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Flexibel Arbeiten

Vier-Tage-Woche im Probelauf

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Arbeitszufriedenheit: Steigt mit der Möglichkeit, seine Arbeitszeit flexibel zu gestalten.
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Vier-Tage-Woche im Probelauf
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Eines der größten Pilotprojekte für Arbeitszeitverkürzung mit Tausenden von Mitarbeitern aus diversen Ländern geht im Juni an den Start. Es wird ein halbes Jahr dauern. Dabei soll vor allem herausgefunden werden, ob ein gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit möglich ist, ohne dass die Produktivität leidet.

Ein großer transatlantischer Praxistest in Sachen Arbeitszeitverkürzung startet dieser Tage. Über 60 Unternehmen aus Großbritannien, sechs aus Irland und 38 Unternehmen aus den USA und Kanada werden versuchshalber die Vier-Tage-Woche einführen, was einer 20-prozentigen Reduzierung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich entspricht.

In die Wege geleitet wurde das Pilotprojekt von der Non-Profit-Organisation 4 Day Week Global. Die Durchführung liegt in den Händen der Kampagnen-Gruppe 4 Day Week UK und dem Automony Thinktank. Die wissenschaftliche Begleitung koordinieren die britischen Universitäten Cambridge und Oxford sowie das Boston College in den USA. Im April und Mai wurden die partizipierenden Unternehmen für den Versuch vorbereitet und im Juni fiel der Startschuss.

Teilnehmer des Mega-Projekts sind unter anderem Marketing-Unternehmen, Software-Entwickler, Eventmanagementfirmen, Personalrecruiter, ein Kosmetik- und ein Reinigungsmittelhersteller, ein Verpackungsspezialist, ein Verlagsunternehmen sowie ein Fish-und Chips-Shop. Supermarkt-Filialisten und Gastronomie-Franchise-Unternehmen sind nicht in den Versuch integriert. Der LEH-Branche am nächsten sind Online-Buchhändler Bookishly und Reinigungshersteller Neatclean, die die verkürzte Arbeitszeit testen wollen.

In dem Pilot-Projekt geht es erklärtermaßen darum, herauszufinden, wie eine Vier-Tage-Woche für Branchen aussieht, die auf Kundenkontakt angewiesen sind, erläutert Professor Brendan Burchell von der Universität Cambridge. Für einige Unternehmen, wie zum Beispiel den Lebensmittelhandel, könnten "technische Lösungen" in Frage kommen, um eine reduzierte Arbeitszeit auszugleichen, etwa eine Verlagerung ins Internet. Burchell räumt ein, dass mehr Planungsaufwand und eine Erweiterung der personellen Ressourcen in Branchen mit Kundenkontakt in Betracht gezogen werden müssen, um Angestellten eine Verkürzung der Arbeitszeit zu ermöglichen.

"Die Vier-Tage-Woche stellt das derzeitige Arbeitsmodell in Frage und hilft Unternehmen, sich von der bloßen Messung der Arbeitszeit wegzubewegen und sich stärker auf die erbrachte Leistung zu konzentrieren. 2022 wird das Jahr sein, in dem diese mutige neue Zukunft der Arbeit eingeläutet wird," so Joe O'Connor, der Geschäftsführer von 4 Day Week Global und Leiter des Pilotprojektes.

Doch es gibt auch Schattenseiten, wie Professor Burchell einräumt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen in höherem Tempo arbeiten, mit möglichen Folgen für die Gesundheit der Beschäftigten. Der Druck und das Stressniveau sowie daraus resultierend physische und psychische Probleme könnten zunehmen.

Arbeitgeber stehen außerdem vor dem Problem, sich aus altbekannten Strukturen lösen zu müssen, wirtschaftlichere Modelle für die Arbeitsorganisation zu finden. An ihnen liegt es, die Arbeitszeit entsprechend ihren Unternehmensstrukturen zu reduzieren. In einigen Branchen, wie zum Beispiel im Einzelhandel, ist die Verkürzung der Arbeitswoche trotz aller digitaler Hilfsmittel nur mit Neueinstellungen umsetzbar und zahlt sich nur dann aus, wenn dafür die Produktivität und Zufriedenheit der Teams gesteigert werden kann. Für Arbeitgeber ist das Projekt zunächst vor allem mit steigenden Kosten verbunden. Doch wenn auf lange Sicht damit Mitarbeiter gehalten werden können, sei das "okay", so der Soziologie-Professor Burchell.   

"Wir werden sehr offene Interviews mit den teilnehmenden Arbeitgebern über die Vor- und Nachteile führen, um herauszufinden, was sie motiviert und welche Erfahrungen sie während des Versuchs gemacht haben." Burchell weist darauf hin, dass die lange Testphase des Pilotprojekts viele Fragen hinsichtlich der Umsetzung der 4-Tage-Woche beantworten könne. Die Pandemie hat sicher dazu beigetragen, dass sich die Art und Weise der Arbeit geändert hat. Mehr Homeoffice, digitalisierte Arbeitsprozesse und weniger Pendelverkehr sind Stichworte für New Work und die damit verbundene Mobilität.

"Manager und Führungskräfte setzen zunehmend auf ein neues Arbeitsmodell, das sich auf die Qualität der Ergebnisse und nicht auf die Quantität der Arbeitsstunden konzentriert", so O'Connor.

Einer der Vorreiter und Verfechter für weniger Arbeitszeit ist das neuseeländische Unternehmen Perpetual Guardian. Die Finanz- und Immobilienfirma hat 2018 zwei Monate lang die Vier-Tage-Woche bei gleichem Gehalt getestet. Der Versuch wurde wissenschaftlich von der Auckland School of Business begleitet. Acht Wochen lang hatten die Angestellten jeden Freitag frei. "Die Gesamtproduktivität ist gestiegen, der Krankenstand hat sich halbiert und die Qualität der Bewerber hat sich verbessert", brachte Perpetual-Guardian-Boss Andrew Barnes seinerzeit den Erfolg auf den Punkt. Er und Charlotte Lockhard gründeten im gleichen Jahr die Initiative 4 Day Week Global. Ein Jahr später testete Microsoft Japan das Programm und konnte seine Produktivität um 40 Prozent steigern.

Unilever bot im Dezember 2020 seinen 85 Mitarbeitern in Neuseeland an, testweise nur noch vier Tage die Woche zu arbeiten. Sollte das Experiment positive Ergebnisse hervorbringen, will der Konsumgüterriese prüfen, ob sich das Modell auch in größerem Umfang umsetzen und auf seine weltweit rund 155 000 Mitarbeiter ausdehnen lässt. Die Pandemie machte dem Versuch, der auf ein Jahr angelegt war, jedoch einen Strich durch die Rechnung. Das Projekt verzögerte sich. Ergebnisse sind im Sommer zu erwarten. Vorher möchte sich der Konzern zu den Erfahrungen nicht äußern.

Auch in Österreich ist das Thema präsent. So will Lidl in diesem Jahr eine Vier-Tage-Woche für ausgewählte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Österreich testen. Der "Wunsch nach flexiblen Arbeitsmodellen" sei immer größer geworden, argumentiert der Discounter. Damit solle den Mitarbeitenden eine bessere Work-Life-Balance ermöglicht werden.

Die größte Studie, die bislang in Bezug auf die Vier-Tage-Woche durchgeführt wurde, fand zwischen 2015 und 2016 in Reykjavik, der Hauptstadt Islands, statt. Mehr als 2 500 Arbeitnehmer nahmen daran teil. Sie wurde ebenfalls als Erfolg gewertet. Das Burnout-Risiko sank und es gab keine negativen Auswirkungen auf die Produktivität.

Ein positives Ergebnis erhoffen sich auch die Betreiber des Pilotprojekts in Großbritannien. "Bezahlte Arbeit nimmt einen großen und wichtigen Teil unseres Lebens ein, aber sie sollte uns nicht dominieren" sagt Professor Burchell, denn "es gibt so viele andere Dinge zu tun".







































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