Ausbildung 2022: Nachwuchs auf allen Kanälen ...
Ausbildung 2022

Nachwuchs auf allen Kanälen gesucht

Lidl, Aldi Nord, Netto Markendiscount, Globus
Ein guter Griff: Mit einer Ausbildung im Handel beginnen viel Karrieren
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Nachwuchs auf allen Kanälen gesucht
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Noch ist das Rennen nicht (ganz) gelaufen – die Suche nach Auszubildenden im Handel läuft auf Hochtouren. Auch nach dem offiziellen Starttermin sind Bewerber willkommen. Denn nach wie vor werden Auszubildende händeringend gesucht. Vor allem ist Nachwuchs für das Lebensmittelhandwerk und die Fachtheke gefragt.

Die Corona-bedingten Wanderungsbewegungen der Beschäftigten, von denen der Handel profitierte, scheinen die Lage am Ausbildungsmarkt etwas entspannt zu haben. Auch wenn nach wie vor eine deutliche Lücke zwischen Angebot und Nachfrage klafft, sind die von der LZ befragten großen Handelsunternehmen insgesamt optimistisch, was die Besetzung der Ausbildungsstellen betrifft. "Wir profitieren davon, dass bei den Ausbildungsinteressierten der Wunsch nach einem (krisen-)sicheren Arbeitgeber an Bedeutung gewonnen hat", heißt es etwa bei Rewe. "Wir sind uns sicher, dass wir unsere Plätze gut besetzt bekommen." 3 000 Ausbildungsplätze bietet der Konzern insgesamt in diesem Ausbildungsjahr, das je nach Bundesland am 1. August oder 1. September startet.

"Viele junge Menschen haben sich bewusst für einen sicheren und zukunftsfähigen Ausbildungsplatz im LEH entschieden", so auch die Erfahrung bei Edeka. Der Verbund bietet insgesamt mehr als 6 000 Stellen für den Nachwuchs in rund 40 Ausbildungsberufen. Aktuell verspüre man allerdings einen leichten Rückgang an Bewerbungen, da auch Touristik und Nonfood-Handel verstärkt suchen. Ob alle freien Stellen besetzt werden können, lasse sich deshalb noch nicht sagen. Das hänge auch stark von der Region und dem Standort ab, so Metro. Der Großhändler bietet 250 Stellen und beobachtet "etwas geringere" Bewerberzahlen als im Vorjahr.

Die Bewerberlage ist quantitativ sehr gut, heißt es dagegen bei Aldi Süd. Allerdings habe die Qualität der Bewerbungen weiter abgenommen, so der Discounter. "Aktuell gehen wir dennoch davon aus, die Ausbildungsstellen weitestgehend besetzen zu können." Rossmann verzeichnet eine Abnahme der Bewerbungen hinsichtlich Qualität und Quantität, auch wenn der Drogerie-Filialist den Großteil der 710 Ausbildungsplätze (davon 670 im Verkauf) schon besetzen konnte.

Bei Globus rechnet man damit, von den 300 angebotenen Stellen einen Großteil besetzen zu können. Eine besondere Herausforderung sei es, junge Menschen für die handwerklichen Berufe, sprich Metzgerei und Bäckerei zu gewinnen. Um den Kreis der Zielgruppe zu vergrößern, offerieren Globus und Rewe die Möglichkeit der Ausbildung in Teilzeit.



Discounter Lidl bietet 3 500 jungen Talenten eine Ausbildungsstelle oder ein Duales Studium an. Norma konnte von den mehr als 900 Ausbildungsplätzen, die zur Verfügung stehen, bisher rund 80 Prozent besetzen. Kaufland hat ebenfalls schon "viele Stellen" besetzt, so der Großflächenspezialist, der insgesamt 1 800 Plätze für den Nachwuchs zu vergeben hat.

Eine Ausbildungsdelle in den vergangenen Corona-Jahren hat es für Alnatura nicht gegeben. Im Gegenteil, die Jahrgänge 2020 und 2021 waren ausbildungsstark so der Bio-Händler, der aktuell 100 Plätze offeriert und mit der Bewerberlage zufrieden ist. Hornbach sucht 330 Auszubildende, "so viele wie nie", so der Baumarktbetreiber. Amazon hat zwei Drittel der geplanten 100 Ausbildungsverträge schon unter Dach und Fach. "Wir freuen uns auf weitere Bewerbungen in den Bereichen Mechatronik oder Fachinformatik für Systemintegration", so der Online-Händler.



Um bei den jungen Menschen zu punkten, legen viele Händler bei der Ausbildungsvergütung drauf und überschreiten die 1 000 Euro-Schwelle für das erste Ausbildungsjahr, was sie beim Gehalt zumindest konkurrenzfähig macht zu beliebten Branchen wie Banken, Versicherungen und der Metallindustrie. Lidl und Aldi zahlen dem Nachwuchs 1 100 Euro im ersten Jahr, Globus 1 050 Euro und Kaufland 1 000 Euro.

Laut Bundesinstitut für Berufsbildung erhalten angehende Kaufleute im Einzelhandel und Verkäuferinnen im ersten Ausbildungsjahr im Schnitt eine tarifliche Ausbildungsvergütung von 926 Euro in Westdeutschland und 870 Euro in Ostdeutschland. Der Einzelhandel rangiert damit im Mittelfeld der Ausbildungsvergütungen aller Branchen.

Betriebe haben die Zahl der Ausbildungsstellen wieder erhöht, auch wenn das Niveau wie vor Corona nicht erreicht wird, so die gute Nachricht zur Zahlenlage aus der Bundesanstalt für Arbeit (BA). Die schlechte Nachricht für die Unternehmen: Die Bewerberzahlen sind seit 2017 rückläufig; ein Trend, der sich in diesem Jahr "etwas abschwächt." Was heißt das für die Handelsbranche? Im Monat Juli gab es noch 18 380 bei der BA gemeldete unbesetzte Ausbildungsstellen für Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel, dreimal so viele wie es unversorgte Bewerber gibt (knapp 6 000). Bei Verkäufer/in ist das Verhältnis etwas besser, aber auch hier sind noch 17 970 Stellen offen. Beim Handelsfachwirt, der Ausbildlung, die sich an Abiturienten richtet, sind noch über 7 300 Stellen unbesetzt. Auch bei den Ausbildungsplattformen wie Aubi.plus, Ausbildung.de und Azubiyo, Dienstleister in Sachen Azubi-Rekrutierung, schreibt der Handel aktuell noch Tausende offene Ausbildungsstellen aus.

"Wir gehen davon aus, dass sich die Stellenbesetzung in diesem Jahr erneut bis weit in den Herbst hineinziehen wird", so Katharina Weinert, HDE-Abteilungsleiterin für Bildungspolitik und Berufsbildung. Seiteneinsteiger, Studienabbrecher und Aushilfen werden gezielt angesprochen, um sie für eine Ausbildung zu gewinnen. Die beiden Kernberufe im Handel sind nicht nur die meistangebotenen bei der BA und auf den Portalen, sondern auch die beliebtesten. Und zwar bei jungen Frauen und Männern gleichermaßen. Spitzenreiter ist der dreijährige Beruf Kaufleute im Einzelhandel, dicht gefolgt vom zweijährigen Ausbildungsberuf Verkäufer. Aufgerückt in der Beliebtheitsskala ist der Kaufmann/Kauffrau im E-Commerce, eine Ausbildung, die erst seit 2018 existiert.

Doch trotz der Beliebtheit der Handelsberufe scheinen die Unternehmen die Bewerberinnen und Bewerber nicht gut mit den Botschaften vom attraktiven Arbeitsplatz mit schnellen Aufstiegsperspektiven zu erreichen. Schöpfen die Betriebe ihre Möglichkeiten zur Ansprache der Schulabgänger aus? Nein, lautet das Fazit einer Studie von Uform, einem Dienstleister in Sachen Ausbildung, der über 5 000 Azubis und 1 500 Ausbildungsverantwortliche befragte. Demnach nutzen 83 Prozent der Azubi-Bewerber die Suchmaschine Google, um sich zu informieren, aber nur 22 Prozent der Ausbildungsverantwortlichen sind hier aktiv. Deshalb sei Suchmaschinenoptimierung angesagt, damit die Stellenanzeigen überhaupt gefunden werden. Auch die Bewertungsplattform Kununu werde vermehrt von den Jugendlichen zu Rate gezogen.



"Die Frage ist eher, auf welchen Kanälen sind wir nicht", heißt es bei Globus zur richtigen Ansprache. Es gibt beim Azubi-Recruiting nicht den einen Königsweg, so auch die Einschätzung bei Aldi Süd. "Was sich für uns bewährt hat, ist ein Cross-Channel-Ansatz. Wir sind auf Karrieremessen und auf Schulevents vertreten, nutzen diverse Arbeitgeberportale, Social-Media-Kanäle und Bannerschaltung in Lernplattformen, wir kontaktieren und informieren Schulen, werben an verschiedenen Touchpoints in allen Filialen, kooperieren mit Influencern und machen Werbung in der Lebensrealität der Schüler wie Sportvereine, Jugendzentren, Schwimmbäder und Bowling Center", so eine Pressesprecherin von Aldi Süd. So oder so ähnlich antworten alle Händler, befragt nach den Zugangswegen zur Zielgruppe. Plattformen wie Facebook und TikTok sind kein Tabu, auch wenn die Jugendlichen dort privat unterwegs sind. Für Edeka Minden-Hannover ist in der realen Welt der Talente Truck unterwegs, der an Schulen haltmacht.

Betont wird von allen Unternehmen, wie wichtig die direkte Werbung durch Mitarbeiter ist. Auf fast jeder Karriereseite der Händler werben Auszubildende als Botschafter für "ihr" Unternehmen. "Mitarbeiter sind die besten Werbeträger", so Weinert.

Eine authentische, glaubwürdige Kommunikation ist der Generation Z (18 bis 25 Jahre) nämlich wichtig, neben einem sinnstiftenden Job und einem gesunden Arbeitsklima. Das zeigt auch die Randstad-Studie Workmonitor 2022: Für Dreiviertel der Befragten ist die Arbeit im Leben wichtig, gleichzeitig ist "Glück" und zwar auch im Job ein grundlegendes Motiv. Sie haben zudem ein großes Lerninteresse: 88 Prozent wollen die Entwicklungsprogramme nutzen, die ihnen zur Verfügung stehen.

"Bei jungen Beschäftigten muss heute das Gesamtpaket stimmen. Die meisten achten bei ihrem zukünftigen Arbeitgeber auf ein höheres Gehalt und eine gute Unternehmenskultur. Sie wollen eine Aufgabe, die zu ihnen passt und die sie in ihrer Entwicklung weiterbringt", sagt Frank Hassler, Vorstand der New Work SE, zu der das Netzwerk Xing gehört. Und für Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), ist zudem klar, dass wir "dringend darauf hinwirken müssen, die berufliche Bildung attraktiver zu gestalten, um mehr junge Menschen von einer Ausbildung zu überzeugen." Ein Faktor zur Steigerung der Attraktivität könnten Auslandsaufenthalte während der Berufsausbildung sein.

Der HDE fordert von der Politik mehr Aufmerksamkeit für die berufliche Bildung. Aber auch die Unternehmen seien gefordert, die Attraktivität einer dualen Ausbildung deutlicher zu kommunizieren. Denn die Chancen auf einen krisensicheren Job, selbstständiges Arbeiten und den schnellen Aufstieg seien im Handel sehr gut. "Über 80 Prozent der Führungskräfte im Einzelhandel haben ihre Karriere mit einer Ausbildung begonnen", sagt HDE-Bildungsexpertin Weinert. Bei Hornbach beispielsweise sind zwei von sechs Vorständen auch in dem Unternehmen in den Beruf gestartet.



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