Branchenrundruf zum Mindestlohn : Intern is...
Branchenrundruf zum Mindestlohn

Intern ist der Stundensatz oft höher

Fotos: v.l. Kai Mehn, Gerd Hanke, Bert Bostelmann
Arbeît hat ihren Preis: Ab 1.10.22 liegt der jährliche Mindestlohn bei rund 25.000 Euro.
Arbeît hat ihren Preis: Ab 1.10.22 liegt der jährliche Mindestlohn bei rund 25.000 Euro.
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Branchenrundruf zum Mindestlohn
Intern ist der Stundensatz oft höher
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Als wäre die Inflation nicht schwierig genug, wird sich auch der gesetzliche Mindestlohn am 1. Oktober innerhalb eines Jahres um 22 Prozent erhöht haben. Manche Arbeitgeber beklagen die herbe Verteuerung, andere denken darüber nach, wie sie Geringverdiener weiter entlasten können.

"Für uns als produzierendes Unternehmen kommt der Anstieg auf 12 Euro zum denkbar schlechten Zeitpunkt", sagt Hermann Bühlbecker, Alleingesellschafter der Lambertz-Gruppe. Die Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität leide aktuell unter einem nie dagewesenen Kosten-Tsumani. Andere Unternehmen wie The Family Butcher haben die Erhöhung antizipiert und müssen zum Stichtag keine Veränderung vornehmen. Insgesamt, erklärt Sabine Sabet, Hauptgeschäftsführerin ANG, würden in der Ernährungsindustrie nur fünf Prozent der Mitarbeitenden nach Mindestlohn bezahlt. Allerdings würden nun Rufe nach Anpassung in den unteren Lohngruppen lauter. Großbäcker Aryzta hat schon verkündet, den Grundlohn der untersten Tarifgruppe von 12 Euro am 1.1.23 anzuheben.

Im Handel zahlen viele der großen Filialisten bereits jetzt mindestens die 12 Euro, die ab dem 1. Oktober als Bruttostundenlohn gefordert sind. Die Suche nach qualifiziertem Personal sorgt für Beweglichkeit. "Viele Arbeitgeber haben bereits einen unternehmensinternen Mindestlohn etabliert, der oberhalb des gesetzlichen liegt", beobachtet Nicole Fischer, Vergütungsexpertin bei Willis Towers Watson.



Neuigkeiten hat kurz vor dem Stichtag Amazon: Der Online-Händler will den internen Mindestlohn für alle Logistikmitarbeiter in Deutschland auf "13 Euro brutto aufwärts" (inklusive Bonus- und Jahressonderzahlung) erhöhen, und zwar sofort. "Wir befinden uns im Austausch mit den zuständigen Betriebsräten, um diesen Vorschlag umzusetzen", heißt es aus dem Unternehmen. Schon vor der anstehenden Lohnerhöhung habe niemand im Amazon Netzwerk unter 12 Euro pro Stunde verdient. Bei Mitbewerber Zalando ist keine Anpassung infolge des erhöhten Mindestlohns erforderlich, so das Unternehmen. "Wir überprüfen unsere Vergütungsstrukturen regelmäßig und passen diese entsprechend an."

Aus dem stationären Handel kommen ähnliche Rückmeldungen: "Die Anhebung der untersten Lohngrenze hat keine Auswirkungen auf die Vergütung", heißt es bei Hornbach. "Aufgrund der starken Teamleistung im vergangenen Jahr und mit Blick auf die aktuell steigenden Lebenshaltungskosten haben wir uns in diesem Jahr bewusst einen Handlungsrahmen gegeben, der über den Tarifabschlüssen der Tarifpartner liegt", sagt Jochen Braun, Mitglied der Hornbach-Geschäftsleitung. Alnatura hat seit zwei Jahren einen internen Mindestlohn von 13 Euro. Die Discounter Aldi Nord, Aldi Süd und Lidl erhöhten den Mindesteinstiegslohn bereits zum 1. Juni 2022 auf 14 Euro, Norma tut dies ab Oktober. Um die hohe Inflationsrate etwas abzufedern, vergibt Aldi von Juni bis Oktober monatlich Einkaufsgutscheine in Höhe von 50 Euro an seine Mitarbeiter.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzt, dass branchenübergreifend derzeit rund sechs Millionen Menschen mit einem Bruttostundenlohn von weniger als 12 Euro entlohnt werden. Geringfügig Beschäftigte sind zu 70 Prozent betroffen, sozialversicherungspflichtig Beschäftigte nur zu 13 Prozent. Bezogen auf die Wirtschaftszweige macht das IAB vor allem das Gastgewerbe und die Land-und Forstwirtschaft als Problemfälle aus. Wer in der Konsumgüterbranche betroffen ist, hat die Bewertungsplattform Kununu ermittelt: Demnach liegen 69 Prozent der Bäckerei-Verkäuferinnen und -Verkäufer sowie 41 Prozent der Kassiererinnen im Einzelhandel unter dem Mindest-Jahreslohnniveau von rund 25.00 Euro. Lagermitarbeiter (18 Prozent) und Facharbeiter in der Produktion seien wesentlich weniger betroffen (8,2 Prozent), so das Ergebnis.


Nicole Fischer, Vergütungsexpertin bei WTW
WTW, h
Nicole Fischer, Vergütungsexpertin bei WTW

"Die schrittweise Erhöhung von 9,82 Euro auf 12 Euro liegt deutlich über den 3,5 Prozent durchschnittlicher Gehaltserhöhung, die wir branchen- und positionsübergreifend für das Jahr 2022 beobachten", sagt Fischer von WTW. Doch vor dem Hintergrund, dass die erhöhte Inflation die Bezieher niedriger Löhne stärker trifft als Mitarbeiter auf höheren Vergütungsniveaus, erscheint ihr dies angemessen.

Solange weiter Personalnot herrscht, sind Arbeitgeber gut beraten, einen Ausgleich zu finden zwischen den eigenen Nöten durch Inflation und stark steigenden Energiepreisen und denen ihrer Mitarbeiter. Der von der Regierung ins Spiel gebrachte steuer- und abgabenfreie Inflationsbonus von bis zu 3 000 Euro könnte dazu beitragen. Rossmann will ihn nutzen. "Wir haben eine Sonderzahlung vorgesehen, wollen uns aber erst dazu äußern, wenn die Rahmenbedingungen feststehen." Ein temporärer Kostenausgleich sei besser als eine langfristige Lohnerhöhung, lobt die ANG, "auch wenn nicht alle in der Lage sein werden, diesen zu zahlen", so Stefanie Sabet. Weniger froh ist sie über das geplante Bürgergeld: "Als Arbeitgeberverband sind damit durchaus Sorgen verbunden, dass der Staat die Anreize für Arbeit weiter absenkt und damit der Fachkräftemangel verschärft wird."



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