Ganzheitlich führen : Von Kaufland zu New Lea...
Ganzheitlich führen

Von Kaufland zu New Leadership

Vitranc/Stock
Leistungsdruck: Für die eigenen Grenzen und Pausen ist jeder selbst verantwortlich.
Leistungsdruck: Für die eigenen Grenzen und Pausen ist jeder selbst verantwortlich.
Anhören

Merken

Ganzheitlich führen
Von Kaufland zu New Leadership
:
:
Info
Abonnenten von LZ Digital können sich diesen Artikel automatisiert vorlesen lassen.

Tanja Eggers hatte als Category Managerin Fleisch bei Kaufland viel erreicht, als die Karriere ihres Partners im gleichen Unternehmen durch einen Schlaganfall ein jähes Ende nahm. Heute setzt sie sich als Business Coach für eine ganzheitliche Art der Führung ein und macht Mut zum eigenen Weg.

Frau Eggers, Sie haben gerade ein Buch mit dem Titel "Perspektive Patchwork" veröffentlicht. Es geht darum, das Leben als Kunstwerk aus vielen bunten Flicken zu verstehen und auch zu würdigen.

Genau. Meine persönlichen Erfahrungen in einer siebenköpfigen Patchwork-Family habe ich intensiv reflektiert und auf den beruflichen Kontext übertragen: Wie gelingt es, Menschen mit ganz unterschiedlicher Geschichte, unterschiedlichen Erfahrungen und Werten so zu einem Team zusammenzufügen, dass die Naht nicht trennt, sondern verbindet. Motto: Welche Stärken hat der andere, was kann ich von ihm lernen und wie kann ich meine persönliche Patchwork-Decke erweitern?



Tanja Eggers, 47, startete ihre Karriere bei Kaufland als duale Studentin. Mit 38 Jahren steuerte sie die komplette Wertschöpfungskette Fleisch in über 700 Kaufland-Märkten in Deutschland und Tschechien.
Nutzmedia
Tanja Eggers, 47, startete ihre Karriere bei Kaufland als duale Studentin. Mit 38 Jahren steuerte sie die komplette Wertschöpfungskette Fleisch in über 700 Kaufland-Märkten in Deutschland und Tschechien.


Hatten Sie als Prokuristin bei Kaufland denn auch schon Zeit für diesen ganzheitlichen Blick auf jeden Menschen?

Es ist eine Frage der Priorisierung. Ich glaube, Empathie und das Interesse an Menschen haben mich schon immer als Führungskraft ausgemacht, aber da ich eine sehr zielorientierte und ehrgeizige Managerin im Handel war mit hohen Anforderungen an sich und andere, musste ich erst lernen, mir die Zeit dafür zu nehmen. Es ist wichtig zu wissen, wie es den Mitarbeitenden geht und in welcher Lebensphase sie sich gerade befinden. Zielorientierung und Wertschätzung bilden keinen Gegensatz. Im Gegenteil, sie gehen eine Symbiose ein.


Was können Unternehmen gewinnen, die sich intensiv mit ihren Mitarbeitern, deren Potenzialen und auch Befindlichkeiten beschäftigen? Und was verlieren die, die es nicht tun?

Wir haben Fachkräftemangel: Es geht zur Zeit mehr denn je darum, Mitarbeitende zu finden und zu binden. Kleine Elemente der Wertschätzung reichen schon, um Teammitglieder zu zeigen, dass man sie sieht. Es muss nicht immer die Gehaltserhöhung sein. Wer glaubt, dass der Betrieb auch funktioniert, ohne dass man sich um das Potenzial jedes Einzelnen bemüht, verliert Personal und verschenkt eine Menge an Ideen, an Innovation, an Impulsen, wie man es noch besser machen kann. Und das ist Teil der Wertschöpfung – auch im zahlenorientierten Handel.

Wie lernen das Führungskräfte, die mit anderem Rollenbild gestartet sind?

Sie dürfen einfach mal ihre Neugier auf andere Generationen und Meinungen zulassen und sich gleichzeitig selbst öffnen, indem sie Einblicke in ihre Welt und ihren Erfahrungsschatz geben. Das hilft, auf Augenhöhe zu kommen. Die nachrückenden Generationen nehmen das aus meiner Sicht dankbar und respektvoll an. Es geht um Vertrauen und um das Voneinander Lernen. Intergenerativ.

Ihr Buch hat die Unterzeile "mehr Mut zur ganzheitlichen Gestaltung von Leadership, Karriere und Kultur". Warum Mut?

Mut ist eine Schlüsselkompetenz der Zukunft. Lebenswege und Karrieren verlaufen nicht immer linear. Es ist wichtig, sich weiterzuentwickeln, lebenslang zu lernen, vor allem Mut zum eigenen Weg zu haben, sich etwas zuzutrauen, zu experimentieren.



Sie stellen fest, dass das Interesse an einer guten Selbstwahrnehmung zunimmt. Spielen dabei die Pandemie und mobile Arbeit eine Rolle?

Ja, wir haben zwei besonders anstrengende Jahre hinter uns und mussten uns alle zeitweise auf die Suche danach begeben, was uns Energie schenkt, uns positiv stimmt. Ich merke die steigende Nachfrage nach Themen der Achtsamkeit auch im Business. So biete ich in einem Unternehmen morgens online 30-minütige "Snacks" zur Selbstreflektion an, die gut angenommen werden. Das Homeoffice hat uns gezeigt, dass es Rückzugsmöglichkeiten gibt, die wir nutzen können. Gleichzeitig lassen sich private Bedürfnisse wie Arzttermine oder Mittag essen mit den Kindern mit dem Arbeitsalltag vereinbaren.


Tanja Eggers und Jörg Zuber: Das Paar begann seine berufliche Laufbahn bei Kaufland.
Nutzmedia
Tanja Eggers und Jörg Zuber: Das Paar begann seine berufliche Laufbahn bei Kaufland.

Wie sehr Gesundheit über allem steht, wurde Ihnen vor Augen geführt, als Ihr Mann mit 49 Jahren einen Schlaganfall erlitt, von dem er sich nicht mehr komplett erholte. Er ging in Frührente, Sie gaben ihre Karriere auf und machten sich früher als geplant selbstständig. Wie kam das?

Ich habe sehr deutlich erfahren, dass das Leben sich von heute auf morgen ändern kann. Dies hat mich stark geerdet in Bezug auf meine eigene Lebensplanung. Mein Partner war ein Rhetoriker und Bühnenmensch und hat die Sprache durch den Schlaganfall zunächst verloren, daher sprach ich plötzlich für uns beide. Heute ist mein Mann mein Inhouse-Consultant, der mir bei der Vorbereitung von Coachings und Workshops hilft und gelegentlich auch mit mir auftritt: Wir wollen unseren Erfahrungsschatz weitergeben und anderen Mut machen im Umgang mit Veränderungen.

Wie schaut Ihr Mann heute auf seine Karriere im Handel? Was würde er anders machen?

Jörg hat bei Kaufland eine steile Karriere gemacht, vom Trainee bis zum Geschäftsführer, worauf er sehr stolz ist. Rückschläge kannte er nicht. Sein Antreiber, "sei stark", wurde zu seiner größten Schwäche, sagt er selbst. Heute – nach dem Schlaganfall vor sechs Jahren – sieht er manches gechillter, mit mehr Abstand. Sein Learning: Besser auf den Körper, auf eventuelle Anzeichen achten und stärker in den Austausch gehen statt alles mit sich selbst auszumachen.

Sehen Sie Unternehmen in der Verantwortung, auf die mentale und physische Gesundheit ihrer Mitarbeiter achtzugeben? Mit Fitnessstudio allein ist es wahrscheinlich nicht getan.

Die Verantwortung liegt auf mehreren Schultern: Zunächst gilt es, die eigene Gesundheit selbst im Blick zu behalten, Grenzen zu erkennen und entsprechend Pausen einzulegen. Dazu wird einen niemand auffordern, schon gar nicht in der Rolle der Führungskraft. Wer ein Team leitet, sollte auch durch die Gesundheitsbrille auf seine Leute schauen, Veränderungen wahrnehmen und den einzelnen Mitarbeitenden nicht nur als Leistungserbringer sehen. Der gesunde Umgang miteinander ist am Ende eine Frage der Haltung und der Kultur, die das Unternehmen vorleben muss – egal in welcher Branche.

Wenn ein Manager das Thema Achtsamkeit abtut als weich und irrelevant, was sagen Sie ihm?

Ohne Gesundheit ist alles nichts. Ich darf das provokativer als andere sagen als Partnerin eines Schlaganfallpatienten. Mehr Menschlichkeit in die Unternehmen zu bringen, betrachte ich heute als meinen gesellschaftlichen Beitrag.



stats