Flexibler Personaleinsatz: Handlungsbedarf be...
Flexibler Personaleinsatz

Handlungsbedarf bei Minijobs

Flexibel einsetzbar: In Discount-Filialen sind Minijobber eine feste Größe im Team.
Flexibel einsetzbar: In Discount-Filialen sind Minijobber eine feste Größe im Team.
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Flexibler Personaleinsatz
Handlungsbedarf bei Minijobs
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Beim Thema Minijob gibt es Befürworter und Gegner. Einig sind sich beide Seiten darin, dass eine Aktualisierung des Beschäftigungsmodells ansteht.

Das Konzept der Minijobs ist in die Jahre gekommen. 2003 noch als 400-Euro-Jobs eingeführt, sollten sie den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern, für Flexibilität mit weniger bürokratischem Aufwand sorgen und in manchen Bereichen der Schwarzarbeit entgegen wirken. Teilweise wurden diese Ziele erreicht, hieß es in einer Anhörung zur Zukunft der Minijobs im Ausschuss für Arbeit und Soziales am Montag vergangener Woche. Die dafür eingereichten Anträge reichen von der Abschaffung und Überführung in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse bis zur deutlichen und künftig dynamischen Erhöhung der Verdienstgrenze.

Durch pauschale Abgaben von bis zu 31,51 Prozent ist das Modell für Arbeitgeber zwar durchaus teuer, doch in vielen Fällen überwiegen die Vorteile. Und für die geringfügig beschäftigten Mitarbeiter ist das Netto-gleich-Brutto-Einkommen vielfach überzeugend. 2013 wurde die Grenze dafür auf 450 Euro erhöht. Doch mit der Einführung des Mindestlohns 2015 und seiner schrittweisen Erhöhung, verringert sich in vielen Fällen das mögliche Arbeitszeitvolumen kontinuierlich.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) bezeichnet die Anhebung der Einkommensschwelle auf 600 Euro als "überfällig", um der Branche die nötige Flexibilität zu erhalten. Der Handel ist neben dem Gastgewerbe eins der Haupteinsatzgebiete für Minijobber. Zwar hat die Branche ihren Anteil seit etlichen Jahren immer weiter zugunsten sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse reduziert. Dennoch sei dieser entscheidend, um Stoßzeiten und saisonale Schwankungen abfedern zu können.

"Minijobs spielen bei uns vor allem in der umsatz- und frequenzstarken Weihnachtszeit eine Rolle", bestätigt eine Unternehmenssprecherin von Douglas. "Sollte diese Beschäftigungsform aufgehoben werden, würde das unsere Flexibilität, auf Spitzen im Weihnachtsgeschäft zu reagieren, sehr beeinflussen." Insbesondere der Lebensmitteleinzelhandel setzt sie ganzjährig im Verkauf zur Warenverräumung ein. "Grundsätzlich spielen Aushilfen im Rahmen unseres Filialkonzepts eine große Rolle", teilt Aldi Süd mit. Bei anderen Discountern ist das ähnlich. Auch die den Handel unterstützenden Instore-Logistiker bauen stark auf Minijobs.

Minijobs werden gezielt gesucht

Der HDE betont, dass gezielt nach der sozialversicherungsfreien Beschäftigung gesucht wird. "Der Minijob ist zur Marke geworden", sagt Steven Haarke, HDE-Geschäftsführer Arbeits-, Sozial- und Tarifrecht. Eine aktuelle Analyse der Jobplattform Stepstone gibt ihm Recht: Das Suchwort Minijob gaben im vergangenen Jahr 91 Prozent mehr Menschen bei dem Portal ein als im Vorjahr. Haarke möchte verhindern, dass sich die Attraktivität des Modells verringert: "Minijobber verfügen wegen der jährlich steigenden Verbraucherpreise über immer weniger Kaufkraft."

Wer aktuell die Grenze von 450 Euro Verdienst überschreitet, rutscht automatisch in einen so genannten Midijob. Dieser ist weniger stark subventioniert, weniger bekannt und wohl auch weniger beliebt, denn ab dem ersten Cent über der Grenze werden Abgaben auf das gesamte Gehalt fällig. Trotz höherem Bruttoverdienst bleibt netto weniger übrig. Midijobs sind der Übergang vom Minijob in eine reguläre Beschäftigung. Das Gehalt liegt zwischen 450,01 und 1 300 Euro.

Auch Kritiker stören sich an der starren 450-Euro-Grenze: An ihr würden Beschäftigte "hängen bleiben". Sie verhindere regelrecht den Übergang zu existenzsichernden Beschäftigungsverhältnissen, weil es sich nicht lohnt, schrittweise die Arbeitszeit aufzustocken. Überwiegend sind Frauen betroffen und somit schlecht abgesichert. "Es ist nicht vernünftig, gering bezahlte Jobs zu begünstigen", sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Zudem würde die Wirtschaft an Flexibilität gewinnen, wenn die Übergänge fließend sind." Wenig Verständnis hat er auch dafür, dass ein Minijob abgabenfrei bleibt, wenn er als Nebenjob ausgeübt wird.

Geringfügig beschäftigt
•Im Handel arbeiten rund
3 Mio. Menschen. Die Zahl der Minijobber ist hier um 22 000 auf 790 000 zurückgegangen (Stichtag 30.06.20)
•In Deutschland gibt es insg. 7,06 Mio. geringfügig Beschäftigte (vorl. Statistik zum 30.11.20)
•2,9 Mio. davon nutzen den Minijob als Nebenjob, für 4,16 Mio. ist es das einzige Einkommen

In der Corona-Krise haben sich diesbezüglich neue Facetten ergeben: Zwar sind Minijobber die ersten gewesen, deren Einkommen weggebrochen ist, weil sie keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben. Andererseits wurde aber anderen Beschäftigten, die sich in Kurzarbeit befinden, zugestanden einen Minijob anzunehmen, um ihr vermindertes Gehalt aufzubessern, ohne dass dies auf das Kurzarbeitergeld angerechnet wird. Aldi hat sich diesen Ansatz zu eigen gemacht und im ersten Lockdown im Rahmen der "Anpacker-Kampagne" mehr als 3 000 Mitarbeiter neu eingestellt. "Das waren vorrangig geringfügig Beschäftigte", erläutert eine Sprecherin von Aldi Süd. Viele davon hatten ihren Aushilfsjob in der Gastronomie verloren.

Auch bei dm-Drogeriemarkt hat man den gestiegenen Personalbedarf zu Beginn der Krise teils mit geringfügig Beschäftigten gedeckt. Inzwischen habe sich die Zahl wieder auf Vorjahresniveau eingependelt, berichtet dm-Geschäftsführer Christian Harms. Systemrelevant scheinen Minijobs nicht überall zu sein: "Das Thema spielt in unserem Bereich keine dominante Rolle", teilt ein Unternehmenssprecher von Mediamarkt-Saturn mit. Bei Kaufland betont man ebenfalls den geringen Anteil unter den Beschäftigten: "Minijobs sind für uns kein Steuerungsinstrument der Personalpolitik. Mögliche Veränderungen der Modalitäten, hätten bei uns kaum bemerkbare Auswirkungen."



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