen verstorbener Vater Luis Drexel ist einer der Baumeister der modernen Spar in Österreich. Die Drexels sowie weitere Spar-Großhänder heben im Jahr 1970 die neue AG aus der Taufe. Aus zehn Großhandlungen wird ein Unternehmen. Eine Beschäftigungsgarantie im Unternehmen besteht für die Nachkommen der Gründer nicht. Lediglich drei Sitze im Aufsichtsrat sind für die großen Familiengesellschafter festgeschrieben.

Daher ist der Weg für den jungen Drexel nicht vorgegeben. Der Vorarlberger aus Dornbirn schließt 1978 ein BWL-Studium an der Hochschule St. Gallen ab. 1980 promoviert er an der Universität Innsbruck über das Thema "Strategische Unternehmensführung im Handel" zum Doktor der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Bis 1983 ist Drexel in der Stabsstelle Unternehmensplanung der Coop Schweiz in Basel tätig. Danach arbeitet er bei Professor Fredmund Malik als Projekt- und Bereichsleiter am MZSG Management Zentrum St. Gallen. Das Projekt "Strategie 2000" seines Schweizer Arbeitgebers für die Spar Österreich führt ihn zurück in die Heimat. Der Vater hatte ihn vorher mehrmals gefragt, ob er nicht für Spar arbeiten wolle. Lange Zeit zögert Drexel. Er will seinen eigenen Weg gehen. 1989 ist die Zeit dafür reif, obwohl Spar ihm weniger als Malik zahlt. Der Händler nimmt Abschied von der Großhandelsfunktion und wird zu einer "kundengetriebenen Company". Um die Jahrtausendwende fällt die Entscheidung, ins Ausland zu gehen. Die Vision, "zum mitteleuropäischen Konzern zu wachsen", wird geboren.

Drexel hat trotz seiner Erfolge und der exponierten Position nie abgehoben. Ihm haftet nichts Dünkelhaftes an. Wie selbstverständlich fragt er Mitfeiernde bei einem Branchentreffen, ob er ihnen ein Bier oder einen Wein von der Bar mitbringen darf. Jene, die schon lange mit ihm zusammenarbeiten, sagen, er reklamiert für sich keine Sonderbehandlung. Er fährt für einen Termin im selben Zug wie die Spar-Kollegen und bezieht dasselbe Hotel. Drexel geht auf Menschen zu, spricht mit ihnen auf Augenhöhe.

Prägend für das Wertegerüst des Spar-Chefs sind zweifellos seine Eltern. Beide vermitteln ihm Bodenständigkeit, Menschenfreundlichkeit und Furchtlosigkeit. Und die Empfehlung, "sich selbst nicht zu ernst zu nehmen". Von seinem Vater habe er den Geschäftssinn geerbt und "den Drang zum Tor", wie er sagt. Von seiner Mutter stamme die Empfehlung, gegenüber Autoritätspersonen nicht zu viel Respekt an den Tag zu legen. Viele dieser Bausteine sind das solide Fundament, auf dem Drexel steht und sein Tun ausrichtet. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich selbst in Frage zu stellen. Eine Fähigkeit, die viele Führungskräfte nicht besitzen oder zu früh verlieren. Er sagt: "Jeder kann von jedem etwas lernen." Und man benötige große Ohren: "Man muss zuhören können."

Diese und andere zentrale Punkte hat der junge Drexel in den Unternehmensleitlinien bereits vor drei Jahrzehnten verankert: "Wir achten jeden einzelnen Mitarbeiter und wollen, dass er in seiner beruflichen Tätigkeit Erfolg hat." Zum Thema "Kompromisslose Kundenorientierung" heißt es: "Unsere treibende Kraft ist der Kunde. Wir wollen Kundennutzen stiften." Etwas später im Gespräch kommt Drexel noch einmal auf die Leitlinien zu sprechen. Das Wohl des Unternehmens stehe über allem. Und er ergänzt: "Ich weiß, das sagen viele, aber wir leben das jeden Tag konsequent." In die Wertschätzungsgemeinschaft bezieht Drexel ausdrücklich auch die Lieferanten der Spar mit ein. "Die Wertschätzungskultur ist wesentlich für unseren Erfolg", betont er. In diesem Kontext verweist er auf das Buch "Das Wunder der Wertschätzung" von Professor Reinhard Haller.

Gerhard Drexel wird durch viele Faktoren geprägt. Es ist das Demokratieverständnis eines Karl R. Popper, die Sinnlehre eines Victor Frankl oder die Erkenntnis des Arztes Johannes Huber, wonach der Mensch mehr als die Summe seiner Organe ist ("Der holistische Mensch"). Er nennt andere wichtige Bezugspersonen wie den Unternehmensberater Malik, der ihm vermittelt habe, dass jede Theorie grau und wie wichtig ein ganzheitlicher Managementansatz ist. Den Benediktinermönch und Therapeuten Johannes Pausch vom Kloster Gut Aich hebt der Vorstandschef ebenfalls heraus. Mit ihm sind die Spar-Marken "Für die Seele" entstanden. Das ist ein Thema, bei dem Drexel aufblüht. Es geht um die Rückbesinnung auf handwerkliche Kunst und gute, gesunde Ernährung. Darauf setzt Spar schon länger.

Die „Lust am Besonderen“ zelebriert Drexel. Dafür geht er gerne in die Offensive. Dabei offenbart sich eine weitere seiner Stärken. Mediale Botschaften über die knapp 1000 Spar-Marken bringt er authentisch und unermüdlich an Mann und Frau. Es gibt wohl keinen Vorstandschef im Handel, der mit kleinen Lieferanten, innovativen Produkten und Eigenmarken so oft wie Drexel vor die Kamera tritt. Dass er ein feines Gespür fürs Marketing besitzt, ist kein Geheimnis.

Ungebrochene Leidenschaft

Drexels Triebfeder ist die ungebrochene Leidenschaft, Dinge zu gestalten und zu verändern. Das vermittelt ihm Sinn. Sein post-hierarchischer und empathischer Führungsstil hilft ihm dabei, nicht in die Durchschnittlichkeitsfalle zu tappen. Der Slogan der Spar: "Alles, außer gewöhnlich" versinnbildlicht diese Haltung. Drexel glaubt an Evolution und Attraktivität durch Differenzierung. Der ständige Prozess spiegelt sich im Auftritt der unterschiedlichen Spar-Märkte wider.

Am Gesprächsende überreicht der Spar-Chef seinem Gast einen Geschenkkorb. Dieser ist bis zum Rand gefüllt mit Marken aus dem Hause Spar. Zu jedem Produkt, seiner Herkunft und dem Geschmackserlebnis weiß er etwas zu sagen. Drexel ist in seinem Element.

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