Rückkehr ins Büro: Zugangsregeln für mehr Prä...
Rückkehr ins Büro

Zugangsregeln für mehr Präsenz

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Nachweispflichten: In der Pizzeria wird der Infektionsschutz der Besucher derzeit strenger kontrolliert als bei der Arbeit.
Nachweispflichten: In der Pizzeria wird der Infektionsschutz der Besucher derzeit strenger kontrolliert als bei der Arbeit.
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Rückkehr ins Büro
Zugangsregeln für mehr Präsenz
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Im Frühsommer weckte die Impfkampagne noch große Hoffnungen, dass Corona bald kein großes Thema mehr ist. Doch gerade im Arbeitsleben haben sie sich nicht erfüllt. Kino- und Restaurantbesitzer haben momentan mehr Klarheit als Arbeitgeber, wie man den Präsenzbetrieb im Herbst sichert.

Um zum Essen, Schwimmen oder Haareschneiden zu gehen, muss man seit dem 23. August geimpft, genesen oder getestet sein, haben Bund und Länder bei ihrem letzten Treffen vereinbart. Konzertveranstalter oder Fußballvereine wie der 1. FC Köln gehen noch weiter. Sie wollen freiwillig "2G" als Einlassregel etablieren, um mit erhöhter Sicherheit einen neuen Lockdown abzuwenden.

Deutlich laxer als in der Freizeit fallen derzeit die Zugangsregeln für die Arbeitszeit aus: Seit dem Ende der Homeoffice-Pflicht im Juni müssen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern lediglich zwei kostenlose Schnelltests pro Woche anbieten. Das stärkt nicht unbedingt das Vertrauen der Mitarbeiter in den Präsenzbetrieb, zumal die Infektionszahlen steigen. Aber: Der Datenschutz (DSGVO) verbietet Arbeitgebern, Mitarbeiter zu fragen, ob sie eine Corona-Erkrankung bereits überstanden haben oder ob sie geimpft sind. "Eigentlich wäre das auch nur dann relevant, wenn sich die Schutzmaßnahmen für die beiden Gruppen unterscheiden würden. Das trifft jedoch in punkto Maskenpflicht, Abstände etcetera gemäß Sars-Cov2-Arbeitsschutzverordnung und -regeln nicht zu", erläutert Annegret Balzer, Fachanwältin für Arbeitsrecht bei Kleiner Rechtsanwälte in Stuttgart.
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Bleibt die Frage nach den immerwährenden Fürsorgepflichten eines Arbeitgebers: Muss er nicht den Geimpften Schutz gewähren vor den Ungeimpften? Oder den Ungeimpften Homeoffice oder ein Einzelbüro anbieten, weil sie einen höheren Ansteckungsschutz benötigen?

Faktisch kann der Arbeitgeber keine Unterscheidung vornehmen, weil er nicht weiß, wer zu welcher Gruppe gehört. In Österreich ist das anders "Hier darf der Arbeitgeber fragen, ob jemand geimpft ist oder nicht, da er ja auch verpflichtet ist, entsprechende Vorsorgemaßnahmen zu treffen", sagt Nicole Berkmann, Sprecherin bei Spar. "Bei uns sieht das so aus, dass wir nach Ende unserer eigenen betrieblichen Impfung im Mai/Juni angefangen haben, alle Mitarbeitenden wieder aus dem Homeoffice in die Zentralen zurückzuholen. Die Ungeimpften müssen nachweisen, dass sie getestet sind, dann dürfen sie ohne Maske im Büro sitzen. Wenn sie nicht getestet sind, gilt Maskenpflicht. Die Genesenen und Geimpften dürfen im Büro ohne Maske arbeiten."

Politisch korrekt ist hierzulande das Plädoyer für Impffreiheit und die Gleichbehandlung aller Mitarbeiter: "Die Schwarz-Gruppe sieht das Impfen als wichtigen Baustein in der Pandemiebekämpfung an. Wir weisen in diesem Kontext jedoch ausdrücklich auf die Freiwilligkeit der Impfung hin", heißt es etwa in Neckarsulm. Derzeit befinde sich die Schwarz-Gruppe in einer Wiederanlaufphase, in der für Bürotätigkeiten grundsätzlich weiterhin gilt, bevorzugt mobil zu arbeiten. "Zu welchem Zeitpunkt und in welchem Umfang eine Rückkehr der Mitarbeiter ins Büro im Regelbetrieb möglich sein wird, wird auf Basis des Infektionsgeschehens und der jeweiligen Corona-Regelungen von Bund und Ländern entschieden."

Fazit: Vom Impffortschritt und den Regel-Lockerungen im Sommer haben Arbeitsabläufe bislang wenig profitiert. So zählt Coca-Cola bei der Frage nach dem Nutzen der Impfkampagne vor allem externe Rahmenfaktoren auf: "Die Impfkampagne hat dazu beigetragen, dass die Infektionszahlen zurückgegangen sind und aktuell deutlich weniger schwere Krankheitsverläufe verzeichnet werden." Darüber hinaus wären die schrittweisen Lockerungen und die Öffnung im Außer-Haus-Markt in der jetzigen Form wohl nicht möglich gewesen.

Die Büropräsenz hat das nicht nach vorne gebracht, obwohl immer mehr Unternehmen darüber sprechen, was ihnen durch den andauernden Remote-Modus verloren geht: Teamgeist, Kreativität, Unternehmenskultur. Sie motivieren ihre Mitarbeiter zur grundsätzlichen Rückkehr in die Büros durch Zugeständnisse wie zwei bis drei Homeofficetage pro Woche.
„Es würde uns sehr helfen, wenn wir eine Impfabfrage machen könnten“
Anja Göritz, Globus Fachmärkte

Warum die Rückkehr trotz Hygienekonzepten schleppend verläuft – siehe Schwarz-Gruppe – hat nicht nur mit Work-Life-Balance zu tun. "Die Mitarbeiter haben verschiedene Motive fürs Homeoffice. Die Sorge vor Ansteckung gehört dazu", sagt Anja Göritz, Leiterin Personalmanagement und Arbeitsrecht in der Zentrale von Globus Fachmärkte. "Trotz erfolgserprobter Hygienekonzepte würde es uns schon sehr helfen, wenn wir eine Impfabfrage machen könnten", sagt die Juristin ganz offen. In Fachkreisen würde gerade diskutiert, ob Gesundheit nicht ein höheres Gut sei als Datenschutz. Bei wichtigen Präsenzmeetings mit mehr als fünf Personen setze Globus Baumarkt jetzt schon 3G voraus – auf Vertrauensbasis versteht sich: "Die Teilnehmer müssen getestet, geimpft oder genesen sein, das aber nicht nachweisen."

Online-Parfümversender Flaconi hat für die stufenweise Rückkehr in die Berliner Zentrale ein noch weiter gehendes Konzept entwickelt: 30 Prozent der Büros dürfen derzeit belegt werden, allerdings nur mit 3G-Nachweis. "Der Nachweis über eine Genesung oder Impfung ist selbstverständlich freiwillig, allerdings ist ohne ihn am Empfang ein tagesaktueller Antigen-Test durchzuführen oder zu belegen", erklärt Anjuli Mauer, Head of People & Culture bei Flaconi.

Steigt die Infektionsrate weiter, kann sich Annegret Balzer vorstellen, dass die Homeoffice-Pflicht als Notlösung wiederkehrt. Aber vielleicht hat das Bundesarbeitsministerium auch andere ganz andere Ideen bei der bis 11. September angekündigten Anpassung der Corona-Arbeitsschutzverordnung. Dass Unternehmen weiter Gratis-Tests anbieten müssen, ist unwahrscheinlich. Schließlich sollen Bürgertests ab 11. Oktober Geld kosten.



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