Frauen in der IT: "Gutes Arbeitsklima spricht...
Frauen in der IT

"Gutes Arbeitsklima spricht sich rum"

Fressnapf
Benjamin Beinroth: Hat Fressnapfs IT-Abteilung vom Auftragnehmer zum Mitgestalter neuer Geschäftsmodelle transformiert.
Benjamin Beinroth: Hat Fressnapfs IT-Abteilung vom Auftragnehmer zum Mitgestalter neuer Geschäftsmodelle transformiert.
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Frauen in der IT
"Gutes Arbeitsklima spricht sich rum"
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Wie man mehr Mitarbeiterinnen für die IT-Abteilung gewinnt, kann Benjamin Beinroth eigentlich nicht beantworten. Nach der Beobachtung des IT-Verantwortlichen bei Fressnapf kommen Frauen dann, wenn die Arbeitsatmosphäre stimmt. Und dafür hat er viel getan.

160 Menschen arbeiten in der IT für Fressnapf, davon sind ein Drittel Frauen. "Sie ergründen und arbeiten tief in der Technologie und entwickeln diese nach vorn", sagt Benjamin Beinroth, Senior Vice President IT & Processes bei Fressnapf. Auch drei der sieben ihm direkt unterstellten Führungskräfte sind weiblich. Viel Aufhebens will er gar nicht darum machen, "sollte im 21. Jahrhundert nichts Besonderes sein", findet er. Auch er komme aus Firmen, in denen es eine gute Durchmischung gab. Außerdem kaufen vor allem Frauen bei Fressnapf ein. "Da wäre es doch fatal, wenn IT-Produkte, die wir bis zum Kunden bringen wollen, nur von Männern gemacht wären."

Doch als er 2016 bei Fressnapf anheuerte, war die Situation noch eine andere. Zwar konnte der Fachhändler von jeher viele Bewerberinnen mit dem emotionalen Thema Tier anziehen, die Frauenquote in der Zentrale liegt bei 55 Prozent. Doch das galt nicht für die IT. "Über Diversität sprachen wir nicht, weil wir schlicht keine oder nur sehr wenig Bewerbungen von Frauen bekamen", so Beinroth. Das habe sich in den letzten Jahren stark verändert.

"Bei den Trainees und Azubis bewerben sich inzwischen mehr Frauen als Männer. Und bei offenen Stellen sind wird fast pari", sagt er stolz. "Nur in der Fressnapf-IT habe ich die Quote von 15 auf 34 Prozent steigen sehen. Ohne große Programme, es passiert einfach. Die Frauen machen hier ihren Weg."

Es sei nicht so, dass sie besonders angesprochen oder anders gefördert würden als die männlichen Kollegen. Im Bewerbungsverfahren seien einzig und allein das Können und die Teamfähigkeit ausschlaggebend. Allein im letzten Jahr wurden 73 neue Mitarbeiter eingestellt – darunter 28 weibliche. "Die Besetzung hat manchmal ein paar Tage länger gedauert, aber wir haben es geschafft", resümiert Beinroth. "Ich glaube, es spricht sich einfach herum, dass wir hier ein gutes Arbeitsklima haben."
„Die Frauen machen hier ihren Weg. Ohne große Programme, es passiert einfach“
Benjamin Beinroth


Das belegen auch die kurzen Mitarbeiter-Feedbacks, die alle 4-6 Wochen eingeholt werden: Sie messen einen IT-Engagement-Index von 95 Prozent und eine hohe Weiterempfehlungsrate. "Unsere Fluktuation liegt nur bei 3 bis 5 Prozent." Erster offensichtlicher Grund: Hunde dürfen mit zur Arbeit gebracht werden und auch bei der Entwicklung von IT-Lösungen gehe es thematisch um Haustiere. Ein zweiter ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für jedermann.

Darauf zahlt für Beinroth auch der gerade laufende Umbau des Fressnapf-Campus ein. "Wir gestalten die Unternehmenszentrale so um, dass die Leute wirklich alle Optionen haben, um ihre Arbeitswelt und ihren -alltag individuell zu gestalten: vor Ort im Team oder in Ruhe zu Hause." Mobile Work helfe enorm dabei, Familie und Beruf in Einklang zu bringen, senke die Krankenquote und schaffe mehr Zufriedenheit. "Auf Familienfreundlichkeit Rücksicht zu nehmen, ist mir wichtig", sagt der vierfache Vater, der weiß, wie lang erkrankte Kinder ihre Eltern lahmlegen können. "Wir haben Konzepte entwickelt für den Wiedereinstieg von zu Hause aus, für selbstbestimmte Arbeitszeiten und -orte, um die Betreuung der Kinder sicherzustellen."

Die Arbeitsinhalte sind für Beinroth ein weiterer Pluspunkt von Fressnapfs IT-Abteilung. "Routinetätigkeiten wie Systembetreuung haben wir zum großen Teil outgesourct an Dienstleister." Dabei hilft auch, dass die Systeme fast zu 100 Prozent in die Cloud umgezogen sind. Erfreuliches Resultat: 60 bis 70 Prozent des IT-Teams arbeiten an konkreten Projekten oder Produkten. Ein Bereich sind neue IT-Lösungen für Mitarbeiter: "Zur Zeit rollen wir MIA – my intelligent assistant – in unseren Märkten aus. Damit schaffen wir die papierbasierte Administration hinten im Büro ab, damit die Mitarbeiter auf der Fläche und am Kunden sein können. Sie bekommen ein mobiles Endgerät, das individuell mit ihnen kommuniziert, einen Überblick über die Aufgaben ermöglicht und wichtige Informationen überall und jederzeit abrufbar macht. Die Software dafür haben wir in den letzten drei Jahren selbst entwickelt."

Zur "höchsten Kür" zählt der IT-Chef, "dass wir uns seit zwei bis drei Jahren zum Endkunden vorarbeiten mit analogen und digitalen Services, die im Ökosystem zusammengeführt werden". Für technologieaffine Menschen seien das megaspannende Projekte. Erst kürzlich wurde die Fressnapf App im Apple- und Google-Store gelauncht. "Für mich ist sie das Eingangstor des Kunden zu unserem Ökosystem. Nur wenn die App eine extrem hohe Qualität hat und relevante Services bietet, kann sie Kunden nachhaltig binden und das Ökosystem zum wirklich großen Geschäftsmodell machen." Als Beispielfunktionen nennt er Angebote vom nächsten Fressnapf-Markt inklusive Online-Bestell-Tool. Zukünftig dann vielleicht auch "Tinder für Hunde", die Vernetzung von Züchtern und Hundehaltern, der nächste Fellpflegetermin oder der digitale Kassenbon. "Der Kunde muss den Fressnapf-Kosmos niemals verlassen. Das macht Entwicklern richtig Spaß."

Dass jedes Projekt auch aus Perspektive der Frauen Bestand haben muss, sieht der CIO als Geschenk: "Die Ergebnisse sind besser." Ein Beispiel: Bevor MIA entwickelt wurde, setzte eine Kollegin durch, dass zunächst in den Filialen die Wünsche und Themen der Mitarbeiter abgefragt werden. "Ich hätte vielleicht gar nicht gefragt", sagt Beinroth. Aber genau deshalb sei das Produkt so erfolgreich. "Bis heute hat niemand angerufen und sich beschwert. MIA wird sofort angenommen." Seiner Überzeugung nach sind Frauen eher bereit, sich weiterzuentwickeln und neues Terrain zu betreten. "Eine Kollegin ist mit über 60 in die Rolle der Chief Product Ownerin geschlüpft. Davor habe ich großen Respekt."

200 Bürohunde gehören dazu : Auf sie sogar wird bei der baulichen Neugestaltung der Fressnapf-Zentrale Rücksicht genommen.
Yvonne Ploenes
200 Bürohunde gehören dazu : Auf sie sogar wird bei der baulichen Neugestaltung der Fressnapf-Zentrale Rücksicht genommen.

Wie beschreibt er eine attraktive Arbeitsumgebung für Frauen? "Dass das Geschlecht keinen Unterschied macht. Offen und ehrlich sein. Kommunizieren, an welchen Themen wir arbeiten. Strategie und Vision transparent machen", zählt Beinroth auf. "Mein Kalender ist einsehbar. Meine Tür steht jederzeit offen. Jeder kann seine Ideen loswerden, mit mir einen Kaffee trinken oder eine Runde um den Block laufen. Es ist nicht Schlaraffenland. Nicht jede Idee wird umgesetzt. Aber ich beurteile nicht die Projekte anderer, wenn ich nur halb drinstecke." Im Organigramm habe er sich bewusst als Coach neben die Einheit gesetzt und nicht darüber.

Sein Selbstverständnis als Führungskraft habe sich bei Fressnapf mächtig gewandelt. "Vor einigen Jahren hätte ich gesagt, ich bin der Technologie-Nerd und gebe die Strategien mit den Kollegen vor. Heute liegt mein Schwerpunkt auf Leadership, auf dem Vernetzen und Zusammenbringen von Menschen und der Herstellung eines guten Arbeitsklimas." Dafür gibt es einen Auslöser: "Als ich zu Fressnapf kam, führten wir 250 Projekte parallel, für die ich Strategie und operative Steuerung übernehmen sollte. Das war schlichtweg unmöglich." Er musste sich also überlegen, wie er die Mitarbeiter besser einbindet. Lösung: "Indem sie einen Teil meiner Aufgaben übernehmen und ihnen keiner reinquatscht." In der Folge wurde organisatorisch viel verändert und an der Haltung der Mitarbeiter gearbeitet: "Möchte ich Verantwortung übernehmen? Was will ich wirklich? Wo fühle ich mich wohl? Darum ging es und das hat ganz viele Menschen in neue Rollen und Aufgaben gebracht." Die Transformation einzuleiten, Menschen zu mehr Selbstbestimmtheit zu ermutigen, war ein Riesenprogramm: "Ich habe über zwei Jahre 40 Prozent der Arbeitszeit von fast jedem Mitarbeiter investiert, um genau dieses Thema zu bearbeiten", so Beinroth. Es hat sich ausgezahlt: Denn 60 Prozent der Zeit reichten plötzlich aus, um das Pensum zu schaffen.

Fressnapf-Inhaber Torsten Toeller habe ihm weitgehend freie Hand gelassen, sagt Beinroth. "Ich habe ihm gesagt, dass ich das Chaos auf meine Art und Weise beseitige." Natürlich habe der Firmengründer genau geschaut, ob Geld verbrannt wird und die Systeme betriebsbereit blieben. Die Wahrheit sei: "Die IT hatte seit vielen Jahren zahlreiche Baustellen. Und wenn Probleme auftraten, wurden sie sehr einseitig in der IT gesucht. Das haben wir komplett gedreht. Heute sind wir die Abteilung, die das Business mitgestaltet, an manchen Stellen sogar treibt. Wir erfinden neue Geschäftsmodelle und das in Symbiose mit anderen Abteilungen." In Product-Teams mit Einkauf, Logistik, Vertrieb würde iterativ an Lösungen gearbeitet. Motto: Ecosystem schlägt Egoismen.

Zum Glück habe sich das gesamte Unternehmen in die Transformation begeben. Äußerlich unschwer am Umbau der Zentrale zu erkennen. 

In der IT ist eine Kollegin 100 Prozent ihrer Arbeitszeit dafür da, einzugreifen, neue agile Methoden zu vermitteln, wenn es an Austausch fehlt oder Strategien nicht abgestimmt sind. "Ein gutes Team-Gefüge ist für uns immens wichtig, denn wir werden 2022 stark wachsen: um 70 weitere ITler." Kerngeschäftsprozesse sollen zu 100 Prozent von extern nach intern verlagert werden. "Zum Glück feiert Fressnapf jedes Jahr sein best year ever. Wir haben also die Mittel", wirft Beinroth als letztes Pfund für seine IT in die Waagschale.



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